welches er sich um so williger schickte , als er , trotz seiner Corpulenz gern und gut tanzte , und auf alle Fälle ein sehr eifriger Bewunderer hübscher Mädchen und Frauen in Balltoilette war . Und an solchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht . Es war ein Kranz von lieblichen und schönen Gestalten , der auch wohl ein sinnigeres Auge als das des wüsten Edelmannes entzückt haben würde . Die lieblichste und schönste aber war nach dem ausgesprochenen oder schweigenden Urtheil der Herren wenigstens - die Ansicht der Damen über diesen Punkt war allerdings sehr getheilt - Melitta . Die sonst etwas bleichen Wangen vom lebhaften Tanz geröthet , die großen Augen strahlend von Licht und Leben , die schlanken elastischen Glieder der herrlichen Gestalt mit wunderbarer Anmuth in rhythmischem Schwunge bewegend - so schwebte sie über den glatten Boden des Saals wie die Muse des Tanzes selbst . Neben dieser blendenden Erscheinung wurden die hübschen Frauen ihres Alters zu Wachsfiguren und die jüngeren Mädchen zu allerliebsten Marionetten . So dachte wenigstens Oswald , wenn er sie im Walzer an sich vorbeifliegen sah oder sie ihm im Contretanze entgegen schwebte . Ein wunderbares Gemisch widersprechender Empfindungen erfüllte seine Seele . Seit jenem Augenblick , wo er in Melitta ' s Album das Bild des Baron Oldenburg zum ersten Mal gesehen hatte , war er unablässig von dem Gedanken verfolgt worden : in welchem Verhältniß stand sie zu diesem Mann ? Aber so oft auch schon die Frage auf seinen Lippen geschwebt hatte , nie hatte er sie auszusprechen gewagt , und je höher die Sonne seiner Liebe stieg , desto blasser war der drohende Schatten geworden . Heute aber hatte Barnewitzens Erzählung , das Erscheinen des Mannes selbst , Melitta ' s Benehmen in der ersten Begegnung - die halb entschlafenen Zweifel furchtbar geweckt . Wieder drängte sich das Wort auf seine Lippen und immer wieder kroch es scheu zum Herzen zurück . Er zürnte Melitta , daß sie ihn diese Qualen dulden ließ ; er zürnte sich selbst , daß er sich von der Geliebten hatte bestimmen lassen , ihr in diese Gesellschaft zu folgen , diese Junkerwelt , in die er nicht gehörte , in welcher er sich nur geduldet wußte , in diese Welt frivolen Genusses und hochmüthigen Dünkels , diese lärmende , blendende Welt , die so grausam mit der Romantik seiner Liebe contrastirte , und der wonnigen , liebeverklärten Waldeinsamkeit von Melitta ' s Kapelle Hohn zu sprechen schien . Es kam ihm wie ein halb verklungenes Märchen vor , daß dies wunderbare Weib in seinen Armen geruht , daß er - wie oft schon ! - seinen Mund auf diese rosigen Lippen gedrückt hatte . Sie erschien ihm so fremd , so ganz verwandelt ; er konnte sich nicht überreden , daß dies Melitta sei , seine Melitta , sie , die hier mit dem jungen Breesen lachte und schwatzte , die dort die faden Complimente von Clotens mit so huldvoller Miene beantwortete - und dann wieder , wenn ihr leuchtendes Auge das seine traf , wenn ihre Hand bei den Touren des Contretanzes seine Hand so traulich drückte , wenn bei dieser Gelegenheit ein : süßes Herz ! Du Lieber ! - nur ihm vernehmbar geflüstert , sein Ohr traf - ja , dann war es doch wieder Melitta , seine Melitta ! - Und immer wieder jagten sich Zweifel , die sich zu wahnsinniger Angst steigerten , und Gewißheit , die ihn mit unsäglichem Entzücken erfüllte , durch seine Seele , wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenschein über eine Sommerlandschaft jagen , und um dieser süßen Qual , dieser bittern Wonne zu entgehen , schlürfte er mit hastigen , gierigen Zügen den berauschenden Trank , der , aus blendenden Lichtern , jubelnden Tönen und wollüstigen Düften so seltsam gemischt , in einem Ballsaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantischen Taumel aufregt und das Gehirn umnebelt . Oswald lachte und scherzte wie von der tollsten Laune ergriffen : hier ein übermüthiges , keckes Wort , dort eine feine Schmeichelei ; hier eine satyrische Bemerkung , dort eine Sentimentalität ... Die Damen schienen vollkommen vergessen zu haben , daß ein so unermüdlicher und gewandter Tänzer , ein so hübscher Mann , der ihnen so viele hübsche Sachen zu sagen wußte , doch nur ein Bürgerlicher sei , der auf alle diese Vorzüge eigentlich gar keinen Anspruch machen durfte , und wenn ja eine der hochadeligen Mütter dem Töchterchen ihr unpassendes Benehmen mit dem jungen Menschen , dem Doctor Stein , verwies , so fiel das goldene Wort diesmal auf ganz unfruchtbaren Boden und die hübsche Kleine beruhigte ihr aufgeschrecktes adeliges Gewissen mit dem tröstlichen Gedanken : es ist ja nur für heute Abend ! - Es steht sehr zu vermuthen , daß das Glück , welches Oswald an diesem Abend bei den Damen machte , mehr als ein junkerliches Gemüth auf das Tiefste indignirte ; aber der Ausdruck dieser feindseligen Stimmung beschränkte sich auf einige höhnische Worte , von denen aber keins bis zu Oswalds Ohr drang , und auf einige ärgerliche Blicke , die , wenn er sie bemerkte , nur zur Erhöhung seiner tollen Laune beitrugen . Daß er sich auf einem sehr glatten Boden bewegte , wußte er sehr gut ; aber die Nähe der Gefahr , welche die schwachen Geister lähmt , läßt starke Herzen nur desto muthiger pochen ; und das Bewußtsein , wie er sich jeden Augenblick einer impertinenten Beleidigung versehen könne , gab seinem Benehmen den Junkern gegenüber eine Kühnheit , seinem Auftreten eine Sicherheit , die , wenn sie einerseits den Unwillen dieser Herren herausforderte , andererseits für sie die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen geradezu unübersteiglich machte . Und übrigens muß zur Ehre dieser jungen Adeligen bemerkt werden , daß sich in einer Schaar von zwölf oder vierzehn denn doch zwei oder drei fanden , welche von Vorurtheilen nicht so sehr befangen waren , daß sie Oswalds ritterliches Wesen nicht gern hätten