wie er immer thut , wenn der Hahn kräht und die Uhren aufgezogen werden sollen ... Er kannte den grauen Rock mit weißen Knöpfen , die schwarze losgeknöpfte Halsbinde , die Mütze mit der kleinen Cokarde ... Die Kugel war durch die Gegend der oberen Rippen gefahren ... Stumm und nachdenklich sah Hackert auf das arme Opfer politischer Aufregungen , die seinem Sinne fremd waren . Es war eine andre Welt , in der Karl Eisold gelebt hatte , eine andre , in der sich Hackert tummelte . Wie die Sonntagsglocken draußen so dumpf läuteten , war ' s ihm , als flüsterte ihm eine Stimme zu : Fehlt dir Elenden nicht die Liebe ? Du bist nicht einmal werth , so wie Der zu sterben ! Es gibt ein Jenseits , wo die Rollen sich umtauschen und dieser Jüngling im weißen Gewande mit der Märtyrerpalme in die Hallen der Seligen tritt ! Was ist diese Welt ? Was sind diese Anmaßungen ? Was sind diese Häuser , diese Bayonnete dort , diese Eisenstäbe vor den Fenstern ? Höre die Glocken ! Sie mahnen dich an eine andre Welt ! Es überkam Hackerten wirklich ein geistiger Zustand wie der seiner physischen Krankheit . Er wandelte wie im Traum . Er fühlte , daß er wachte , aber er war seiner nicht mächtig . Er verließ die blutige Strohdecke , die einsame Halle , das Profoßhaus . Er dachte nicht mehr an den Assessor , nicht an sein Anliegen , endlich Murray zu sprechen . Er irrte so über die Straßen hin . Erst im Gewühle der lebhaftesten Stadttheile kam er zu sich und mußte sich ' s von den Augen wegwischen , so stand ' s ihm wie ein Bild vor ihnen . Der graue Novemberhimmel tröpfelte . Es fror ihn . Er sah sich um , wo er war . Er stand grade vor des Justizraths Wohnung . Die Glocken läuteten in nahen und fernen Stadttheilen . Die hinter dem alten Tempelhause gelegene Johanniskirche war schon lebendig vom brausenden Orgelstrom ... Da gedachte er der neulichen Aufforderung seines Pflegevaters , ihn zu besuchen , wenn Sonntags in der Kirche gepredigt würde . Er schellte also an dem Hause seiner Jugend . Es öffnete sich . Er trat ein . Niemand da . Er klopfte an die Geschäftsthüren . Sie waren verschlossen . Er ging an die hintere Thür , wo Schlurck arbeitete . Auch sie verschlossen ... O , sagte er sich , wenn du nur nicht irgend Einem begegnetest , der dich aus deinem Traume risse ! Nur Bartusch , nur Jeannette nicht ! Nur nicht Menschen ! Nur nicht Erinnerungen von sonst ! Wär ' s Melanie ! ... Ganz wohl that ihm , daß Alles so öde und einsam in dem Hause war . Die Treppen zu ersteigen wagte er nicht . Er sah die alten bekannten Bilder , die auf den Wänden der Treppen hingen . Er hörte Niemanden . Daß die Hausthür aufgegangen war auf sein Schellen , war wie von Geisterhand geschehen . Aber zuletzt war es doch Jeannette , die die Treppe herunterrief : Wer ist da ? Hackert stand zur Hälfte oben und fragte nach dem Justizrath . Staunen , Verwundern , Zögern - Er hat mich bestellt - Wie geht ' s ? Was sagte der Stallmeister ? Neumann ist bei Lasally - ich zieh ' auch zu ihm , Fritz ! Hier wird ' s still - öde - die Justizräthin ist in der Kirche - Melanie liest den ganzen Tag Bücher und spielt Harfe wieder und Klavier - Hören Sie - da - da spielt sie ... Melanie , die im Klavierspielen sonst so Träge , spielte ein träumerisches Adagio . Auch sie schien die Predigt in der Kirche durch die Wahl des Musikstücks zu ehren ... Er hat Sie bestellt ? sagte Jeannette staunend . Hackert , ist ' s auch wahr ? Haben Sie doch nichts Schlimmes im Sinn - ? Hackert lauschte den Tönen und blinzelte nur mit den grauen Augen - Bartusch ist auch in der Kirche und die Justizräthin - Hackert , soll ich Sie wirklich melden ? Hackert nickte . Man hörte einen Schlafrock rauschen . Er kam von oben her . Es war der Justizrath , der rasch , scheinbar in großer Aufregung , mit Papieren in der Hand , von einer Corridorthür oben in die von Jeannetten geöffnete eintreten wollte . Herr Justizrath - Was ist ? rief Schlurck auffahrend , fast wild ... Hackert ist da ... Wer ? Was ? rief Schlurck und blickte um sich wie irrsinnig und sah den auf der Treppe stehenden Pflegesohn ... Was wollen Sie ? fuhr er mit plötzlich leichenblasser Miene den ihn auf seine eigne Aufforderung Besuchenden an und doch erstarb ihm das Wort auf der Zunge . Er war von Hackert ' s Begegnung an dieser Stelle , um diese Stunde so betroffen , wie damals , als er ihn auf dem Heidekrug um Mitternacht hatte schlafwandeln sehen ... Hackert , befremdet über diese Aufnahme , mit dem ihm immer gegenwärtigen Zorne auflodernd , ließ die tonlosen Worte fallen : Es ist ja Sonntag Vormittag , Herr Justizrath ! Die Glocken läuten ja ! Aus der Johanniskirche hört man die Orgel ... Schlurck besann sich auf seine eigne Aufforderung und suchte sich zu fassen . Er schien zu bereuen , daß er sich auf einem so heftigen Erschrecken über Hackert ' s Anwesenheit hatte ertappen lassen ... Ich störe Sie ! Ein ander Mal ! sagte Hackert und wollte gehen ... Nun aber schien über den Justizrath eine neue Gedankenreihe zu kommen . Er rückte die goldne Brille in die Höhe , strich sich die spärlichen grauen Haare und sagte : Nein , nein , ich besinne mich ja ! Ja wohl , ja wohl ! Jeannette geh ' Sie ! Was lauert Sie ! Fort ! Aber daß Sie Melanie nichts sagt ! Hört Sie ? Jeannette hielt diese