. Dem altersschwachen Weiblein habe ich die Holzschleppe vom Rücken genommen , auf daß ich sie in seine Klause trage . Dem Hirten habe ich die Herde von dem gefährlichen Gewände abgeleitet . Und im Winter , wenn gar keine Menschen sind weit und breit , habe ich mit dürren Samen und wilden Früchten die Vöglein gefüttert und die Rehe . Geweint habe ich über diesen meinen armseligen Wirkungskreis und vor dem Kreuze habe ich gebetet : Herr , vergib ! und nur einmal laß mich was Gutes vollenden ! Und so habe ich , in der Absicht , etwas Rechtes zu vollbringen , den Jungen aus dem Hinterwinkel zu mir genommen . Ich hatte gehört , daß er von seinem Vater die Tobsucht geerbt haben soll . Ich habe bedacht , daß , wie der Mathes daran zugrunde gegangen , so auch der Lazarus daran zugrunde gehen müsse , könne durch eine entsprechende Zucht dem Übel nicht gesteuert werden . Auch habe ich bedacht , daß ein schwaches , weichherziges Weib nimmer imstande ist , dem gefährdeten Kind die strenge Leitung , die nötig ist , angedeihen zu lassen . Da habe ich eines Tages im Walde den Knaben am Grabe seines Vaters getroffen . Er hat erbärmlich geweint und ist nicht von mir geflohen wie andere Kinder . Und als ich ihn frage , was ihn denn so sehr betrübe , da antwortet er , er hätte einen Stein geschleudert nach seiner Mutter , und so wolle er jetzt sterben . Ich entgegne ihm , er möge getrost sein ; ich hätte auch einmal so einen Stein geschleudert gegen Menschen , aber nun wäre ich in die Wildnis gegangen , daß ich Buße tue und einen besseren Mann aus mir mache . Und ich frage ihn , ob er es auch so halten wolle . Der Knabe hat mich flehend angeblickt und ja gesagt . So habe ich ihn mit mir genommen in das Felsental und in mein Haus . Über ein Jahr habe ich ihn bei mir behalten , auf daß ich ihn an strenge Ordnung hielte und seine wilden Anfälle zu unterdrücken suchte . Täglich haben wir vor dem Kreuze gemeinsam unsere Andacht verrichtet . Und ich habe dem Knaben die Geschichte von dem Gekreuzigten erzählt , habe ihm mit aller Wärme eines sehnenden Herzens dargestellt die Liebe , Geduld und Sanftmut des Heilandes , und ich habe gemerkt , wie das Gemüt des Knaben davon ergriffen worden ist . Es ist ja ein herzensguter Junge . Wir haben zusammen gearbeitet , haben Waldfrüchte , Kräuter und Schwämme gesammelt zu unserer Nahrung . Hirsche und Rehe haben wir nicht geschossen , wie der Lazarus einmal vorgeschlagen . Stühle und Fußmatten flechten wir für unsere Felsenwohnung und für den Branntweiner , der sie an den Mann zu bringen weiß . Viel Brennholz sammeln wir auf vor unserem Eingang . Gehe ich in die Lautergräben oder in die Winkelwälder hinaus , so bleibt der Knabe willig im Felsenhause und arbeitet allein . Gerne hat er mir von seiner kleinen Schwester erzählt , aber nie ein Wort von seiner Mutter , gleichwohl er im Traume oft genug von ihr gesprochen hat . Ich habe es ihm angemerkt , wie sehr das Gewissen seiner Tat ihn hat gepeinigt . Auf daß der Knabe sich in Geduld und Sanftmut übe , habe ich ein Mittel erfunden , das , wie seltsam und einfältig es auch aussehen mag , doch eine schätzbare Wirkung in sich trägt . Ich fasse einen Rosenkranz aus grauen Steinperlen zusammen , und diesen Rosenkranz muß mir der Lazarus allabendlich abbeten , ehe er zu Bette geht . Aber nicht mit dem Munde abbeten , sondern mit den Fingern und mit den Augen . Er muß nämlich alle Perlen von der Schnur streifen , daß sie auf den Erdboden hinkollern ; und nun ist seine Aufgabe , daß er die in alle Winkel gerollten Kügelein mühsam wieder zusammensuche und auflese . Anfangs hat er bei dieser mühsamen Arbeit sein Zucken wohl bekommen , aber da er dadurch dem Geschäfte hinderlich statt förderlich ist , so hat er es nach und nach mit mehr und mehr Fassung verrichtet , trotzdem das Suchen oft stundenlang dauert , bis er die letzte und allerletzte Perle findet . Und endlich hat er es mit einer Ruhe und Selbstüberwindung getan , die verehrungswürdig ist . - Kind , sage ich einmal , das ist das schönste Gebet , daß du Gott und deiner Mutter zu Liebe tun kannst , und damit erlösest du deinen Vater . Da blickt mich der Junge mit seinen großen Augen glückselig an . Wir haben nicht gar viel miteinander geredet , aber um so gewichtiger und überlegter ist jedes gesprochene Wort gewesen . Er scheint mich lieb gehabt zu haben , er hat jeden Wunsch meiner Augen zu erfüllen gesucht . Nach meiner Weisung hat er mich den Bruder Paulus geheißen . Wohl , es ist eine gewagte Art gewesen , wie ich den Knaben zu mir gerissen und geschult habe ; aber ich mag hoffen , daß er glücklich auf einen besseren Weg geleitet ist . - O , mein Freund , wie oft habe ich mir gesagt : einem , und wenn auch nur einem Menschen mußt du von allen Seelengaben , die dem Priester zu Gebote stehen sollen , die Gabe der Selbstbeherrschung eigen machen , dann bist du erlöst . Ich habe mich im Laufe des Jahres oft nach der Mutter des Knaben umgesehen ; und so sehr ich mich selbst an den Knaben gewöhnt , habe ich doch den Tag ersehnt , an welchem ich dem armen Weibe das verschollene Kind wieder zurückgeben kann , wie ein Stück reinen Goldes nach der Läuterung . Da finden wir eines Abends das Kreuz nicht mehr auf dem Steingrunde . Es war unser Gottesaltar gewesen und das Zeichen der Entsagung und Selbstbeherrschung . Und nun starrt uns die moderige Grube an , aus dem es emporgeragt