hatte während der ganzen Zeit auf der Schwelle gestanden , ohne den Salon zu betreten ; erst jetzt trat sie vollends ein , und sich ihrer Tante nähernd , fragte sie leise , aber mit eigentümlich bebendem Tone : » Glaubst du mir nun ? « Die Fürstin war in das Sofa zurückgesunken . Ihr Auge haftete noch an der Thür , durch die ihr Sohn sich entfernt hatte , als wolle und könne sie das eben Geschehene nicht fassen . » Ich habe ihn immer nur nach seinem Vater beurteilt , « sagte sie , wie mit sich selber sprechend , » der Irrtum rächt sich schwer an uns allen . Er hat mir gezeigt , daß er – nicht wie sein Vater ist . « » Er hat dir wohl noch mehr gezeigt . Du warst stets so stolz darauf , Tante , daß Leo deine Züge trägt ; von deinem Charakter hat er wenig geerbt – den mußt du bei seinem Bruder suchen . Das war deine Energie , die dir vorhin so drohend gegenüberstand , dein unbeugsamer Wille ; das war sogar dein Blick und Ton – Waldemar ist dir ähnlicher , als es Leo je gewesen . « Es lag etwas in der Stimme der jungen Gräfin , das die Fürstin aufmerksam machte . » Und wer lehrte denn gerade dich diesen Charakter mit solcher Sicherheit enträtseln ? « fragte sie scharf . » War es deine Feindseligkeit gegen ihn , die dich so tief schauen ließ , wo wir alle getäuscht wurden ? « » Ich weiß es nicht , « versetzte Wanda , den Blick senkend , » es war wohl mehr Ahnung als Beobachtung , die mich leitete , aber ich wußte es vom ersten Tage an , daß wir in ihm einen Feind hatten . « » Gleichviel ! « erklärte die Fürstin mit Entschiedenheit . » Er ist und bleibt mein Sohn . Du hast recht , er hat mir heute zum erstenmal gezeigt , daß er es wirklich ist , aber eben darum wird seine Mutter ihm wohl gewachsen sein . « » Was willst du thun ? « fiel Wanda ein . » Den Kampf aufnehmen , den er mir bietet . Denkst du , ich werde seinen Drohungen weichen ? Wir wollen doch abwarten , ob er wirklich zum Aeußersten schreitet . « » Er schreitet dazu – verlaß dich darauf ! Rechne nicht auf irgend eine Weichheit oder Nachgiebigkeit bei diesem Manne ! Er opfert dich , Leo , uns alle schonungslos dem , was ihm recht heißt . « Die Fürstin streifte mit einem langen forschenden Blick das erregte Antlitz ihrer Nichte . » Mich und Leo vielleicht , « entgegnete sie , » ich kenne aber jetzt die Stelle , wo seine Kraft erlahmt ; ich weiß , was er nicht opfert , und es soll meine Sorge sein , ihm das im entscheidenden Augenblicke entgegenzustellen . « Wanda sah ihre Tante an , ohne sie zu verstehen . Sie hatte nichts weiter bemerkt als Waldemars plötzliches Verstummen , das sich durch ihr unerwartetes Erscheinen genug erklärte , und dann wieder seine starre , abweisende Haltung ihr und der Mutter gegenüber ; sie konnte also nicht erraten , wohin diese Worte zielten , und die Fürstin ließ ihr auch keine Zeit , darüber nachzudenken . » Wir müssen einen Entschluß fassen , « fuhr sie fort . » Vor allen Dingen muß mein Bruder benachrichtigt werden . Da Waldemar morgen früh abreist , fällt der Grund zu deiner beschleunigten Rückkehr fort . Du bleibst also und rufst deinen Vater und Leo unverzüglich nach Wilicza zurück . Was sie auch vorhaben mögen , es handelt sich hier um das Wichtigste . Ich lasse deinen Brief noch heute durch einen Eilboten abgehen , und morgen abend können sie hier sein . « Die junge Gräfin gehorchte . Sie kehrte in das Arbeitszimmer zurück und setzte sich wieder an den Schreibtisch , vorläufig noch ohne Ahnung , welche Rolle sie auf einmal in den Plänen ihrer Tante spielte . Die längst abgethane und vergessene » Kinderei « gewann eine ganz andre Bedeutung , seit man wußte , daß sie eben nicht abgethan und vergessen war , hatte sie doch schon einmal geholfen , die Herrschaft über Wilicza zu erobern . Die Fürstin konnte es ihrem Sohne nicht vergessen , daß er sich so entschieden und beleidigend weigerte , das Blut der Morynski in seinen Adern anzuerkennen . Nun denn , so sollte er dafür an einer Morynska scheitern – wenn es auch nicht seine Mutter war . Im Wohnzimmer des Administrators saßen Herr Doktor Fabian und Fräulein Margarete Frank vor einem aufgeschlagenen Buche . Die französischen Lesestunden hatten nun wirklich ihren Anfang genommen , aber so ernst und gewissenhaft der Lehrer die Sache nahm , so unzuverlässig zeigte sich die Schülerin . Schon in der ersten Stunde , die vor einigen Tagen stattgefunden , hatte sie sich damit amüsiert , den Doktor über alles mögliche auszufragen , über seine Vergangenheit , seine ehemalige Hauslehrerstellung bei Herrn Nordeck , über das Leben in Altenhof und dergleichen mehr . Heute nun wollte sie durchaus wissen , was er eigentlich studiere , und trieb den armen Gelehrten , der um keinen Preis seine » Geschichte des Germanentums « verraten wollte , mit ihren Fragen immer mehr in die Enge . » Aber wollen wir denn nicht endlich die Uebung beginnen , mein Fräulein ? « sagte er bittend . » Auf diese Weise kommen wir auch heute nicht dazu . Sie sprechen fortwährend deutsch . « » Ach , wer kann jetzt an das Französische denken ! « rief Gretchen , ungeduldig eine Seite des Buches nach der andern umschlagend . » Ich habe ganz andre Dinge im Kopfe ; das Leben in Wilicza ist so aufregend . « » Ich dächte doch nicht , « meinte der Doktor , indem er geduldig wieder zurückblätterte , um die Stelle zu