Reisebeschreibungen zu lesen hast . Suche nur ein hübsches Plätzchen in jenen Regionen aus ; ich ziehe mit Dir so weit der Himmel blau ist . « Dein Adalbert Emil von Arnstedt an Adalbert von L. Mein lieber Adalbert . Ein ruhiges Plätzchen in jenen Regionen aufzusuchen , ist wohl leicht ; doch ob Du mit mir dort Freud und Leid teilen willst , das bedenke . Man verläßt nicht gern ohne Not Eltern , Hab und Gut . Nein , wähle Dir ein hübsches junges Weib , habe Kinder , und wenn ich dann vielleicht aus jenen Regionen ohne Fuß oder Arm zurückkehre , so gewähre dem alten zerschossenen aber gewiß noch fidelen Krüppel ein Plätzchen an Deinem Herd . Doch das liegt in weiter Ferne . Vorläufig nur das , daß ich in der ganzen Welt mein Fortkommen zu finden hoffe , denn wennschon ich nichts als Blut zu vergießen gelernt habe , so braucht man doch Leute , die sich für Geld und gute Worte totschießen lassen , allerorten , sogar bei den Wilden und Negern . Es umarmt Dich Dein Vetter Emil Adalbert von L. an Emil von Arnstedt Lieber Arnstedt . Noch eins , aber etwas Ernsthaftes . Ich glaube , ja ich bin gewiß , daß wir einander gut sind und uns von Herzen lieben . Versprich mir , so wie ich Dir jetzt hier verspreche , daß wir – – – nein , es ist zu phantastisch ; laß den Satz unausgeschrieben . Wenn wir uns lebendig wiedersehn , will ich Dir mündlich sagen , was ich eigentlich wollte . Da dies vielleicht die letzten Briefe sind , die wir wechseln , so noch einen Vorschlag . Wenn Du verurteilt wirst , ist das einzige Mittel , Dich nicht auf das Schaffot bringen zu lassen , Du beißt Dir die Pulsadern durch . Es ist der beste Tod und man soll sanft einschlafen . Wenn Du leben bliebest und wie Du schreibst als Krüppel wiederkämst , so wollt ' ich das letzte Stückchen Brot mit Dir teilen . Lebewohl . Dein Adalbert Emil von Arnstedt an Adalbert von L. ( Letzter Brief . ) Lieber Adalbert ! Dank , tausend Dank für Speis und Trank und für Deine Nachrichten . Aber was meinst Du mit dem , was Du unausgesprochen läßt ? Du machst mich neugierig . Freund , was lange währt , wird gut ; laß nur sein , und wenn ich 7000 Jahre auf Festung komme , das schadet nichts ; dann leben wir doch noch einmal vergnügt zusammen und gedenken vergangener Mißgeschicke . Zittre nicht , zage nicht , Sei nicht ungeduldig , Was du nicht bezahlen kannst , Bleib ' den Leuten schuldig . Dein Vetter Emil von A. * Mit diesem , dem Kommersbuch statt dem Gesangbuch entnommenen Trostesverse ging er aus der Welt : » Was du nicht bezahlen kannst , bleib ' den Leuten schuldig . « Am liebsten ( und dies soll ihm unverdacht sein ) wär ' er den Leuten seinen Tod schuldig geblieben . Aber es war anders beschlossen und er mußte mit sei nem Leben zahlen . Der König , wie schon eingangs hervorgehoben , bestätigte am 14. April das schon am 7. Januar vom Kriegsgericht gefällte Urteil und elf Tage später erfolgte die Hinrichtung . Dem Berichte eines Augenzeugen entnehm ' ich darüber das Folgende . » Fähnrich von Arnstedt wurde den 25. April 1837 , 5 Uhr morgens , auf einen mit zwei Pferden bespannten bäuerlichen Korbwagen gesetzt und begleitet von einer kleinen Abteilung seines Regiments ( Leibregiment ) in einem raschen Schritttempo nach dem für die Hinrichtung bestimmten Platze hinausgefahren . Ihm gegenüber rückwärts saßen zwei Unteroffiziere . Der Weg war nicht allzu weit und lag auf den Frankfurter Wiesen , dicht am sogenannten Meisterwerk . Am Ende der hier die Dammvorstadt durchschneidenden Sonnenburger Straße war ein Sandhügel aufgeworfen und vor dem in der Nähe davon aufgestellten Richtblock stand der Scharfrichter . Als Arnstedt all dieser Vorbereitungen von seinem Sitze her ansichtig wurde , gab er sich einen Ruck und sagte zu den Unteroffizieren : › er werd ihnen zeigen , wie ein preußischer Soldat sterben müsse . ‹ Gleich danach angekommen , sprang er rasch vom Wagen , trat an den Scharfrichter heran und fragte diesen › was er zu tun habe , um ihm sein Amt zu erleichtern . ‹ Worauf dieser antwortete , › daß er den Atem anhalten solle . ‹ Nach Verlesung der Order wurde dann das Urteil rasch vollstreckt und der Körper eingesargt und an Ort und Stelle begraben . « In einem zweiten Briefe , der von seinem noch lebenden Vetter an mich gerichtet wurde , heißt es : » Als der Zug vorüberkam , lag ich im Fenster meines elterlichen Hauses und empfing ein letztes , freundliches Kopfnicken . Ein mir unvergeßlicher Moment . Worte des Abscheus über von Arnstedts Tat hab ich nie vernommen , aber viel Tränen sind dem bildhübschen Menschen nachgeweint worden , ja , eine mir bekannte ältere Dame , die jenen Hinrichtungstag mit erlebt hat , gerät noch jetzt in ein nervöses Zittern , wenn sie desselben gedenkt . « * Ich meinerseits füge hinzu : das Ganze ( neben manch ' andrem , was sich daraus lernen läßt ) kann als ein merkwürdiger und beängstigender Beweis von der berückenden Macht einer dämonisch sinnlichen Persönlichkeit gelten . An dem siegreichen Einflusse dieser Persönlichkeit scheiterten alle moralischen Bedenken . Einem ungewöhnlich hübschen Menschen zuliebe verwirrten sich die Begriffe von Recht und Unrecht und ein Verbrecher wurd ' ein Held . Die Frauen , alt und jung , gingen natürlich mit gutem Beispiel voran . Andererseits können wir einzelnen Briefen der vorstehend mitgeteilten Korrespondenz wenigstens das als Trost entnehmen , daß es neben diesem innerhalb der Frankfurter Frauenwelt epidemisch auftretenden Fähnrich-Enthusiasmus auch Männer gab , die das Ding als das ansahen , was es war , als die schnöde , schändliche Tat eines reichbegabten , aber durchaus bösen