taktvollen und feinfühlenden Beamten , allgemein erstaunt und sah dabei auf Guido Stromer , der noch immer abwesend und wie in Träumen verloren schien . Herr Pfarrer ! Herr Pfarrer ! hieß es , wo waren Sie ? Ei ! ich wette , sagte Melanie , Sie sind noch immer bei der Scene mit dem Maler Heinrichson . Ja ! Ja ! Sie überlegten , wieviel Genuß Ihrer verstorbenen Freundin , der Frau Fürstin , die Bekanntschaft mit dem Album der Frau von Trompetta verschafft haben würde . Guido Stromer war allerdings noch bei jener Scene , aber im völlig andern Sinne . Dennoch sammelte er sich und sagte : Ich leugne nicht , daß ich das Vertrauen der Fürstin in seltenem Grade besaß , und überlegte bei mir im Stillen , wie sie wol eine so erpreßte Wohlthätigkeit , von der Fräulein Melanie erzählte , beurtheilt haben würde . In ihrem Geiste sagte ich mir : Wenn der Künstler soll mit Gewalt gezwungen werden , in das Gethsemane einen Beitrag zu stiften , so ist ja in der That dieses Album recht ein Thränengarten , wie der Name bedeutet , und Judas der Verräther lauert ja mit dem falschen Kuß der Liebe an seinem Eingang . Frau von Trompetta gleicht da dem heiligen Crispinus , der den Reichen das Leder stahl , um den Armen daraus Schuhe zu machen . Nimmermehr würde die selige Fürstin eine solche Unternehmung , etwa durch Übernahme von Loosen , unterstützt haben . Denn es liegt doch wol kein Segen in Dem , was nicht aus reiner Quelle fließt .... Nun , Herr Pfarrer , meinte Herr von Reichmeyer , der erst seit seinem letzten Knaben Christ war , wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und der Betrag , ich will einmal sagen , an das Waisenhaus käme , um den Kindern daraus warme Jacken anzuschaffen ; die Jacken halten ebenso warm , ob nun das Album zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde . Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene . Und gleichsam als würdigte er ihn keiner Antwort , wich er der weitern Debatte mit den leisen Worten aus : Irr ' ich nicht , so hört ' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwähnen ? Melanie , die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte aufkommen lassen , bestätigte diese Bemerkung . Allerdings ! sagte sie . Er ist ganz frisch von Paris angekommen . Kennen Sie ihn , Herr Pfarrer ? Geistig sehr wohl , sagte Stromer . Gesehen hab ' ich ihn niemals . Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg ? bemerkte Herr von Zeisel und fügte bei : Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend . Doch ! doch ! lieber Herr Justizdirector , erzählte Stromer ; Prinz Egon lebte bis in sein vierzehntes Jahr größtentheils hier in Hohenberg . Mein Amtsvorgänger war damals sein Erzieher . Später verbrachte er , nach vollendeten Universitätsstudien einmal acht Tage hier - acht Tage - wo Sie eine Inspectionsreise machten und ich , entsinnst du dich , Linchen , lag ja wol krank ? Linchen , seine Frau , nickte . Sie war so schüchtern , kaum ein leises Ja ! zu flüstern . Als ich wieder vom Krankenlager erstand , fuhr Stromer fort , erzählte mir die Fürstin , wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verständigen könne . Beide Gemüther , in so vielen Dingen nahe verwandt , trennten sich gerade in den wichtigsten Lebensfragen . Sie liebte den Prinzen , ihr einziges Kind , mit einer Leidenschaft , deren Ausbrüche mich oft in Angst versetzten . Nie konnte sie seiner ohne Thränen gedenken . Wenn sie einen Brief von ihm empfing , klopfte ihr das Herz mit hörbaren Schlägen . Sie schluchzte , indem sie ihn las , und gestand mir , daß sie sich durch dies Kind oft unglücklicher fühle , als selbst ein Mutterherz tragen könne . Rudhart , mein Amtsvorgänger , hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen seiner Bildung gegeben . Es war Dies ein strenger , unfreundlicher Mann , der in der Religion nur eine gegenseitige Übereinkunft der Menschen sah , sich nicht zu morden und zu bestehlen . Diese Übereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten so oder so verbrämt , bunt und willkürlich ausgeschmückt , sodaß er Christenthum und Islam ineinanderwarf , wenn nur der äußerste Zweck einer gewissen moralischen Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde . Als dieser Seelsorger , ein sonst sehr achtbarer Mann , unserer Gemeinde entsagte und zu einer deutsch-russischen Familie in Liefland zog - er scheint jetzt verschollen - , war mit der Fürstin schon längere Zeit jene Veränderung vorsichgegangen , die sie bestimmte , nicht nur einen Geistlichen der jüngern und neuern Richtung zu wählen , sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die Anstalt des Professors Monnard , wo sie gewiß sein durfte , ihn nach ihren Principien erzogen zu sehen . Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte , erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte , aber doch in religiöser Hinsicht beruhigende Briefe . Man konnte oft zweifeln , ob diese Briefe der reine Erguß seines Innern oder nur Schulübungen waren . O Gott , rief sie einst aus , wenn diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen würden , um auch ihren Geist so zu corrigiren wie die Sprachfehler ! Wenn Egon nur aus Furcht , seinen Lehrern zu misfallen , so schriebe , wie ich wünschte , daß es ihm aus innerster Seele käme ! Als ich sie dann , die treffliche Frau , damit zu beruhigen suchte , wie ja Allem , was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle , doch wol erst etwas Äußerliches und anderswoher Entlehntes vorangehen müsse , antwortete sie : Wie aber , wenn dies ungern Aufgenommene in Egon ' s Seele nicht haften bliebe , sich nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedürfniß