, das entsetzliche Durcheinander von Sentimentalität und Obszönität , in welcher Hinsicht diese Briefe vielleicht einzig dastehen und geradezu ein psychologisches , sicherlich ein zeitbildliches Interesse beanspruchen dürfen . Oft wechselt der Inhalt von Zeile zu Zeile ; Liebe zu Mutter und Geschwistern , Anflüge wirklicher Herzensneigung , Anruf und Gebete zu Gott , Gedichte , Flehen um Erhörung , Freundschaftsversicherungen ( auch ehrlich gemeinte ) , Rachegelübde , Vergiftungspläne , Samtrock , Blumensträuße , Pikschlitten und Gitarre , Witzeleien und Zynismen , – in diesem Mengemus geht es fort bis zur letzten Stunde , bis ans Schafott . Von Reue keine Spur ; es ist als ob er einfach ein ihm feindliches Tier über den Haufen geschossen habe . Was ihn beschäftigt , ist nur die Frage : » Komme ich bald wieder frei ? Und wie hübsch wird es dann sein ! « Eine bodenlose Rücksichtslosigkeit in jedem Wort , und nur immer auf Augenblicke dämmert in ihm die Vorstellung von dem Ernst seiner Lage . Eine wahre Höllenlektüre , deren Kernstücke sich der Mitteilungsmöglichkeit entziehen , aber deren anständigere Stellen auch vollkommen ausreichen , um die Häßlichkeit jener halben , unehrlichen und verlogenen Zeit der dreißiger Jahre zu demonstrieren . Emil von Arnstedts erster Brief aus dem Gefängnis 30. Dezember 1836 . Mein lieber Adalbert . Mit Dir unterhalte ich mich am liebsten , denn Du bist mein Vertrauter . Daher sollst Du etwas von jenem Morde hören . Du reistest doch Freitag Abend ab , an jenem Tage , dem der schönste Abend meines Lebens folgte . Ich sprach mit Deiner Mutter und äußerte ihr mein Bedauern über die Reise . Klara war so gut , so liebenswürdig , wie ich sie nie sah ; ich überließ mich ganz der Freude , obgleich ich schon eine trübe Ahnung hatte . Leutnant Keßler , Putlitz , Gauvain , waren auch da ; mit letzterem tauschte ich noch die Kotillon-Dame ( Klara gegen Modeste ) und wir waren sehr vergnügt . Emma Bantz , die Schiller , die eine Faller ( Sidonie ) und mehrere hübsche Mädchen ( Flora ) waren da . Nach dem Balle fuhr Klara nach Hause und ich begleitete Flora . Sonnabend gehe ich in die Divisionsschule , Sonntag auf Parade ; fragt Wenzel mich , ob ich Donnerstag 9 Uhr abends zu Hause gewesen sei ? Ich sage » ja « . Da meint er , » es ist eine ungeheure Frechheit von Ihnen , das zu behaupten « . Er zeigt mich an , beide Obersten machten mich schlecht , und ich erhalte wieder mal 24 Stunden Arrest . Es kochte fürchterlich in mir . Ich wollte zu Schlomkas gehen , wo Klara war , auf dem Beamtenverein . Alles war vor bei , ich mußte in der Stube bleiben . Kurze Zeit nach der Parade kommt Wenzel wieder zu mir und macht mich schlecht , » daß meine Stube nicht so in Ordnung sei « , während doch mein Bursche auf Wache war . Nicht die Worte selbst , sondern die Art und der Ton , wie sie gesagt wurden , haben mich so in Wut gesetzt . Dazu kam , daß mir mein Onkel ( es war dies der später kommandierende General von Werder ) sagte , » er würde sich genötigt sehen , den König um meine Entlassung zu bitten « . Ich war wütend . Hätte nur ein Mensch freundlich mit mir gesprochen , so wär ' ich auf andere Gedanken gekommen . Hättest Du mir doch zur Seite gestanden ! Kurz , ich faßte den Entschluß , meinem Leben ein Ende zu machen . Pistol , Pulver , Blei , alles war bald angeschafft und die Waffe geladen . Da dacht ' ich an meine Mutter , an meine Freunde und Kameraden , an Dich und vor allem an meine liebe Klara . Ohne Abschied konnte ich nicht von euch scheiden . Ich war , offen gesagt , zu schwach , mich schon von der Welt loszureißen . Da fuhr mir der Gedanke durch den Kopf , er muß sterben . Dieser Gedanke hat mich nicht wieder verlassen . Da ich überzeugt war , daß ich meine Lieben nicht mehr sprechen würde , so nahm ich schriftlich von den drei mir am teuersten auf dieser Welt Abschied . Es sind dies die Briefe an Dich , Klara und meine Mutter . Mein Tagebuch hatte ich geschlossen und eine meiner Locken solltest Du nebst diesem Brief erhalten . Am Montag früh ( um fortzufahren ) kam Wenzel zu mir und fuhr mich an , » warum ich nicht in der Schule sei ? « Ich sagte ihm » weil ich Arrest habe « . Schon den vorigen Nachmittag hatte ich ihn erwartet und die geladene Pistole in Bereitschaft ; er kam nicht . Jetzt antwortete ich ihm » daß ich gleich kommen würde « , worauf er eilig mein Zimmer verließ , da er wohl meine wütenden Blicke sah . Ich sprang nach dem Spinde , holte die Waffe und stürzte ihm nach . Auf 15 bis 20 Schritte schoß ich das Pistol ab und traf ihn , da er sich gerade umdrehte , in die linke Achsel quer durch die Brust , so daß die Kugel , nachdem sie den rechten Arm noch zerschmettert hatte , dicht unter der Haut sitzen blieb . Er ging nun noch einige Schritte taumelnd zurück und stürzte dann vorwärts aufs Gesicht . Ich meldete mich sogleich selbst als Mörder und wurde nach der Wache gebracht . Am folgenden Tage hatte ich an der Leiche Verhör ; der Körper wurde seziert und die Brust ganz aufgeschnitten . Keine Miene habe ich verzogen , bloß um zu beweisen , daß dieser Anblick mich nicht schreckte . Die ersten Tage meiner Einkerkerung waren für mich fürchterlich ; nur alle 24 Stunden erhielt ich warmes Essen , bis ich dann von mitleidigen Menschen gespeist wurde . Du hast hier ein offenes wahres Bekenntnis einer schrecklichen