Augenblick von oben ... Gleich an der Pforte , lag ein Wirthschaftsgebäude , wo , wie Benno sah , an Dienern kein Mangel war ... Ihnen gab er zur Hut das Pferd aus Ercolano ' s , ihres jungen Fürsten , Stall ... Ueber sich schlängelnde und terrassirte Wege ging es aufwärts zur Villa , die sich an Großartigkeit mit Villa Torresani nicht messen konnte ... Sie war so klein , daß Lucinde hier höchstens nur zwei Zimmer bewohnen konnte ... Schön aber war auch sie , wenn auch alterthümlicher , als die auf der andern Seite des Berges ... Die Decke des Vestibüls enthielt Lunettenbilder von ersten Meistern ... Der Garten bot Laubengänge und Boskets ... Man zeigte einen Gang hinunter , den die Weinrebe aus lieblichen Guirlanden bildete ... Dort sollten Donna Lucinda und Graf Sarzana verweilen ... Dieser Gang endete in einem Rundbogen von geschnittenen Myrten ... Hob sich hier vom dunkelgrünen Hintergrund in blendendweißem carrarischen Marmor eine in Schilfblättern kniende Nymphe mit einem Schöpfkrug als eine Erinnerung an die Wasserwelt des fernher rauschenden Anio an sich schon bedeutungsvoll ab , so noch mehr die an das Postament dieser Gruppe gelehnte Gestalt Lucindens ... Benno sah , was das Glück vermochte ... Lucinde , die in St.-Wolfgang von der alten , über die Alpen ihrem Pflegling , dem Bischof , gefolgten Renate verachtet wurde , von Grützmacher nach einem Steckbrief verglichen , von Tante Gülpen aus der Dechanei verwiesen , Lucinde , die sich in der Residenz des Kirchenfürsten nur durch Nück ' s Interesse für sie erhielt , die nicht unverdächtig der Theilnahme an einem Verbrechen auf Schloß Westerhof geblieben war - sein Beichtwissen durfte Bonaventura auch an Benno nicht verrathen - sie , die Bonaventura in Männerkleidern nach Wien gefolgt war - soviel hatte Benno von ihm erfahren - sie , ein Kind der Armuth , in ihrer ersten Jugend eine Magd - ... Da stand sie jetzt - in einem purpurrothen Kaschmirshawl , den sie um beide Arme geschlungen hielt ... Ihr weißes Gewand lag eng an ihrer schlanken Hüfte ... Ihr Haar , um den Kopf in Flechten gewunden , war frei ... Im starren Auge lag die alte Unheimlichkeit des Blicks , ihre Rache an dieser Welt für etwas , das sie vielleicht selbst nicht angeben konnte ... Ihre blinzelnde Augenwimper , ihre leise , zurückhaltende Sprache ... Letztere schon in der Todtenstille angedeutet , die Benno antraf , obgleich ihr gegenüber auf seinen langen Degen sich stützend Graf Sarzana stand , den bebuschten silbernen Helm in der Hand ... Dennoch unterhielten sie sich ... Benno konnte den Bewerber erst erblicken , als sein Fuß schon in die Myrtenrotunde eingetreten war ... Vorher stand nur Lucinde seinem Auge ersichtlich - Sie , die Richterin über das Geheimste , was mit seinem Dasein zusammenhing ... Herr von Asselyn ! sprach Lucinde Benno dem Grafen vorstellend - ohne einen Schritt weiter zu gehen oder sich in ihrer Stellung zu verändern ... Zu Benno sagte sie lächelnd : Kommen Sie also endlich ? ... Sie hatte den Ankommenden schon beim Absteigen vom Pferde gesehen und längst ihrem Blute Ruhe geboten ... Graf Sarzana hatte sich eben entfernen wollen ... Benno betrachtete Lucinden , die so ruhig that , als hätte sie ihn erst gestern zum letzten mal gesehen , betrachtete den Cavalier , der in so seltsamer Umstrickung lebte ... Beide mit dem größten Befremden ... Graf Sarzana war ein Mann zwischen den Dreißigen und Vierzigen ... Seine Augen ruhten auf Benno mehr finster , als freundlich ... Er verneigte leicht sein Haupt und sagte , daß er schon von Signor d ' Asselyno gehört hätte ... Benno hatte auf den nahe liegenden Besitzungen des Cardinals Verwandte des Grafen gesprochen , die da und dort die Oekonomie verwalteten ... Ein Brautpaar konnte Benno kaum zu sehen glauben ... Die Kälte und Ruhe Lucindens war der Ausdruck der höchsten Abspannung ... Graf Sarzana schien aufgeregter , wenigstens stand ein unausgesetztes Streichen der Haare seines Helms mit seiner scheinbaren Ruhe im Widerspruch ... Unwillkürlich bot sich für Benno die Vergleichung mit Paula und dem Grafen Hugo ... Wie anders dies Gegenbild ! ... Der Abschied des Grafen verzögerte sich ... Benno ' s scharfes Auge glaubte einen gemachten Zug von Verachtung vor dem sich Empfehlenden auf Lucindens Lippen zu sehen ; sie wollte wol nur damit an ihre Liebe für Bonaventura erinnert haben ... Aber auch der Graf schien nur eine eingelernte Rolle zu spielen ... Zwar blieb er artig und plauderte noch einige Dinge , die einen Fremden interessiren durften . Die Stunden , wo der Heilige Vater seine Segnungen ertheilt , sind jedem Fremden in Rom von Wichtigkeit ; sie sind das , was anderswo die Wachparaden und Manöver . Einige Paläste , einige Sammlungen sind schwer zugänglich ... Graf Sarzana ' s Erbieten zur Vermittelung war freundlich ... Auch schien er unterrichtet und behauptete Sammler zu sein ... Er bewunderte , wie beide Deutsche sich in die italienische Art gefunden hätten , rühmte die deutschen Schulen und schien vorauszusetzen , daß Lucinde eine Erziehung genossen hätte , die ihr die Kenntniß des Lateinischen schon durch die Fürsorge des Staats verschafft hätte ... In allem , was er sprach , lag ein Anflug von Ironie ... Graf Sarzana hatte auf ein Convolut von Papieren gedeutet , das auf einer Bank lag ... Das sind deutsche Acten ! sagte Lucinde und fuhr fort : Der Graf thut , als wenn ich so frischweg die Gedichte lesen könnte , die drüben auf den Wasserfall Catull gemacht hat ! ... Ich verstehe das Breviarium - Das ist alles ... Der Graf that , als hinderte ihn am Gehen eine Zärtlichkeit , die Benno für gemacht halten mußte ... Er wollte Lucinden die Hand küssen , die ihm diese mit Koketterie entzog ... Ihre Reserve hatte immer etwas Anlockendes ... Der Graf hörte in der Ferne das Stampfen und Wiehern seines schönen neapolitanischen Rosses und konnte nicht fortkommen ...