. Ich habe immer gefunden , daß Juden , wenn sie sich den Wissenschaften widmen , das Studium der Medicin erwählen . Der Grund davon ist leicht zu ermitteln . Als Arzt findet der Nichtchrist auch bei den Christen noch immer das sicherste Aus- und Unterkommen . Man vergißt über der Geschicklichkeit des zu Rathe Gezogenen den Makel des Bekenntnisses , den alle Aufklärung der Neuzeit noch immer nicht ganz zu tilgen vermocht hat . Dennoch wagt nicht jeder Ort und jede Bevölkerung , sich selbst zu diesem so beschränkt liberalen Standpunkte zu erheben . Ich habe Städte gekannt , in denen keine Familie , weder aus den höhern noch niedern Ständen sich je entschlossen haben würde , die Pflege der Gesundheit einem jüdischen Arzte anzuvertrauen . Die Tyrannei der Angst , die Geißel der Beschränktheit , sind kaum zu vernichten . Mardochai , bereits der Praxis sich hingebend , machte aus Stolz und geistiger Ueberlegenheit kein Geheimniß von seinem Judenthume , eher setzte er eine Ehre darein , gegenüber einer oft sehr bornirten Christenheit mit den Funken seines Geistes das Jämmerliche , dem Menschen so tief Herabwürdigende gewisser moralischer Maximen so stark zu beleuchten , daß sie am Ende in Asche aufgelöst niedersielen Weil er den Menschen in sich achtete und auch in Andern hervorsuchte , entzog man ihm die Gegenachtung . Viele zuckten die Achseln , wenn des geistreichen , scharfsinnigen Mardochai gedacht wurde und bedauerten , daß er ein so starrer Jude sei . Man muß anstehen , ihn in Gesellschaft zu bitten bei seinen Grundsätzen , sagte irgend ein Kirchenrath , denn der sonderbare Mann ist im Stande , laut zu gestehen , daß er Jude ist . Man kommt in Verlegenheit bei Umherreichen der Speisen und möchte jedesmal Waschwasser an der Tafel herumgehen lassen . Diese Stimmung ward bald allgemein . Die Weiber hatten zwar gern sein schneidendes und dabei doch galantes Wesen , allein den Juden konnten sie ihm nicht vergeben , weil er ihn nicht vergessen mochte . Mardochai sah sich außer Connexion gesetzt , eh ' er selbst noch daran dachte . Die Freisinnigsten , genugsam bekannt mit seiner Gesinnung , riethen ihm zum Uebertritt , fanden sich aber sarkastisch abgewiesen . Mein Stamm handelt mit allen Lumpen , die es auf Erden gibt , sagte er , mit seiner Religion aber hat er noch nie geschachert . Ein Jude wird Alles zu Gelde machen , weil er es muß . Er wird ein Hund sein , ist es seit Jahrhunderten gewesen und ist es noch , aber ein Schuft ist er nicht . Christen sind Apostaten geworden aus elendem Ehrgeiz , Geldsucht und andern Erbärmlichkeiten , ein wahrer Jude aber wird als Held sterben , wenn ihm Jemand den Antrag macht , entweder seiner Religion zu entsagen , oder des elendesten Todes zu verbleichen . Ich bin stolz auf meinen Stolz . Es war natürlich , daß diese Art , offen zu sein , nicht fördernd wirken konnte auf seine Carrière . Die Familien suchten sich ihm fern zu halten , man nahm Anstand , einen solchen Juden Blicke in das Hauswesen und Familienleben thun zu lassen , die Vertrauen voraussetzten , und um der unangenehmen Nothwendigkeit zu entgehen , schied man sich lieber ganz von dem Hartnäckigen und überließ ihn seinem Schicksal . Keiner seiner nähern Freunde würde irgend etwas davon erfahren haben , hätte nicht die plötzliche Aenderung in den äußeren Gewohnheiten auf eine Revolution im Innern Mardochai ' s hingedeutet . Nicht allein das Anlegen jüdischer Kleidung fiel auf , auch sein Vernachlässigen der Wissenschaft mußte befremden . Er machte Reisen , blieb Wochen lang fern , kehrte dann wieder , und setzte seinen Umgang mit mir , Casimir und Friedrich fort . Unser Forschen führte zu nichts . Das Schweigen Mardochai ' s blieb sich gleich , seine Gesinnung war unwandelbar , seine Ruhe tödtend . So oft ich auch noch mit ihm zusammentraf , immer vertheidigte er nur die Moral der Consequenz , nicht ihre Basis . Es kam ihm nie auf das Was ? an , sondern nur auf das Warum ? Und Mardochai war und blieb Jude , und wollte Jude sein , weil er Jude geboren war . Mit mir stand er fortwährend in engem Verkehr und zeigte nach jener Handlung der Rettung eine zärtliche Anhänglichkeit . Dabei aber unterließ er nie , in jedem Gespräch Gift in meine Seele zu träufeln und jeden Gedanken der Reinheit in mir zu verpesten . Er erklärte mir das jüdische Gesetz mit einer Schlauheit der Ruhe , versteckter Liebe und grimmigen Hasses , die Bewunderung verdiente . Ihm entging kein Zug der Schwäche in unserm Religionsbekenntniß , und so oft er nur einen leisen Zweifel in mir aufspürte , versäumte er gewiß nicht , ihn anzuschwellen zum Gebirge , das drückend meine Seele belastete . So stieß mich dieser böse Dämon des Christenthums immer tiefer in die Entsittlichung meiner selbst , angeblich um mich zur Erlösung der gesunkenen Religiosität zu stärken , eigentlich aber zum Kampf für die Emancipation der Juden zu treiben . - Casimir entschwand mir in dieser letzten Zeit des Zusammenlebens mit Mardochai aus dem Gesicht . Seine colossalen Sünden des Gedankens gegen die Zimperlichkeit des parfümirten Zeitalters trieben ihn fort in die Welt . Ich erhielt noch einige Briefe von ihm aus der Umgegend , den letztern aus H. , wo er sich eine Zeit lang aufhielt , und mir seinen Enschluß , nach Amerika zu gehen , meldete . Ich füge diesen hier bei , um einer spätern Zeit etwas von Urmenschlichkeit aufzubewahren , wenn sie längst keinen Begriff mehr davon haben wird . « H. am Tage der lutherischen Gedankenallianz gegen die päpstliche Heiligen .... cht 18 - Fromme Bestie ! » Ich habe meinen Leichnam begraben unter den Schuhsolenstaub unserer Ahnen . Diese Lage bekommt ihm gut und er conservirt sich sehr wohl , namentlich gefällt der Wildleder-Duft meiner Nase ganz ausnehmend . Sonst ist es sehr langweilig hier