Keiner von der Mitschuld freisprechen , wenn ein solcher Krater zum Ausbruche kommt . Es gibt Stufen in der Mitschuld ; es gibt Sandkörner und Felsblöcke im Reiche des Bösen ; aber jeder klopfe an seine Brust und spreche sein » mea culpa « ; denn in ihrem innersten Wesen sind Revolutionen nie etwas anderes , als sittliche Erkrankungen der Menschheit in Folge der Sünde - und dazu hat jeder in seiner Weise beigetragen , sei es ein Atom , sei es auch nur negativ , oder durch Gleichgiltigkeit gegen Wahrheit und Recht , oder durch unbedachtsamen Beifall für das blendendgeschmückte Böse , oder durch passives Gewährenlassen desselben , das man Toleranz nennt und das doch nur ein Mangel an Entschiedenheit für das Gute ist . Im heimlichen Bewußtsein dieser allgemeinen Mitschuld erbebte die Welt , vom Thron bis zur Hütte , und alle Fundamente , die man schon so lange aus ihren Fugen zu sprengen suchte , schienen wirklich auseinander zu fallen und einen Schutt- und Trümmerhaufen nach sich zu ziehen , als die Revolution im Jahre 1848 Europa in Brand steckte . Der Augenblick der Emanzipation aller von allem schien gekommen zu sein , denn diejenigen , welche nicht in den Schwindel einstimmten , wurden als Minorität betrachtet und für die , welche ihm entgegentraten , wurde das Wort » Reaktionär « erfunden , wodurch sie als Verbrecher gegen das erhabene Werk der Revolution gestempelt und den Folgen einer blindrasenden Aufregung in den unteren Volksschichten preisgegeben wurden . Die Revolte ging bis in die Kinderstuben herab : Schulknaben empörten sich gegen mißliebige Lehrer . Die Fürsten aber ließen sich einschüchtern durch Studenten , Literaten , Advokaten , Journalisten und deren Anhang , flohen oder unterwarfen sich - und die Revolution regierte . Niemand sog ihren Rausch mit volleren Zügen ein , als Florentin ! Endlich war die Ära angebrochen , nach welcher sein vom Stachel des Ehrgeizes in ein beständiges Wundfieber versetztes Herz so brennend verlangte ! Endlich sollte eine großartige Demokratie die Ketten Europa ' s brechen und die befreite Menschheit aus den widernatürlichen Zuständen erlösen , unter denen sie schmachtete ! Endlich sollte das Individuum zu seiner wahren Geltung kommen und die ungeheuere Geistes- und Charaktergröße offenbaren , welche die revolutionäre Gesinnung in ihren Anhängern entwickelt ! Er schwelgte in diesen Voraussetzungen . Zu welcher Höhe er selbst sich erschwingen werde - ob zu einem Cajus Gracchus , ob zu einem Brutus , oder Cromwell , oder Washington , oder Danton - das war ihm freilich nicht klar ; das hing ab von Umständen und Verhältnissen . Es galt nur , sie zu ergreifen und zu benutzen : dann war ihm die Größe gewiß . Vor der Hand galt es , mit den großen Schlagworten Emeute zu machen und zum Schutz derselben Barrikaden zu bauen . Florentin hätte sich verhundertfachen mögen , um überall dies hochherzige Werk des Barrikadenbaues zu fördern . woran » die vertierte Soldateska , « welche so niedrig dachte , ihren Fahneneid zu halten , scheitern sollte . Als ein eifriges Mitglied geheimer Bünde wußte er , daß die Revolution in ganz Europa organisiert sei . Er wollte daher seine Kräfte der Befreiung Deutschlands widmen - so sehr ihn auch das Verlangen zog , nach Paris , dem großen Babylon der Revolution , zu eilen - oder nach Rom , um diese wichtigste Citadelle der Völkerknechtschaft und der Geistesverfinsterung stürmen zu helfen . Im deutschen Vaterlande gab es ja aber eine ganze Kette solcher Citadellen zu sprengen ! Florentin verließ Würzburg und seine Studien . Dort war nicht mehr die Stätte und das Feld seiner Tätigkeit . Nicht der leiseste Gedanke an Windeck erschwerte seinen Entschluß . Wie hätte das sein können ? Hatte nicht Brutus den Cäsar umgebracht ? Gab es Größeres als die Taten der alten Römer ? War die aristokratische Usurpation minder fluchwürdig , als imperatorische Kronengelüste ? Nicht Dank war er dem Windecker Grafen schuldig für seine Erziehung , Bildung und Erhaltung ; denn das alles war ihm ja nur infolge einer Laune der bigotten Gräfin Kunigunde zu Teil geworden , die nichts Höheres kannte , als den Ultramontanismus zu verbreiten . Wie leicht hätte er demselben verfallen können gleich dem armseligen Hyacinth ! Nein ! sein Dank gebührte den großen Männern , deren wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der Natur- und Geschichtskunde herausgestellt hatten , daß die Natur die ewig aus sich selbst gebärende Allmutter und Schöpferin - der Geist des Menschen ein Produkt seines Gehirns - Religion die Erfindung und Politik schlauer Priester - göttliche Offenbarung ein widersinniges Märchen - ein außerweltlicher persönlicher Gott etwas Undenkbares - das Leben ein Tummelplatz für alle Gelüste - der Tod der Eintritt in das Nichts sei . Sein Dank gebührte den freien Denkern , die nicht nur gänzlich absahen vom Katholizismus , der ja , seit dreihundert Jahren schon tot , nur noch als Gespenst mit den Nachteulen und Wehrwölfen zu mitternächtiger Stunde umherschleiche , und nur von kleinen Kindern und alten Weibern wahrgenommen werde ; sondern auch vom Protestantismus ; der ja nichts weiter sei , als eine Kritik des Katholizismus , viel weniger innere Triebkraft und schöpferische Befähigung habe , als dieser , um einen Fortschritt der Menschheit zur Verbrüderung zu erzielen , und allenfalls nur zu dulden sei , weil seine tausend Sekten ebenso viel Tore öffneten , durch die man dem Christentum entfliehen könne.3 - Nein , dem Windecker Grafen gebührte kein Dank ! Aber mit unaussprechlichem Wohlbehagen stellte sich Florentin die Möglichkeit vor , daß er in irgend einem , für die Windecker recht gefährlichen und recht demütigenden Augenblick als ihr Beschützer vor ihnen auftreten und ihnen beweisen könne , welch ' edles Herz in einer demokratischen Brust schlage . So , ohne einen Funken von religiöser Denk- und Willensrichtung , die gänzlich erloschen war in dem eisigen Egoismus seines Hochmutes und Ehrgeizes , machte sich Florentin an die Neugestaltung der menschlichen Verhältnisse . In erfahrungsloser Kurzsichtigkeit und ohne richtige Kenntnis des Menschen und