es nur die Dankbarkeit , welche seine mumificirte Seele vor gänzlicher Abtödtung rettete . Mit einiger Freude nahm ich wahr , daß dies Gefühl bei mir in ihm wach geworden sei . Sah ich mich überhaupt in meinem Kreise um , so konnte ich mir nicht verhehlen , daß mehr oder weniger alle Menschen die ihn bildeten sich in ihrer Weise entwickelt hatten ; und nur ich selbst machte eine Ausnahme . Bei den günstigsten äußern Bedingungen fehlten mir nach wie vor Glück , Ruhe , Sammlung - Alles was nothwendig ist um jene schätzen und genießen zu können . Der Gedanke daß meine drei Studienjahre zu Ende gingen mit dem nächsten November , bereitete mir einerseits ein unsägliches Wolbehagen ; - wie erlöst kam ich mir vor ! Jedoch auf der andern überschlich mich ebenso namenlose Angst womit dann - ich sagte nicht die Zeit , denn die blieb leer ! aber die Stunden , aber die Tage , auszufüllen sein mögten . Nur nicht mehr lernen und lesen ! - war ein Hauptwunsch ; nur nicht mich langweilen ! war ein zweiter . Wol fielen mir Reisen ein ; doch wohin ? mit unbesieglicher Bestimmtheit lockte mich kein Ort und keine Stätte in der weiten Welt . Sollte ich mich selbst , und Benvenuta und Astralis mit mir ins Blaue herum schleppen ? Darin lag für mich keine Erquickung , und vielleicht ein Nachtheil für die Kinder ; also war ich entschlossen in Engelau zu bleiben - nur hätte ich gern Menschen um mich gehabt , verschieden geartete , verschieden gebildete Menschen , die das Leben verstanden - nicht ihr Fach , ihre Wissenschaft , ihre Kunst , u. dgl. mehr . Ich setzte mich eines Tages plötzlich hin und schrieb : » Meister Fidelis , wo sind Sie in der Welt ? Wie oft seit Jahren thue ich Ihnen in Gedanken diese Frage , und wie traurig war mir ' s oft , daß Sie mir nie darauf geantwortet haben . Vielleicht haben Sie ' s gethan in derselben Weise wie ich Sie fragte ; aber die Geister , durch die Körper von einander abgesperrt , können sich nicht verständlich machen und in trauriger Einsamkeit schleicht Jeder dahin und wähnt sich vergessen . Sie haben es schlecht auf dieser Welt , die Geister ! wie Sennen auf Bergeshöhen kommen sie mir vor ; durch Klüfte und Abgründe sind sie unüberwindlich von einander getrennt , und von ihrem Dasein zeugt nichts als der schallende Laut den sie zuweilen ausstoßen wenn ihnen die Seele übervoll ist . Ob übervoll von Lust oder Leid , von Angst oder Jubel , von Jammer oder Seligkeit - das hört man nicht heraus ! O Fidelis , was ist das aber für eine unharmonische Welt in welcher die Frage ohne Antwort , und der Grundton ohne Terz bleibt . Statt in majestätischen Harmonien zu erklingen , verursacht sie uns eine Art von gellendem Ohrensausen , aus welchem Dissonanzen häufiger aufkreischen als Melodien emporschweben . Da bin ich ja bei der Musik angekommen , von der ich mit Ihnen zu reden habe . Ich bitte , schaffen Sie mir einen tüchtigen Musiklehrer für meine Tochter , der außer den erfoderlichen Kenntnissen und Fertigkeiten eine musikalische Seele habe . Das ist selten , ich geb ' es zu ! Zum Handwerk und Broterwerb durch Musik braucht man weder eine musikalische noch sonstige Seele , nur gleisnerische Geschicklichkeit . Aber ich weiß nicht .... es ist etwas so Ausdörrendes , Saftloses in diesen Geschicklichkeiten , daß ich mich fürchte sie meiner Tochter quasi einimpfen zu lassen ! Die mit ihnen behafteten Menschen kommen mir vor wie die Chinesen : petrificirt in ihrer wundersamen Geschicklichkeit , daher unerquicklich wie alle Curiositäten , welche stets einen linden Beischmack von Monstrosität haben . Also schaffen Sie mir einen Lehrer nach meinen Andeutungen , lieber Meister , und schreiben Sie mir einmal . Vielleicht ermuntert mich das . Meine vereinsamte Seele verfällt immer tiefer und tiefer in einen murmelthierartigen Winterschlaf , aus dem es nur für das Thier , nicht für den Menschen ein Erwachen giebt . Wird der Mensch kalt und müde bei seiner Winterwanderung , und läßt er sich gehen an die Erschöpfung : so schläft er ein - und stirbt . Ich suche mich zu vertheidigen gegen diesen Tod ; allein es wird mir schwer . Helfen Sie mir ! und leben Sie wol . « Nach Rom schickte ich diesen Brief an die Adresse unter welcher ich Sedlaczech seine Pension seit unsrer Trennung in Venedig beständig zahlen ließ . Ich wartete lange auf die Antwort . Endlich kam sie - und zwar aus Hamburg . Er selbst brachte einen jungen Italiener und fragte an , ob er ihn nach Engelau begleiten dürfe . Meine Erinnerungen waren so stumpf und grau , daß ich mich kaum mehr seiner Verbannung durch Otbert entsann . Ich lud ihn ein so schnell wie möglich zu kommen , und er kam an dem für mich so ereignißreichen Tage Aller Seelen . Er wurde sehr gefeiert ; er war so wichtig für Engelau , denn er war mein und meiner Tochter Geburtstag . Sie wurde acht Jahr alt , ein schönes Kind mit den guten Augen und dem lieben Herzen ihres Vaters , aber still und verschlossen wie ich selbst es gewesen war . Am Morgen gab es Gesänge und Blumenkränze , am Abend Musik und Tanz . Ich hatte mich ein wenig ermüdet gegen zehn Uhr in mein Cabinet zurückgezogen , als plötzlich die Thür geöfnet ward und Sedlaczech eintrat . » Da sind Sie ! sprach ich bewegt . O Fidelis ! Gott segne Ihren Eintritt in dies Haus , das Haus meiner Väter und meiner Kindheit ! « » Er segne diesen Tag ! « entgegnete er und drückte meine Hand innig zwischen den seinen . Ich kehrte in den Salon zurück um den Italiener Herrn Mezzoni zu begrüßen . Philologie und Mathematik sollten morgen auswandern , und statt