Nun , nun « , sagte der Emeritus begütigend , » es war nicht schlimm gemeint . Unsereiner nimmt doch auch immer noch teil an dem Vergnügen der Menschheit und hat sein Pläsier dran , wenn seinem Nebenmenschen ein guter Bissen auf den Teller fällt . Na , Fräulein Tonie , Fräulein Häußler , vergessen Sie den Alten im Siechenhause nicht , wenn der Herr Großvater angekommen ist . Wissen Sie , aus alter Bekanntschaft - er wird sich wohl selber erinnern ; aber es ist einerlei , ich wünsche viel Glück und gönne ihm sein Glück , und ich wollte nur sagen , daß es mir eine große Ehre wäre , wenn er sich meiner auch erinnerte und vielleicht aus seinem guten Herzen eine Gabe in das Hotel Schubbejack schickte . « » Ich weiß nichts - ich verstehe nicht - ich bin so sehr erschrocken . Jetzt will ich heim - geht fort , laßt mich frei , ich bitte Euch herzlich ! Man wird mich daheim vielleicht schon vermissen ! « » Halt ! « rief der Emeritus , » halt ! Fräulein Tonie , wissen Sie wirklich nicht , was für ein unmenschliches Glück und unverdiente Herrlichkeit für Sie unterwegs ist ? « Das junge Mädchen schüttelte immer ängstlicher den Kopf . » Ei , so soll mich der Teufel holen , wenn ich mir nicht auch von Ihnen ein Trinkgeld , und zwar ein anständiges , verdiene , gnädiges Fräulein . Also hat die Bagage Ihnen noch nichts verkündigt ? Schön , so horchen Sie gefälligst ; ich habe vorhin auch gehorcht und Wunderdinge erfahren ; aber so sind die Leute : alles Gute behalten sie so lange als möglich für sich selber und lassen nichts heraus , wenn man ihnen nicht mit dem Brecheisen oder dem Dietrich kommt . Ja , der Dietrich , der Dietrich - ach , gnädigstes Fräulein Tonie , wenn ein Mensch gewußt hat , was in dem Dietrich steckte , so bin ich der Mensch gewesen , und jetzt kommen Sie her und lassen sich erzählen und denken nachher dankbar und erkenntlich an den armen alten Mann im Siechenhause , von dem kein Mensch was wissen will und der es doch so gut mit der Menschheit meinte . « In seiner Weise , das heißt mit seinen Redensarten und Ausschmückungen , flüsterte der Emeritus dem jungen Mädchen alles das zu , was er vorhin bruchstückweise von der Unterhaltung Hennigs und Janes erlauscht hatte , und so erfuhr Antonie Häußler über den Gräbern der Mutter und Pflegemutter , im Schatten der zerbröckelnden Mauer des Armenhauses von Krodebeck das große Glück , welches ihr bevorstand und um welches so große und betrübte Aufregung bei allen Freunden auf dem Lauenhofe herrschte . Was der gute Ritter von Glaubigern ihr in der zartesten Weise sagen sollte , das sagte ihr jetzt das brutale Schicksal mit rohem Lachen , heimtückisch-neidisch , frech und erbarmungslos - o weshalb brauchte der Chevalier so lange Zeit , sich zu besinnen ? Weshalb mußte Fräulein Adelaide von Saint-Trouin auch heute um ihre Meinung gefragt werden ? Müssen die braven Leute überall und immer zu spät kommen , um sich mit denen , die zu ihnen gehören , zu verständigen , ehe die gleichgültige , schadenfrohe oder eigennützige Welt sich vordrängt und jede Verständigung , jeden Trost und jeden Ausgleich so häufig unmöglich macht ? ! Lautlos hörte Antonie Häußler den Emeritus an . Sie lehnte an dem hölzernen Gitter , welches eines der Gräber des Dorfes umschloß , ihre Hand lag auf einem der Eckpfosten , und diese Hand umklammerte immer fester ihre Stütze . Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder , sah vor sich im roten Schein und Nebel das alte böse Gesicht schwankend , undeutlich und doch peinlich klar wie alles umher , wie das Laternchen auf dem Hügel der Mutter , wie die zerstreuten Blumen , wie das hohe Gras zu ihren Füßen , die schwarzen Bäume und Büsche und die schwärzere Nacht , die von allen Seiten grimmig herandrängte . In diesem Augenblick wurde vom Lauenhof her ihr Name gerufen , da entfloh sie mit einem leisen Schrei ; sie lief in die Dunkelheit hinein , gänzlich unfähig , über ihren Weg und Willen Rechenschaft zu geben . Es war Hennig , welcher dem guten Kameraden rief . Die Herrschaften auf dem Hofe waren nach heftigem Durcheinander der Meinungen zu der Ansicht gekommen , daß es leider unbedingt nötig sei , das Kind von der Sachlage in Kenntnis zu setzen , und man suchte nach dem Kinde . Während die anderen hin und her fragten , ging der Chevalier , fort und fort unverständliche Sätze murmelnd , auf und ab . Man verfolgte die Spur der Tonie von der Mamsell Molkemeyer in den Garten und erfuhr , daß sie mit ihrem Strauß und ihrer Laterne auf der Landstraße gesehen worden war . Jane Warwolf ahnte , wohin sie gegangen sein könne , und folgte ihr mit Hennig . Sie riefen beide und horchten und warteten auf Antwort ; aber der Emeritus saß kichernd und glucksend , seinen schwarzen Pfeifenstummel im Munde , wieder in seinem Winkel und ließ sie rufen , ohne sich zu rühren . Als jedoch Hennig an sein Fenster klopfte , öffnete er es sehr vergnügt und antwortete auf die Frage , ob er nicht das Fräulein Tonie auf dem Kirchhofe gesehen habe : » Freilich habe ich sie gesehen und ihr mit Höflichkeit die Hohnörs gemacht , wie es sich schickte . Hab mich auch recht schön und bescheiden im voraus bei dem Herrn Großvater in gütige Erinnerung empfohlen . Sie brauchen sich weiter keine Molesten zu machen , Herr von Lauen ; ich hab dem Fräulein alles erzählt - alles der Reihe nach , wie ich es vorhin von meinem Jammerwinkel her von Ihnen und der gnädigen Frau von Warwolf hier in Erfahrung gebracht habe . Das Fräulein waren sehr interessiert und dankbar , aber auch ,