glaub vielmehr , daß ich zu ihr hinansteige , statt herab ! - Sie ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Großvater , sie weiß , der alte Mann muß sterben mit seiner Krankheit , er ist schon zwischen siebzig und achtzig Jahre , aber sie hat ihn hingeführt , seine Enkel hat sie ausgetan bei befreundeten Juden für ein Kostgeld , so hoch sie es zu erschwingen vermag . Die Hoffnung , daß die Bäder ihm nutzen , macht den alten Mann geduldig in seinen Schmerzen ; so denkt sie ihn leise den Lebenspfad fortzugeleiten , so pflegt sie ihn ! Er ist mein Großvater , sagt sie , mein Vater war sein Liebling , er hat gar sehr viel an ihm getan ! - Und so wischte sie sich den Schlaf aus den Augen am Abend , denn sie war früh aufgestanden ; - also , da las ich ihr als vor aus den Büchern , die ich von Dir hatte , manches schöne Lied von Goethe hat sie auswendig gelernt während dem Sticken , und ich fädelte ihr die Nadeln ein . Es waren die liebsten Zeiten mir . Als sie wegging , hab ich ihr versprochen , nach den Kindern zu sehen ; und ich bin deswegen mit ihr im Briefwechsel , so lasse ich ihr Stickmuster bei dem Goldarbeiter Fink machen , wenn sie neue Aufträge hat , - ich schicke ihr die Seide und das Gold und geb ihr meine Ansicht , es ist mir immer das größte Pläsier , wenn ein Auftrag bei ihr einläuft , wobei meine Erfindung von ihr in Anspruch ge- nommen wird , mein liebstes ist Stahlflitter und Perlen , und letzt haben wir eine grüne Sammetrobe in solchen Stahlgirlanden angeordnet mit einem Netz von goldnen Raupen darüber , und das soll so wunderschön gewesen sein , schreibt sie , daß man nicht glaubt , in Paris könne es besser gemacht sein . - Meinst Du , so was hätte keinen Reiz für mich ? Wohl freue ich mich über einen solchen Brief . Und wie manche Stunde in der Nacht habe ich in Erfindungen geschwelgt . Du siehst , lieber Clemens , die Gegend ist anders , als Du sie gedacht hast , da ist kein Steg , der hinab in die Gemeinheit führt . Wir befinden uns innerhalb der Grenzen des einfachsten Verkehres , und Deine Furcht , daß Dein Umgang mit mir ein Gassenhauer werde , und daß man ihn belache und sich darüber ärgere , im Kote zu finden , was mit so hohen Prätensionen auftrete , ist dem inneren Wesen nach ungegründet . - Du schreibst , » in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten , ist töricht . « - Clemens , was wär es , wenn ich auch dadurch mich abhalten ließ , der Veilchen die kleinen Gefälligkeiten zu erzeigen , weil Offenbacher Juden von mir sprechen ? - Mein Aufenthalt hier in Frankfurt dauert nun schon vierzehn Tage , morgens früh wecke ich den Franz und laufe mit ihm in die Gemüsgärten vor der Stadt . Das ist meine beste Zeit . Da ich mit der Gundel in einem Zimmer wohne , so ist das Eckelchen , worin ich mich bewege , sehr klein , dafür hab ich einen größeren Raum bei der Günderode im Stift , wo ich Landkarten male von Alt-Griechenland . - Doch dort kommt der alte Domherr von Hohenfeld hin und sieht auf mich herab und gibt mir Anweisung , das ist mir unangenehm . - Ich hab früher mit dem Sonnenschein gern verkehrt , jetzt ist mir lieber die Nacht , wo ich auf den langen dunklen Gängen spazieren gehe und erwarte , daß ein Geist kommt mit mir zu reden ; mit dem Dominikus unterhalte ich mich über die Republik der Herbstspinnen auf der Altane . Wohin ich gehe , ist der wie von einem allgemeinen Landregen aufgeweichte Pfad der Langenweile , in dem man leicht mit dem Schuh stecken bleibt und nicht weiter kann ! - Doch sollte ich mich nicht fassen können und meinen Geist auf die Weide treiben ( Du nennst es Bildung meiner Seele , ist mir ganz unverständlich ! ) , » ich soll mein auffallend Betragen unterdrücken « , weiß nicht , in was es besteht , - soll die » Sitte als eine Allerweltsprache aus freier Anmut führen lernen « , wo ist das Theater , wo man diese Rolle spielt ? - Du hast es also gewünscht , ich möchte Offenbach verlassen , um in einen höheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten . Lieber Clemente , in dem Offenbacher Kreis war die Katz zu Haus , in diesem hier tanzen die Mäuse auf dem Tisch ! - Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr annehmen , obschon ich oft dabei gähnen mußte . Das letzte , was ich ihr vorlas , sind die lettres de Madame de Sevigné , es hat ihr sehr leid getan , daß sie meiner Seelenbildung nicht konnte diese letzte Hand anlegen . Hier verstehe ich wohl , was sie meint . Diese an eine Tochter geschriebne Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf dem Tanzplatz der höheren Welt , wo alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall klatscht . - Ich werde nie in die Verlegenheit kommen , solche Briefe schreiben zu müssen . - Adieu , Clemens . Ich werde auch unter den Mäusen keine Gelegenheit haben , mich geltend zu machen ; es ist ein apart Geschlecht , ich gehöre nicht dazu . Ich hab einen recht garstigen Singlehrer , einen alten Distelbart ! Pfui ! Wie mir der zuwider ist ; wenn er fort ist , mach ich Fenster und Türen auf , damit die Atmosphäre seines Dagewesenseins nicht im Zimmer eingeklemmt bleibe . - Wenn Dir nächstens geschrieben wird , daß ich über Schmerzen auf der Brust klage , so bedaure mich nicht , ich muß lügen um des Distelbarts