erzeugen , denken Wenige , und doch steht diese Einwirkung der klimatischen noch immer wenigstens gleich . Im Grunde hatten Beide , der Graf und der Unteroffizier , jeder von seinem Standpunkte aus , Recht , Beide mischten nur ihrer Selbstbeurtheilung einen Theil Selbsttäuschung zu . Der Cavalier hätte nicht vermocht , einem so hoch über ihm stehenden Verwandten mit solchen Anforderungen sich an den Hals zu werfen , aber Unterstützung , Avancement , Avantagen hätte er ohne Scheu von ihm erwartet und angenommen ; seine edlere Natur würde vielleicht dabei mehr gelitten haben , aber die Noth hätte ihn wie jenen gezwungen . Der kleine Bürger dagegen ging directer zu Werke , ihm war die reiche Verwandtschaft eine bloße Fundgrube , die Delicatesse drückte ihn durchaus nicht . Als reicher Fabrikant würde er ähnliche zudringliche Ansprüche , wie er selbst sie an Kronberg machte , auf ' s Gröbste abgewiesen haben , dagegen aber , auch ohne Aufforderung , seiner armen Freundschaft beigesprungen sein in kurzer drängender Verlegenheit ; einem reichen Verwandten hätte er vielleicht noch lieber beigestanden und hätte dann die Selbstbefriedigung geschmeichelter Eitelkeit mit in den Kauf genommen . Von welchem Standpunkte aus sollten oder konnten sich nun wol diese Beiden verstehen ? Wem saß das brennende Nessuskleid frühjähriger Gewöhnung fester um Sinn und Seele ? Und auch im zarteren Charakter Anna ' s hafteten die ersten Erfahrungen des noch kaum in die Außenwelt blickenden Kinderauges . Sie fühlte sich in ihren Erinnerungen verletzt , zerspalten und weinte - um ihren Bruder . Sie gedachte der übersehenden nichtachtenden Gleichgültigkeit , mit welcher Kronberg stets ihre Familie betrachtet ; sie schaute weit zurück in ihrer Mutter Herz , die für jeden noch so entfernten Vetter Trost und Theilnahme in sich trug ; sie gedachte Otto ' s und ihres Oheims Ankunft am Neujahrstage , und es kam ihr vor , als ertrage doch Kronberg ihre bürgerliche Abkunft sehr schwer . Sonderbar , daß ihr nicht einen Augenblick beifiel , daß auch Gotthard ein Bürgerlicher sei ! Es ist aber unleugbar , daß in unseren Tagen dem wirklich eminenten Talent überall Bahn bereitet ist und die Aristokratie des Geistes jede andere weit überflügelt , bei Männern und Frauen . Daß bei den letztern an den Fühlfäden des Gemüths , wie an den Wurzeln einer schönen Blume , der Heimatsboden fester haftet beim Verpflanzen , liegt an der innern Poesie , mit welcher sie der Gegenwart überhaupt selten gestatten , der schönen Vergangenheit es gleich zu thun . Vermöchten wir daher nur in dem jetzigen Ringen befugter und unbefugter Weltverbesserungen , Jeder in sich selbst die große Revolution zu bewerkstelligen , die das individuelle Urtheil von den Banden aller Gewöhnung und des eigenen Standpunktes erlöste , dann wäre wirklich dem intellectuellen Sein ein schöner Tag erschienen , es feierte dann seine goldne Zeit ! Aber als Louis nun nach vollendeter Umwandlung zu Annen sollte , erklärte er ihr schriftlich , sie müsse irgendwo mit ihm zusammenkommen , zu seinem vornehmen impertinenten Schwager setze er keinen Fuß mehr . Anna traf ihn auf der Promenade , fuhr mit ihm um ganz Wien herum , stieg am Glacis aus und ging mit ihm spazieren . Die gestrige Scene erneute sich . Anna versprach , die Pension ferner zu zahlen , zu Abtretung des Erbtheils verstand sie sich aber nicht - ein dunkles Gefühl warnte sie . Als sie ihn verlassen mußte , um sich zum Diner zu kleiden , bat sie ihn , mit ihr den Abend in ' s Burgtheater zu gehen , sie wolle ihn abholen . Mochte ihn ihre abschlägige Antwort verdrossen oder er vergessen haben , daß er selbst am Morgen sich geweigert , Kronbergs Wohnung zu betreten , er ward abermals heftig und meinte , vermuthlich dürfe sie ihn nicht in ' s Haus bringen , ihr Mann wolle den geringen Soldaten gar nicht einmal sehen , er werde ihn wol durch seine Lakaien zur Thür hinauswerfen lassen ? Anna litt unsäglich . Im nämlichen Augenblicke rollte Kronbergs Equipage heran . Die Spanierin kannte Annen , sah sie mit einem stattlichen , sogar schönen jungen Manne gehen und lorgnettirte das Paar aufmerksam und dreist . Auch Kronberg sah schärfer hin , trotz seiner Verwandlung erkannte er Louis ; natürlich grüßte keines von Beiden . Wer war das ? Wer ist die ? fragte Louis ? Ich weiß nicht , stotterte Anna verlegen und wurde abwechselnd bleich und roth . Aber ich weiß es ! Kreuz , Bomben und Granaten ! Armes , armes Weib ! - Er drohte ihnen mit der Faust nach . Ohne ein Wort weiter zu reden , führte er Annen an ihren Wagen , hob sie hinein , warf den Schlag zu und war verschwunden . Anna zitterte heftig , sie konnte kein Auge aufschlagen . Wild wogte das Blut in Louis ' kochender Brust , er glaubte , den Wagen einholen zu können , um zu erfahren , wohin der Graf mit seiner Geliebten fahre , aber die Pferde entschwanden ihm nach wenig Secunden . Betäubt , nach Entschluß ringend , trat er in ein Weinhaus . Er trank hastig , er wußte nicht wie viel , noch was . Am Morgen hatte er in seinem Hotel allerlei Erkundigungen eingezogen und die widersinnigsten Uebertreibungen hatten ihn gegen den Grafen aufgehetzt ; in seinem halben Rausch hielt er Kronberg für einen Schlemmer und niedrig schlechten Menschen , seine Schwester für eine arme verlassene Frau . Seine eignen Nodomantaden befeuerten ihn mehr und mehr , und ehe er selbst sich dessen klar bewußt worden , hatte der Portier , der ihn erkannte , ihm geöffnet und er war ungesehen in ' s Haus bis zu Kronbergs Zimmer vorgedrungen , woselbst er Posto faßte und ihn zu erwarten beschloß . Unterdessen war Anna im Nachhausefahren St. Luce begegnet , den sie sogleich in ihren Wagen zu steigen und mit ihr nach Hause zu fahren bat . Der alte Freund erschrak , als er ihre heftige