nun über Julius stilles Grab in den Zweigen spielen . Das bescheidene Mädchen hatte nie so große Hoffnungen gehegt , und ähnliche auffliegende Wünsche schnell unterdrückt . In großer Rührung fühlte sie sich jetzt zu der Jugendgespielin hingezogen , die ihr so liebreichen Schutz anbot . Luise aber sah in das bleiche Gesicht ihrer neuen Gefährtin , wie in den Mond , der eine stille Winternacht erhellet . Der flüchtige Tagesschein ihres jungen Lebens war beiden untergegangen . Wünsche und Erwartungen , ruheten in dem heiligen Schooß des innren Daseins , aus welchem späterhin der neue Morgen hervorgehen soll ; aber Minchens Blick und Gruß rührte die stille Nacht an , und warf einen milden Silberschein über die schlafende Welt , die nun in Erinnerungen fortträumte , und ihr innigstes Leben nicht verbergen konnte . Noch vor ihrer Abreise erhielt Luise folgenden Brief von Augusten : » Ich müßte verzweifeln , wenn sich der Mensch überall selbst verlieren könnte . Aber das drückendste im Leben ist , sich zu kleinen Zwecken in fremder Willkühr gehalten zu sehn . Sie kennen meine schuldlose Spielerei an jenem Abend . Wem das Böse fremd ist , der ahndet es auch da nicht , wo es ihm ganz nahe tritt . Ich begegnete Ihnen , in der Absicht , mit Werner zur Baronin zu fahren . Die Nacht war dunkel , keine Laternen brannten mehr in den Straßen , mein Begleiter unterhielt mich mit großer Lebhaftigkeit , und verwickelte sich immer mehr durch neue Entdeckungen , an denen ich mich dergestalt ergötzte , daß es mir entging , als wir aus dem Thore auf abgelegenem Wege fuhren . Endlich hielt der Wagen . Ich sah der Entdeckung mit großer Lust entgegen , als der Maler an den Schlag trat , und ungeduldig rief : schnell Werner , wir haben keine Zeit zu verlieren . Dieser bot mir den Arm , und ohnerachtet mich jene Worte befremdeten , so stieg ich dennoch in der Erwartung aus , die Sache nun beendigt zu sehn . Es war so dunkel , daß man keine Hand vor Augen sahe . Geschwind , geschwind , rief der Maler auf ' s neue . Nun , erwiederte Werner , mich zu ihm führend , mäßigen Sie Ihre Ungeduld , da ist sie . Was zum Teufel , schrie jener , noch Eine ! Noch Eine - ? fragte Werner bestürzt . Nun ja , sagte der Maler , Emilie ist dort im andern Wagen . Wir haben uns vollkommen verständigt . Sie willigt in Alles . Ich hatte die Maske abgenommen , und sagte mit meiner natürlichen Stimme : Erschrecken Sie nicht , Herr Werner , ich habe nur Ihren Gedanken ausgeführt , und als zweite Colombine Ihre Pläne und Absichten durchkreuzt ! Auguste ! riefen beide zugleich ! - Das ist eine schöne Geschichte , sagte Werner , unmäßig lachend . Ja , gnädige Frau , fuhr er fort , Sie erinnern sich , daß ich ein gegenseitiges Durchkreuzen der Pläne beabsichtigte . Dem sind Sie nun hülfreichst entgegen gekommen . Wir sind Alle in demselben Gewebe gefangen . Sie dürfen wir nicht freilassen . Sie müssen uns nun schon weiter begleiten , da Sie einmal bis hieher kamen . Sie wollten uns anführen , wir müssen Sie entführen , und zwar nach Italien , wohin unser Weg geht . Ich schrie bei diesen Worten aus Leibeskräften um Hülfe , allein beide Männer faßten mich unter die Arme , und schleppten mich in den Wagen , der , ehe ich mich besinnen konnte , unaufhaltsam fortrollte . So führten sie mich nun , von Station zu Station , wie eine Gefangene , aus Furcht , daß ich sie verrathen werde , mit sich fort . Heute , da Emilie des Malers Frau geworden ist , und sie überdem einen großen Vorsprung gewonnen haben , hat man mir erlaubt , zu schreiben , weil es mir unmöglich ist , ohne Geld allein zurück zu kehren . Ich bin durch Noth an diese elende Seelen gebunden , die durch Betrug erringen , was der kühne Sinn in offner That erzwungen hätte . Eilen Sie daher , mir durch meinen Sachwalter Geld nach Venedig zu schicken , von wo aus der Maler verspricht , es in meine Hände zu besorgen , da er mir weder über die Richtung unseres Weges , noch über den Ort unseres Aufenthalts , etwas Näheres sagen will . Emilie ist kindisch mit allem Neuen was sie sieht , beschäftigt , und hofft nach einem Jahre auf die Verzeihung und Einwilligung ihrer Eltern . Ich gönne ihr diese Hoffnung , von der es mir übrigens gleich ist , ob sie erfüllt wird , oder nicht , da sie in sich nichts bedeutet . Ganz anders beschäftigt mich meine Rückkehr , die ich Sie , so sehr als möglich , zu beschleunigen bitte . « Luise besorgte den erhaltenen Auftrag , und sandte Stein sodann diesen Brief , der mit kalter Hand jede Erinnerung an Emilien niederschlug . Ohne jene oft empfundene Scheu , in einer Art seeligem Erwarten , hatte Luise ihre Reise angetreten und zurückgelegt . Tage und Wochen waren ihr auf dem Falkensteine verflossen , mit dessen einsamen Schauern sie sich immer mehr befreundete . Das Dunkle , Fremdartige , war ihr näher getreten . Sie freuete sich selbst an den Bildern , die sie vormals schreckten . Deshalb war sie oft , in den weniger verzierten Zimmern nach der Waldseite , mit allem beschäftigt , was sie eine kurz verflossene Gegenwart vergessen machte . Wunderbar ergriff sie das Rauschen der hohen Tannen , jene dumpfe , hallende Töne einer verschollenen Natursprache , dem Menschen nur noch in wehmüthigen Ahndungen vernehmlich . Dazwischen murmelte der nahe Wasserfall aus dem geöffneten Mund der grauen Felsen , und darüber hin zogen Sterne herauf , in ihren bedeutsamen Bildern . Alles redete sie an , ernst , aber tief aus dem Herzen des Daseins hervor . Aber seltsamer und