Einige verwundet worden ... Wie er noch so in der Ferne mit einer Miene voll Gleichmuth und achselzuckend zu der Gruppe hinblickte , die ab- und zugehend ihre Theilnahme nicht auszusprechen wagte , da Schildwachen und Polizeidiener genug in der Nähe standen , sieht er mit ängstlichem vorsichtig behendem Schritt Louise Eisold über den Marktplatz schreiten , an dem das Profoßhaus liegt . Sie hat vier ihrer Geschwister an der Hand , Wilhelm und Karoline , die Zeitungsträger , und die noch kleineren , Friederike und Heinrich ... Wie Louise in das gewölbte Portal des Profoßhauses tritt , wendet sie sich fragend nach der Halle und sieht die Gruppe der Neugierigen ... Ein so junges Blut ! heißt es . Sie hört Das ... Sie tritt näher ... Die Geschwister wollen sie der Menschen wegen zurückhalten . Sie reißt sich von ihnen los , drängt sich heran , beugt den Kopf über die Tragbahre , hält sich wie schwindelnd an einem der ihr nahestehenden Menschen , blickt noch einmal auf die Leiche und stößt einen Schrei des Entsetzens aus . Karl ! rufen die Kinder und brechen in ein herzzerreißendes Weinen aus . Karl ! ruft Louise und faßt die Leiche , um sie emporzurichten ; die Halle war niedrig , spärlich durch kleine runde Fenster erleuchtet , vom trüben Wetter fast düster ... Sie hält den Kopf des Todten wie gegen das Licht , streift an den Kleidern entlang , sieht die Züge des kalten Angesichts noch einmal prüfend durch und hat von dem an der Brust geronnenen Blute die Merkmale seiner tödtlichen Wunde in der Hand ... Der Todte war Karl Eisold , ihr Bruder . Sie mußte es so hinnehmen . Es war so . Gott hatte Das gegeben . Gott oder Wer ? Es war so . Ihr Bruder Karl war todt . Die Theilnahme der Umstehenden zeigte sich freilich als die innigste ; aber was half Das ? Louise lag über die Leiche hingestreckt und betrachtete sie stier . Dann redete sie wie im Wahnsinn mit dem Todten , als wenn er lebte , als wenn er selbst Auskunft geben könnte . Karl hörst du nicht ? Karl ! Sie schluchzte nun wenigstens und sprach doch wieder . Erst schien sie selber leblos . Der Todte kalt und stumm . Das Blut quoll noch ein wenig aus der Wunde . Es war in größeren Massen die Nacht über auf eine Strohmatte gerieselt , die man unter die Bahre gelegt hatte . Das blasse Antlitz des sechzehnjährigen Jünglings war milde und wie verklärt . Er schien zu schlafen . Das blonde Haar hing schlicht , blutdurchronnen über die Stirn . Die Mütze , die er zu tragen pflegte , mit einer kleinen schwarz-roth-goldnen Cokarde , lag neben ihm . Der graue Tuchrock mit weißen Metallknöpfen war von Blut und Schmuz besudelt . Es war da nichts mehr zu ändern . Karl Eisold war das Opfer jener ersten energischen That des neuen Ministeriums gewesen . Hackert , hinter einem von den kurzen Gewölbepfeilern der Halle verborgen , beobachtete mit sich verdüsternden Blicken die herzzerreißende Scene . Er hatte den jungen Arbeiter so gut gekannt . Wie rüstig war er , wie ernst und streng in seinem Berufe ! Wie streng gegen ihn , den trägen Tagedieb ! Er sah ihn , wie er zeitiger aufstand als alle Andern , die in jenem Hause beisammen wohnten ! Er hörte ihn nebenan in der Küche sich schon waschen , während er im Bett sich noch wälzte und zum Frühschlummer sich auf die andre Seite warf ! Er sah ihn an seinem Gitterfenster auf der Galerie vorbeigehen in die Willing ' sche Maschinenfabrik ... Er sah ihn nach Hause kommen , Abends , ermüdet , nur nach seinem Nachtessen fragend , das mit Ernst und schweigsam verzehrend und dann bald zur Ruhe gehen ... Dies gegen zwanzig Millionen Seelen im Staate ganz unbedeutende , überflüssige Leben war nun beendet . Und doch war der Jüngling die Hoffnung , die Stütze einer Familie gewesen . Auf ihn bauten diese armen , verlassenen , elternlosen Kinder ihre Hoffnung . Eine kleine Rauchwolke war ' s. Nun verzogen ! Hackert mußte sich unwürdig fühlen , die wahre Trauer um diesen Jüngling auszusprechen ; doch grollte er mit dem Schicksal und erschrak fast vor der Majestät des Todes . An Louise war es herzzerreißend zu sehen , wie die Phantasie des Mädchens sich in den schrecklichen Moment nicht finden konnte . Mullrich , ihr Vizewirth , der Polizeidiener , stand daneben und erzählte den Leuten , daß sie gestern Abend im Hause herumgesucht und gefragt hätte , daß sie eine jammervolle Nacht ausgestanden und am frühen Morgen schon wieder gesucht , schon in die Willing ' sche Fabrik geschickt hätte - wo aber am Sonntag Niemand arbeitete - Er hätt ' ihr gerathen , hier in ' s Profoßamt zu gehen . Bei dem Kommentar ihres Leids aus diesem Munde schwieg Louise und sah den Bruder starr an , als wenn sie sagen wollte : Das ist unser Loos ! Nicht Eures , nicht das Loos der Reichen und Vornehmen , es ist das Loos der Armen und Verfolgten ! Kümmerlein , der neben Mullrich stand , erzählte den Vorfall von gestern Abend und berichtete , daß noch einige Verwundete und Viele gefangen wären . Auch der große Breitschultrige , sagte er mit Beziehung , wißt Ihr Mullrich , damals vom Fortunaball , der den Hackert heraushieb ? Er war erst vor vierzehn Tagen entlassen ... Danebrand ! sagte sich Hackert in seinem Versteck . Er kämpfte mit sich , ob er näher treten sollte ... Zum ersten Male fühlte er , daß er unwürdig war , sich dem heiligen Unglück zu nähern . Louise , die auf der Leiche lag , sah nicht , daß die schluchzenden Kinder von den Umstehenden Gaben der Liebe empfingen , hörte nicht , daß Danebrand saß ... Der Verein sollte geschlossen werden , erzählte Kümmerlein , da