Die Leidenschaft verjüngte Lucinden zu ihrer ersten Jugendschönheit ... Ja sie fiel sogar in ihren naiven » Hessenmädchen « -Ton ... Also - Paula ! Bitte , bitte ! ... Erzählen Sie ! ... Ich kann Ihnen nur erzählen , sagte Benno , was alle wissen ! Ich ehre den Bischof zu sehr , als daß ich ihm durch unberufene Fragen Gelegenheit geben sollte , sich über Gefühle auszusprechen , die ihm schmerzlich sind - ... Die Wunde nicht berühren , heilt sie euch ! ... schaltete Lucinde ein ... In den meisten Fällen ist es auch so ... Ob beim Bischof und bei Paula - ich weiß es nicht ... Ich kann nur berichten , daß dieser Ihnen so undankbar erscheinende Bonaventura an Verklärung und Hoheit der Gesinnung von Tage zu Tage wächst ... Er entschwebt dem Irdischen und ich mag ihn durch Fragen nicht niederziehen aus seinen reinen Höhen ... So viel aber weiß ich , daß doch Er es war , der Sie vor allen mislichen Folgen Ihrer Verbindung mit Nück geschützt hat ... Ich weiß , Graf Hugo gab seine Absicht , die Urkunde anzuzweifeln , erst nach einer langen Unterredung mit dem Bischof auf ... Lucinde horchte ... Sagen Sie selbst , fuhr Benno fort , was hätte den Bischof verhindern können , dem Grafen zu rathen : Handeln Sie getrost nach allem , was Ihnen Terschka mitgetheilt hat ! Zu offen lagen aller Welt die räthselhaften Vorgänge des Brandes in Westerhof . War ich nicht selbst ein Zeuge derselben ? Dieser Bruder Hubertus - der - leider - so räthselhaft auch - jetzt verschollen ist - ... Den ich unter die Räuber und Mörder schickte ? ... sagte Lucinde verächtlich ... In der That - überall stellen sich seiner Vernehmung eigenthümliche Hindernisse entgegen ... Den Dionysius Schneid hat er gerettet , hat die Hälfte seiner Erbschaft aufgenommen und nach London geschickt , wohin dieser Mensch , unzweifelhaft ein Brandstifter , über Bremen entkommen sein soll ... Also wer und was schützte mich - - vor dem Zuchthause ? ... unterbrach Lucinde ... Wenigstens vor der Anklagebank schützte Sie Graf Hugo von Salem-Camphausen ... Er that dies infolge einer Bürgschaft , die doch ohne Zweifel nur der Bischof für Sie übernahm ... Er mag dem Grafen Dinge über Sie gesagt haben , die Ihnen nicht würden gefallen haben ; aber sie bestimmten ihn , sich dem Unvermeidlichen zu fügen ... Er hat die Urkunde anerkannt - ... Lucinde hätte gern gesagt : So kann also euer Bischof wirklich auch - lügen ? ... Sie hörte nur voll Spannung über die Folge von Bekenntnissen , von denen Benno nicht einmal zu wissen schien , daß sie in kirchlicher Form stattgefunden hatten ... Dann , fuhr Benno fort , erfolgte die Verständigung mit Schloß Westerhof ... Worin lag zuletzt für Paula die Bürgschaft des Werthes , den Graf Hugo , nach dem Zeugniß , das der Bischof ihm ausstellen sollte , ihr haben durfte ? fragte Lucinde ... Die Bedingung , die Paula gestellt haben soll , kannte ja die ganze katholische Welt ... Ich denke in der Art , sagte Benno , wie Graf Hugo die Ergebnisse seiner Rücksprache mit Ihnen aufnahm ... Beide Charaktere lernten sich zum ersten mal kennen , sprachen sich aus und schätzten sich ... Ganz und ohne Rückhalt ? zweifelte Lucinde lachend ... Ich traue ihm zu , daß er ehrlich zu Bonaventura sagte : Sie lieben die Gräfin Paula ! ... In der That ? ... Sie freilich glauben nicht an Wahres und Gutes in dieser Welt ... Nie an den Sieg des Wahren und Guten ... So weiß ich keine andere Erklärung ... Der Graf kennt ebenso Paula ' s Empfindungen für Bonaventura wie Bonaventura ' s für Paula ... Dieser blieb mit jenem einen Tag auf Schloß Salem allein und die Folge war die Reise des Grafen nach Westerhof ... Eine Andeutung , daß der Graf - katholisch werden wird ! sagte Lucinde . Er hat unsere Religion in den Bekenntnissen eines Priesters achten gelernt ... Was sagt die Mutter dazu ? ... Benno schwieg eine Weile ... Er wußte allerdings , daß der Graf seit jener Unterredung von der tiefsten Verehrung Bonaventura ' s durchdrungen war ... Er wußte , daß die alte Gräfin auf Castellungo sich auf Grund dieser Verehrung mit bangem Herzen zum Bischof von Robillante verhielt und die Freundschaft des Grafen für den Bischof nur deshalb nicht nachdrücklicher bekämpfte , weil dieser ihre Theilnahme für die Waldenser und für den Eremiten Federigo theilte ... Benno erstaunte , daß Lucinde , die alles wußte , was ihn und Bonaventura betraf , nicht in diesem Eremiten den Vater Bonaventura ' s sah ... Alle diese Rückhaltsempfindungen verbarg er unter den Worten : Die beste Religion , die wir haben könnten , wäre eine auf die Erkenntniß der tiefsten und edelsten Möglichkeiten und Fähigkeiten unserer Menschenbrust begründete ! Liebe , Freundschaft , Vertrauen , alles Edle im Menschenherzen - ich dächte , das ist die einzig wahre Bürgschaft der Gottesnähe ... Lucinde zeigte auf den kleinen Vestatempel , der auf der Höhe des Gebirges über dem Katarakt wie ein weißer Nebelring schwebte ... Sogar Benno von Asselyn schwärmt ! sagte sie . Nein , diese Religion , die Sie da nennen , ist keine ... Oft schon hat die Gottheit versucht , ob sie sich im reinen Menschenthum offenbaren könnte ... Die Götter kamen auf die Erde in allem Reiz der menschlichen Phantasie ... Da verwilderten sie ... Dann kamen sie noch einmal im Reiz des menschlichen Duldens ... Auch das - im Vertrauen gesagt - erlag - für den Denker ... Die Götter wohnen jenseits dieser Welt ... Es war still ringsum ... Das Dunkel mehrte sich ... Lucinde warf ihre religiöse Maske ab ... Aber als wenn sie Reue darüber befiel , so ergriff sie die Papiere , erhob sich und deutete auf einen Weg zur Villa , wo es heller war ... Dabei sprach