Arbeitscabinet zurück , nachdem er den Befehl gegeben , ihn unter keiner Bedingung zu stören . Draußen herrschte bereits völlige Dunkelheit , und hier drinnen warf die auf dem Schreibtisch brennende Lampe ihr Licht auf den Mann , der seit länger als einer Stunde ruhelos auf- und abwanderte , der jetzt endlich hinter geschlossenen Thüren den so lange getragenen Zwang der Gleichgültigkeit abwarf und den Sturm austoben ließ , der in ihm wühlte . Das war freilich nicht der blasirte junge Erbe mehr mit seiner apathischen Schwäche , aber auch nicht der junge Chef mehr , der mit so plötzlich erwachter Energie und Besonnenheit seinen Untergebenen zu imponiren und seinen Beamten Muth einzuflößen wußte . [ 222 ] In diesem Antlitz stürmte die ganze Gewalt einer Leidenschaft , deren Größe er wohl selbst nicht gekannt hatte , bis zu dem Momente , wo es sich um das Verlieren handelte . Der Moment war jetzt gekommen , und jetzt forderte sie ihr Recht . Auf dieser bleichen Stirn , in diesen zuckenden Lippen und brennenden Augen stand es deutlich geschrieben , was ihm die heutige Unterredung gekostet , von der Baron Windeg meinte , er habe nicht geglaubt , daß die Sache sich so leicht machen werde . Also jetzt war sie da , die so lang gefürchtete Stunde der Trennung , und es war gut , daß es so kam , daß ein fremder Wille hier eingriff , wo der eigene sich machtlos erwies . Wie oft während der letzten vierzehn Tage hatte Arthur daran gedacht , selbst den Vorwand zu gebrauchen , den der Baron ihm jetzt in die Hand gab , und damit die Folter dieses Zusammenlebens abzukürzen , denn diese abgemessene Kälte nach außen , welche die Gluth im Innern jeden Augenblick Lügen strafte , ließ sich nicht mehr ertragen ; das ging über Menschenkräfte – und dennoch war nichts geschehen . Freilich ist es eine unbestrittene Wahrheit , daß das Unvermeidliche am besten schnell geschieht , aber nicht Jeder , der den Muth besitzt , mit fester Hand das Messer an eine vergiftete Wunde des Körpers zu setzen , hat ihn auch da , wo es sich darum handelt , eine verzehrende Leidenschaft aus dem Herzen zu reißen ; mit ihr kommt unabweisbar die Furcht vor dem Verluste . Sie waren ja längst getrennt , diese Beiden , aber er sah doch wenigstens immer noch das schöne blonde Haupt mit den stolzen , jetzt so ernsten Zügen und den sprechenden dunklen Augen , hörte doch wenigstens noch diese Stimme , und dann kamen auch Momente eines blitzähnlich aufflammenden Glückes , die ganze Tage und Wochen voll Bitterkeit aufwogen , wie vorgestern im Walde , wo sie mit so sichtbarer Angst ihr Pferd an das seinige drängte , wo sie in seinen Armen bebte , als er sie herabhob – mochte es Feigheit sein , aber er hatte nicht freiwillig , nicht eher verzichten können , bis man es forderte , wie es jetzt geschah . Die Thür wurde leise geöffnet und ein Diener erschien zögernd auf der Schwelle . „ Was giebt ’ s ? “ fuhr Arthur auf . „ Habe ich nicht befohlen – “ „ Um Vergebung , Herr Berkow ! “ sagte der Mann schüchtern . „ Ich weiß wohl , daß Sie nicht gestört sein wollen – aber da – da die gnädige Frau selbst – “ „ Wer ? “ „ Die gnädige Frau sind selbst hier und wünschen – “ Der Diener hatte keine Zeit zu vollenden und er war auch etwas überrascht von dem Ungestüm , mit dem sein Herr die Thür aufriß und in ’ s Vorzimmer eilte , wo er wirklich seine Gattin erblickte , die dort zu warten schien . In der nächsten Minute war er an ihrer Seite . „ Du läßt Dich melden ? Welche überflüssige Etiquette ! “ „ Du wolltest Niemand sehen , wie ich höre , und Franz sagte mir , der Befehl gelte für Alle ohne Ausnahme . “ Arthur wandte sich mit finsterer Miene zu dem Bedienten , der entschuldigend sagte : „ Ich wußte wirklich nicht , was ich da thun sollte . Es ist ja das erste Mal , daß die gnädige Frau hierher kommt . “ Die Worte enthielten wirklich nur eine verlegene Entschuldigung , weiter nichts , aber Eugenie wendete sich doch rasch ab und die Zurechtweisung , die ihr Gemahl bereits auf den Lippen hatte , unterblieb . Der Mann hatte im Grunde Recht ; für einen so ungewöhnlichen Fall , wie das Erscheinen der gnädigen Frau in der Wohnung des Herrn war , reichten seine Instructionen nicht aus ; es war in der That das erste Mal , daß sie diese Wohnung betrat . Man hatte sie bisher immer nur im Salon , im Eßzimmer oder in den Gesellschaftsräumen getroffen ; so konnte und mußte denn der heutige Besuch die Dienerschaft wohl befremden . Arthur gab dem Bedienten einen Wink , sich zu entfernen , und trat mit seiner Frau in das Arbeitszimmer . Sie schien auf der Schwelle zu zögern . „ Ich wünschte Dich zu sprechen ! “ sagte sie mit unterdrückter Stimme . „ Ich stehe Dir ganz zu Befehl . “ Er schloß die Thür wieder und schob einen Fauteuil heran , indem er sie mit einer Handbewegung einlud , darauf Platz zu nehmen . Die wenigen Minuten hatten genügt , dem jungen Manne wieder die ganze Fassung zurückzugeben , in der er sich in den letzten Wochen hinreichend geübt ; Antwort und Bewegung waren so kühl und abgemessen , als ob er der fremdesten Dame in dem fremdesten Salon eine Höflichkeit erweise . „ Willst Du Dich nicht setzen ? “ „ Ich danke ! Ich werde Dich nicht lange in Anspruch nehmen . “ Es war etwas Scheues , Unsicheres in dem Wesen der jungen Frau , das eigenthümlich mit ihrer sonst so sicheren Haltung contrastirte . Vielleicht fühlte sie sich fremd in diesen Räumen ,