Stadtkind , das zum erstenmal die frische Bergesluft hatte atmen dürfen , zum erstenmal Freiheit und Freude kennen gelernt hatte , war förmlich aufgeblüht bei dieser heilkräftigen Arznei . In das muntere Geplauder , das Dora mit ihrem Schützling führte , kam der Herr Professor wie ein Ungewitter hineingefahren und störte die ganze Gemütlichkeit . » Hast du denn ganz vergessen , daß es sieben Uhr ist ? « schalt er . » Deine Abendmilch sollst du trinken , pünktlich soll sie getrunken werden ! Da nahm ich den Jungen auf das unnütze Drängen des Doktors hin mit in die Berge , damit er ein menschliches Aussehen bekommen soll , und nun sitzt er da und guckt Bilder an , statt seine Milch zu trinken , um dann natürlich als das gleiche Jammerwesen nach Hause zurückzukehren . Auf der Stelle gehst du nach dem Kuhstall ! « Dora hatte erstaunt zugehört . » Aber Herr Professor , « rief sie , » das klingt ja fast nach der dummen Menschenliebe , die Sie jüngst so verurteilt haben ! – Geh nur , Friedel , « fuhr sie fort , » ich werde schon allein fertig . Da nimm meinen Hut mit und trage ihn in das Haus ! « Der Knabe warf einen wehmütigen Abschiedsblick auf die Zeichnungen , die er gar zu gern noch einmal angesehen hätte , aber er gehorchte , nahm den Hut – es war das Filzhütchen mit dem blauen Schleier , das Dora stets auf den Bergwanderungen getragen hatte – und trottete davon . Das junge Mädchen sah ihm nach und fragte dann den Professor : » Finden Sie nicht , daß der Friedel sich merkwürdig erholt hat in den vier Wochen ? « » Das finde ich gar nicht merkwürdig , « versetzte Normann . » Der Junge wird ja gepäppelt und verhätschelt und verwöhnt wie ein Prinz . Und einen neuen Anzug habe ich ihm auch kaufen müssen , der ein Heidengeld kostet ! « » Er sieht aber so hübsch darin aus ! Uebrigens bat ich nur ganz bescheiden um ein neues Jäckchen , da kauften Sie den ganzen Anzug und noch dazu vom teuersten Stoff , « » Weil ich mich schämte , daß der Junge in seinen Lumpen den ganzen Tag mit uns herumläuft . Sie nehmen ihn ja überall mit , es geht gar nicht mehr ohne ihn , und dabei trägt er höchstens Ihre Skizzenmappe , weil er sich beileibe nicht anstrengen soll . Ich muß mir meine Sachen selber tragen , ich werde überhaupt gar nicht mehr gefragt , eine förmliche Tyrannei wird über mich ausgeübt . « » Friedel befindet sich aber sehr gut bei dieser Tyrannei , « sagte Nora ruhig , » und Sie auch , Herr Professor . « » Bitte , ich befinde mich sehr schlecht dabei , denn der Junge wird mir in Grund und Boden verdorben . Ich hatte ihn mir so schön angelernt . Er wagte früher in meinem Zimmer nicht den Mund aufzuthun , – jetzt schwatzt er nur so drauf los , fängt sogar an , aufzumucken . Bei jeder Gelegenheit bekomme ich zu hören : Fräulein Dora mag das aber nicht ! Fräulein Dora will das aber so haben ! Und dann thut er natürlich , was das gnädige Fräulein will , und kümmert sich den Kuckuck um mich und meine Befehle . « » Ja , warum lassen Sie sich das gefallen ? « fragte Dora . » Ich thäte es eben nicht an Ihrer Stelle ! « Dabei nahm sie ihren Sonnenschirm von der Bank und lehnte ihn seitwärts an das Holzgitter . » Ja , warum lasse ich mir das eigentlich gefallen ? « wiederholte Normann in hochgradiger Entrüstung und nahm schleunigst den leer gewordenen Platz auf der Bank ein . » Sie kümmern sich ja gar nicht um meinen Widerspruch . « » Nein , und ich leide es auch nicht , daß der Friedel wieder zur Maschine gemacht wird wie früher . Was gedenken Sie denn eigentlich mit ihm anzufangen , wenn Sie wieder in der Stadt sind ? « » Die Stiefel soll er mir putzen ! « erklärte der Professor mit grimmigem Behagen . » Oder glauben Sie etwa , daß ich ihn so weiter verhätscheln werde wie Sie , mein Fräulein ? Schwindsüchtig ist er nicht , nur verkümmert , hat der Arzt gesagt , er braucht nur Luft , Bewegung , kräftige Kost . Nun , die hat er jetzt , und wenn er dabei gesund wird , um so besser für ihn ! Dann aber ist es zu Ende mit dem Herrenleben , dann muß er wieder Stiefel putzen , vom Morgen bis zum Abend . « » Haben Sie denn eine so unendliche Menge Stiefel ? « rief das junge Mädchen und brach in ein helles Gelächter aus , das den Professor vollends zur Verzweiflung brachte . » Lachen Sie nicht , Fräulein Dora , « sagte er zornig . » Ich muß dringend bitten , daß Sie mich nicht auslachen , mich – « » Den Professor Julius Normann , die Leuchte der Wissenschaft , die so viele Stiefel besitzt , daß man vom Morgen bis zum Abend daran zu putzen hat , « ergänzte Dora und lachte , daß ihr die Thränen in die Augen traten . » Das möchte doch über die Kräfte des armen Friedel gehen , und ich wollte Ihnen auch ohnedies einen ganz anderen Vorschlag machen . « » Soll der Junge etwa Opernsänger werden ? « fragte Normann boshaft . » Oder soll ich ihn studieren lassen , damit er dereinst auch eine Leuchte der Wissenschaft wird ? « » Das gerade nicht , aber Aehnliches . Sehen Sie sich einmal dies an – Friedels erste künstlerische Leistung ! « Dora zog aus der Mappe ein einzelnes Blatt hervor und reichte es dem Professor , der es sehr mißtrauisch in Empfang nahm . Aber kaum hatte er einen