dürfen . Damit leitete er leicht und ungezwungen ein längeres Gespräch ein . Den formgewandten Weltmann überkam es fast wie eine ungewohnte Verlegenheit dem tiefernsten Mädchen gegenüber , das so ruhig und unbefangen in sein Auge sah und in merkwürdig klarer und bestimmter Weise ungewöhnliche Gedanken zum Ausdruck brachte . Sie unterhielten sich lange und eingehend , und das Gespräch berührte die verschiedenartigsten Themen . Schließlich erkundigte sich die Hofrätin nach Aennchen . Felicitas nahm das Kind auf den Arm und deutete mit frohem Lächeln auf den Anhauch einer frischen , gesunden Röte , welche die früher so fahlen Wangen der Kleinen bedeckte . Beim Auseinandergehen reichte die alte Dame Felicitas die Hand ; auch ihr Sohn streckte die Rechte über den Zaun herüber , und das junge Mädchen legte unbedenklich und freundlich die ihre hinein ... In dem Augenblick knarrte die Gartenthür und der Professor trat auf die Schwelle . Er blieb einige Sekunden wie angewurzelt stehen , dann griff er langsam nach dem Hute und grüßte herüber - Felicitas sah , wie ihm eine jähe , tiefe Röte über das Gesicht flog ... Der Rechtsanwalt öffnete die Lippen , um ihn anzurufen , aber er wandte rasch den Kopf nach der entgegengesetzten Seite und ging in das Gartenhaus . » Nun , das war wieder einmal ein echter , zerstreuter Professorengruß ! « sagte der junge Frank lachend zu seiner Mutter . » Der gute Johannes hat offenbar irgend einen unglücklichen Patienten in effigie unter dem Messer , und in solchen Augenblicken kennt er seine besten Freunde nicht . « Mutter und Sohn kehrten an den Kaffeetisch zurück , und Felicitas suchte Schutz und Schatten im Grasgarten . 22 Die riesigen grünen Schirme des Taxus waren eine vortreffliche Schutzmauer gegen die Sonne , den Wind , welcher seit kurzem ziemlich heftig über den weiten Kiesplatz fegte - und gegen strafende Blicke , die möglicherweise aus dem Gartenhause herüberfliegen konnten ... Felicitas kannte das Gesicht des Professors viel zu gut , um nicht zu wissen , daß er vorhin ärgerlich und gereizt , nicht aber zerstreut gewesen war ; sie meinte sogar auch den Grund seines Unmuts zu kennen . Er verlangte bezüglich seiner ärztlichen Maßregeln stets einen unbedingten Gehorsam , und nach allem , was Rosa über seine Bonner Praxis erzählt hatte , war er gewohnt , seinen Wunsch und Willen stets streng respektiert zu sehen - er hatte Felicitas mehrmals , zuletzt sogar mit großer Ungeduld das Tragen Aennchens untersagt , und heute mußte er abermals sehen , daß sie sein Verbot mißachte ... So nur konnte sie sich seinen Blick voll ärgerlicher Ueberraschung erklären , den er ihr beim Eintreten in den Garten zugeworfen hatte . Felicitas setzte sich auf eine Bank des weit abgelegenen Dammes . Eine einsame Hängebirke erhob hier ihren feinen weißen Stamm und ließ die elastischen Zweige zum Teil laubenartig über die Bank fallen . An dieser geschützten Stelle strich der Wind fast unmerklich hin ; manchmal zitterten die Gräser auf wie im tieferen Atemholen , und die Birkenzweige schüttelten sich leise . Der Mühlbach aber , durch die Regenfluten stark angeschwollen , schoß brausend vorüber - ein gurgelndes , mißfarbenes Gewässer , das heimtückisch an den Haselbüschen des Ufers riß und wühlte . Das Kind pflückte mit unbeholfenen Fingerchen Wiesenblumen , und Felicitas mußte die armen , meist nahe am Kelch abgerissenen Dinger zu einem kurzstieligen Sträußchen für » den Onkel Professor « zusammenbinden . Dies mühsame Geschäft erforderte Ausdauer und Aufmerksamkeit ; Felicitas heftete ihre Augen unablässig auf das werdende Bouquet in ihren Händen - sie sah nicht , wie der Professor zwischen den Taxuswänden hervortrat und über den großen Rasenplatz rasch auf sie zuschritt . Ein Ausruf Aennchens schreckte sie endlich auf ; allein da stand er auch schon neben ihr . Sie wollte sich erheben , er faßte jedoch sanft ihren Arm und drückte sie auf die Bank nieder - dann setzte er sich ohne weiteres neben sie . Es geschah zum erstenmal , daß sie ihm gegenüber einen Moment völlig fassungslos war . Noch vor vier Wochen würde sie entschieden , voll Abscheu seine Hand zurückgestoßen und sich sofort entfernt haben ... jetzt saß sie wie gelähmt da , willenlos , als stehe sie unter dem Banne eines Zaubers . Es verdroß sie , daß er seit kurzem einen so vertraulich unbefangenen Ton gegen sie annahm - sie wünschte nichts sehnlicher , als ihn zu überzeugen , daß sie , genau wie ehedem , ihn hasse , verabscheue bis zum Sterben ; allein plötzlich fand sie weder Mut noch Worte , ihm dies auszusprechen . Ihr scheuer Blick streifte seine Züge - sie sahen nichts weniger als zornig oder verdrießlich aus , die auffallende Röte war verflogen - Felicitas grollte mit sich selbst , weil sie sich eingestehen mußte , daß ihr dies unschöne Gesicht in seiner Kraft und Entschlossenheit wider Willen imponiere . Er saß einige Sekunden , ohne zu sprechen , neben ihr ; sie fühlte mehr , als sie sehen konnte , daß sein Blick unverwandt auf ihr ruhe . » Thun Sie mir den Gefallen , Felicitas , und nehmen Sie das abscheuliche Ding da vom Kopfe , « unterbrach er endlich das Schweigen ; auch seine Stimme klang ruhig , fast heiter , und ohne die Zustimmung des jungen Mädchens abzuwarten , faßte er leicht die Krempe ihres Hutes und schleuderte dies allerdings sehr häßliche , abgetragene Exemplar verächtlich auf den Rasen . Ein Sonnenstrahl , der , durch das leichtbewegliche Birkenlaub schlüpfend , bisher über das schwarze Strohgeflecht gegaukelt war , lag jetzt auf dem kastanienfarbenen Haar des Mädchens - ein Streifen flimmerte auf wie gesponnenes Gold . » So - nun kann ich doch sehen , wie Ihnen die bösen Gedanken hinter der Stirne arbeiten ! « sagte er mit dem schwachen Anfluge eines Lächelns . » Ein Kampf im Dunkel hat für mich Unheimliches - ich muß meinen Gegner sehen können , und daß ich ' s hier «