sie ihn selbst pflegen werde . Der Gouverneur hatte befohlen , auf ’ s Beste für die Verwundeten zu sorgen , besonders für den jungen Arzt , dem die Ausübung seiner Pflicht beinahe das Leben gekostet hatte ; einer besseren Pflege aber konnte man diesen gar nicht anvertrauen . Er mußte seines bedenklichen Zustandes wegen vorläufig im Schlosse bleiben , während die beiden Sicherheitsbeamten , die leichtere Wunden davongetragen hatten , am nächsten Tage nach der Stadt gebracht werden konnten . Der Haushofmeister war sehr erfreut , den Befehlen seines Herrn so pünktlich nachkommen zu können ; er unterstützte das Fräulein nach Kräften in ihrem von der christlichen Barmherzigkeit eingegebenen Vorhaben und hatte die Genugthuung , zu sehen , daß der Freiherr , dem er diese Wendung der Sache meldete , außerordentlich zufrieden damit war . Um so weniger zufrieden aber war der Hofrath . Er gerieth förmlich außer sich , als er bei der Rückkehr diesen „ staatsgefährlichen “ Patienten in seiner Wohnung fand , und verlangte entschieden die Entfernung desselben , stieß aber hier auf einen ebenso entschiedenen Widerstand . Die sanfte , stille Agnes zeigte zum ersten Male in ihrem Leben Festigkeit und Energie , als sie sich weigerte , dem Vater zu gehorchen , und da sich auch die resolute Frau Christiae auf die Seite ihres Fräuleins schlug , so wurde Moser überstimmt . Man machte ihm begreiflich , daß man den Schwerkranken nicht wieder fortschaffen könnte , ohne sein Leben zu gefährden und sich geradezu zu seinem Mörder zu machen . Der Hofrath sah das schließlich ein , aber es minderte nicht seine Verzweiflung ; er lief gleich am nächsten Morgen zu seinem Chef , um ihm die Schreckenskunde zu überbringen und sich feierlichst gegen jede Mitschuld zu verwahren , aber er erhielt statt des gehofften Machtwortes , das ihn von dem aufgedrungenen Gaste befreien sollte , den Rath , sich dem eigenmächtigen Verfahren seiner Tochter zu fügen , das der Freiherr im höchsten Grade zu billigen schien . Doch er verhieß , dafür zu sorgen , daß der Vorfall zu keinem Zweifel an der Loyalität des Hofrathes Veranlassung gebe , und erklärte sogar , seinen eigenen Hausarzt senden zu wollen . Man sei durchaus verpflichtet , sich des jungen Arztes anzunehmen , der sich so aufopfernd bewiesen habe . Dieser Autorität fügte sich der Hofrath denn endlich , aber es geschah mit schwerem Herzen . Er konnte es seiner Tochter nicht verzeihen , daß sie die Barmherzigkeit gegen ihre leidenden Mitmenschen so in ’ s Extrem trieb , und wenn er auch an der vollendeten Thatsache nichts ändern konnte , so betrachtete er sie doch täglich mit neuem Entsetzen und neuer Entrüstung . – Es war am dritten Tage nach der Verwundung Max Brunnow ’ s. Der Arzt , welcher ihn behandelte , hatte soeben die Moser ’ sche Wohnung betreten . Es war ein kleiner schmächtiger Herr mit hellblondem Haar , milden Augen und einer sehr sanften Stimme ; er sprach mit dem Hofrath , der sich eben in seine Kanzlei begeben wollte . „ Nein , Herr Hofrath , ich habe wenig oder eigentlich gar keine Hoffnung mehr , den Patienten zu retten . Es steht schlecht mit ihm , sehr schlecht ; wir müssen aus das Schlimmste gefaßt sein . “ „ Sie haben ihn heute noch nicht gesehen , “ sagte der Hofrath . „ Meine Tochter sagte mir , er habe die ganze Nacht ruhig geschlafen . “ Der kleine Herr zuckte die Achseln . „ Das ist Schwäche , Betäubung . Der Blutverlust war sehr stark , und nach diesem heftigen Wundfieber mußte nothgedrungen eine um so größere Erschöpfung eintreten . Ich sage Ihnen , es ist vorbei – ganz vorbei ! “ „ Das thut mir leid , “ eutgegnete der Hofrath . Im Angesichte des Todes wich denn doch sein Groll und machte dem Mitleid Platz . „ Und auch meiner Tochter wird es leid thun . Sie hat sich mit so großem Eifer der Pflege angenommen und ist fast nicht von dem Krankenbette gewichen . Ich fürchte , Agnes überanstrengt sich dabei , denn ich habe sie noch nie so blaß gesehen wie jetzt . Heute Morgen mußte ich sie beinahe zwingen , einige Stunden zu ruhen , nachdem sie die ganze Nacht gewacht hatte . “ „ Ja , Fräulein Moser widmet sich mit einer wahren Leidenschaft der Krankenpflege , “ meinte der Arzt bewundernd . „ Sie bringt eine unendliche Hingebung für ihren künftigen Beruf mit und wird sehr segensreich darin wirken . Hier freilich wird ihre Thätigkeit bald zu Ende sein . Ich fürchte , die Stunden des Armen sind gezählt ; er wird kaum den Abend erleben . “ Er schüttelte melancholisch den Kopf und verabschiedete sich , um zu dem Kranken zu gehen . Der Hofrath blieb zurück , gleichfalls sehr melancholisch , aber aus anderen Gründen . Das fehlte noch . Nun gar ein Todesfall im Hause , nachdem man zwei Tage lang all die Angst und Sorge durchgemacht hatte ! Und wie schrecklich , wenn in den Zeitungen zu lesen stand : „ Der Sohn des aus der Revolutionszeit hinreichend bekannten Doctor Brunnow ist in R. im Hause des Hofrath Moser gestorben , nachdem er bei einem Straßenauflauf schwer verwundet worden war . “ Diese rücksichtslosen Zeitungen pflegten solche Nachrichten ja immer nur ganz kurz und trocken zu bringen , ohne Erklärungen und Auseinandersetzungen . Der Hofrath sandte einen anklagenden Blick zum Himmel . Er , der pflichttreueste , gewissenhafteste Beamte , mußte einem solchen Schicksal verfallen ; er senkte den Kopf tief auf die weiße Halsbinde nieder , als er endlich den Weg nach seiner Kanzlei antrat . Der Arzt hatte sich inzwischen in das Krankenzimmer begeben . Er trat sehr leise , sehr vorsichtig ein , wie man das bei Sterbenden zu thun pflegt . Frau Christine , die auf kurze Zeit ihr Fräulein in der Pflege abgelöst hatte , saß am Bette . Der Doctor