das Feinste , was da zur Sprache kam , um so weniger , als man sich ' s angelegen sein ließ , das ohnehin nicht sehr Lobesame noch durch Übertreibung und Renommisterei zu würzen . Idealen wurde nachgestrebt , aber woher waren diese Ideale genommen ? Aus lasziven Romanen , die mit Hilfe zahlreicher Übersetzungen eben damals in die Mode kamen . Die knappen Geld- und Lebensverhältnisse besserten nichts ; im Gegenteil , alles was sonst vielleicht einen wenigstens äußeren Anstand gezeigt hätte , verlor auch diesen noch . Es war eine traurige Zeit , innerlich haltlos , äußerlich mittellos . Arnstedt persönlich hatte Verfügung über Esprit und Energie , beide Vorzüge jedoch traten in den Dienst von etwas Schlechtem und verhäßlichten sein Bild mehr , als daß sie es verschönert hätten . Auch der › Dienst ‹ litt schließlich in unzulässiger Weise . Von Ordnung , Pünktlichkeit und Adrettheit konnte keine Rede sein , wo Debauchen aller Art auch dem von Natur kräftigsten Körper den Frohsinn und die Frische nahmen . Allerlei kleine Strafen waren an der Tagesordnung und steigerten sich mehr als einmal bis zu strengem Arrest . Aus dem Arrestlokale wurde dann fleißig in Zetteln korrespondiert , meist an einen Freund und Vetter Adalbert von L. « Neben den weiterhin mitzuteilenden Hauptbriefen liegt mir auch eine der Vorspielzeit angehörige Korrespondenz vor und ich entnehme derselben einige charakteristische Stellen . Am 6. November 1836 , einen Monat vor der unheilvollen Tat , heißt es , aus dem Arrest , auf einem dieser Zettel : » Wie bist Du mit dem lettre d ' amour angekommen ? Vergiß heute Abend die Guitarre nicht . Ist es wahr , daß Jolly übergefahren ? Es sollte mir sehr leid tun . Vergiß auch nicht die Pfeifenspitze , das Buch und den Zucker « . Und am 12. November . » Heut ist Dein Geburtstag . Ich erinnere Dich an die Bibelworte : › Habe Gott vor Augen und im Herzen ‹ und an das für Dich noch gewichtigere : › Hüte Dich , daß Du in keine Sünde fallest ‹ . « Und nun folgt eine völlige Kapuzinerpredigt , abwechselnd in Reim und Prosa , darin er sich selbst als ein sittliches Vorbild aufstellt und den Freund , versteht sich ironisch , auffordert , ihm auf dem einzig heilbringenden Tugendwege zu folgen . Am 25. schreibt er auf rosafarbenem Papier und fühlt sich deshalb zu besonderen Zartheiten veranlaßt . Wenigstens eine kleine Weile . » Grüße meine liebe Modeste , vor allem aber grüße meine liebe Klara . Du kennst ja meine Connaissancen besser als ich . Klara steht mir am höchsten . Wenn es in Deinen Kräften steht , so verschaffe mir wieder etwas Geld und Zucker . Es braucht ja nicht harter zu sein , wenn er nur halbwege süß ist . Und schicke mir auch das Gesangbuch . Es liegt linker Hand in meinem Fach . « Dieser Brief vom 25. ist unterzeichnet » Dein unglücklicher E. v. A. « Ob dies » unglücklich « ernsthaft oder scherzhaft gemeint war , ist nicht recht ersichtlich , ich vermute jedoch das erstere . » Mein Onkel , der Oberst von Werder « , so heißt es nämlich zwei Tage später , am 27. , » hat mich wissen lassen , daß ich wahrscheinlich nicht länger im Regimente bleiben könne . Das ist mir unangenehm . Doch laß ich mir deshalb keine grauen Haare wachsen . Mein Capitain hat ihm alles gesagt und ich habe sein ganzes Mißfallen erregt . Bei seinem letzten Besuch las ich in einem Deiner Bücher , worauf er mir sagte : › ich sollte mich lieber mit etwas Nützlicherem beschäftigen , statt Romane zu lesen . ‹ Wie kann der gute Mann nur glauben , daß ich jetzt zu etwas anderem Lust hätte ! Vorzüglich aber ist er darüber aufgebracht , daß ich , wie er sich ausdrückte , mit lüderlichen Referendarien und sogar mit einem Küper Umgang hätte . Kommt es zum Schlimmsten und werd ' ich entlassen , so findet ein junger Kerl wie ich auch wohl sonst noch sein Fortkommen , in einer andern Stadt oder einem andern Land oder unter einer andern Zone . Leute meines Schlages sind nie ganz zu verachten und werden als Soldaten zum Totschießen immer gesucht . Mißlingt aber alles , so befreit mich wohl ein Lot Pulver von meiner Qual . Es sollte mir aber leid tun , scheiden zu müssen , denn erstens wäre es doch schade um ein so fideles Haus und zweitens , weil ich verliebt bin « . Nun folgen sentimentale Betrachtungen , eine ganze Seite lang , die dann wieder in Zynismen auslaufen . II. Der vorstehende Brief vom 27. November ist der letzte vor der Tat geschriebene . Vielleicht , daß diese schon beschlossene Sache war , als er drei Tage später ( am 30. November ) aus dem Arrest entlassen wurde , wenigstens war ihm der Offizier , der seinem Rachegelüste zum Opfer fiel , seit lange verhaßt . Einige behaupten , daß auch Eifersucht mit im Spiele gewesen sei . Gleichviel , am 5. Dezember früh geschah die Tat , Arnstedt selbst machte die Meldung davon und wurde , kaum aus dem Gefängnis entlassen , aufs neue dahin abgeführt . Die vorgesetzte militärische Behörde nahm es , wie selbstverständlich , sehr ernst , sah von allen Rücksichten ab und ließ ihn in Ketten legen . Er machte jedoch das Unmögliche möglich und führte , trotz dieser Ketten und sonstiger Behinderungen , eine lebhafte Korrespondenz , die nicht bloß bruchstückweise wie die vorhergehende , sondern in ihrer Totalität mir vorliegt . Ihr charakteristischer Zug ist ein ungeheures Maß von Selbstsucht und Leichtsinn . An diesem Leichtsinn nimmt einigermaßen auch der Freund , Adalbert v. L. , teil , an den sich die Briefe richten . Bis zuletzt sprechen sie von Ball , Vereinen , Kotillonorden und Liebesgeschichten . Aber das ist nicht das Schlimmste . Schlimmer ist der Gefühlsmischmasch