nicht weiter ! “ Der Bauer sah sich um und erschrak , denn er gewahrte jetzt erst die tiefe tödtliche Erschöpfung in ihren Zügen und in [ 204 ]  ihrer ganzen Haltung , die Brust hob und senkte sich schwer von der ungewohnten Anstrengung , das Gesicht unter den braunen Locken war erschreckend bleich – sie hatte augenscheinlich ihre Kräfte auf ’ s Aeußerste angespannt , bis sie ihr versagten . Der gutmüthige Führer geleitete sie rasch zu dem moosbedeckten Felsstück und ließ sie niedersitzen , aber er schüttelte bedenklich den Kopf . „ Das wird nimmermehr gut , Fräulein , Sie kommen nicht weiter ! Wir wollen lieber umkehren , Sie halten ’ s nicht aus ! “ Sie machte eine heftig verneinende Bewegung . „ Nein , nein , es geht vorüber ! Ich bin nur müde , lasten Sie mich einige Minuten ausruhen ! Haben wir noch weit bis N. ? “ „ Zwei volle Stunden bis zur Wallfahrtskirche , und dann noch ein gutes Stück bis zum Dorfe hinauf , denn die ‚ wilde Klamm ‘ ist jetzt nicht zu passiren . Das Schlimmste vom ganzen Wege haben wir noch vor uns ! “ Das junge Mädchen schauerte leise zusammen , ob vor dem Wege oder vor dem Orte , den er nannte , sie gab keine Antwort . Der Bauer begriff trotzdem , daß von Umkehr nicht die Rede sei , er blieb also an ihrer Seite stehen und wartete geduldig auf den Wiederaufbruch . „ Hab ’ ich doch gemeint , wir Zwei seien die Einzigen unterwegs ! “ begann er plötzlich wieder , „ und da kommt Hochwürden der Herr Caplan grade vom Ecken-Hof herunter ! Der scheut auch nicht Weg , nicht Wetter , er ist wahrhaftig heute von N. gekommen , weil im Ecken-Hof ein Krankes liegt ! “ Es war in der That der junge Caplan des Pfarrer Clemens , der aus dem Gehöfte hervorkam und gleichfalls die Höhe erstieg , er blickte flüchtig auf den Bauer , der ehrfurchtsvoll grüßend am Wege stand , und mit seiner breiten Gestalt völlig die des jungen Mädchens verdeckte . „ Bist Du auch unterwegs , Ambros ? “ fragte er im Vorübergehen . „ Ja , Hochwürden , aber nicht allein ! Ich verdiene mir ein Führerlohn bei der Dame da – “ er wich bei den letzten Worten seitwärts und gab den Anblick seiner Begleiterin frei , kam aber nicht weiter in seinen Auseinandersetzungen , denn was er sah , dünkte ihm doch etwas befremdlich . Der Caplan stand da – als habe einer der Berggeister , von denen die Sagen des Gebirges erzählen , ihn auf einmal berührt und in Stein verwandelt , nur das Auge flammte auf , groß und dunkel , und nur der Blick allein redete , aber er sagte genug . Sie war wohl mehr dämonisch als zärtlich , diese Gluth , die so plötzlich wieder aus der Tiefe hervorbrach , aber sie schien auch das einzige Leben zu sein in diesen starren Zügen . Auch das junge Mädchen war aufgezuckt bei seinem Erscheinen und einen Augenblick schien es , als wolle der heiße Purpur wieder ihr Antlitz überfluthen , doch es kam nicht dazu , kaum daß ein schwacher Hauch von Röthe es überflog , und auch der schwand schon in der nächsten Minute , um der früheren tiefen Blässe wieder Platz zu machen . Ihre Kräfte hätten doch wohl nicht ausgereicht zu dem ganzen Wege , aber wenn diese unerwartete Begegnung , die sie ja allein nur suchte , ihr auch erwünscht kam – leichter war ihr dabei nicht geworden . „ Das Fräulein will nach N. zum Pfarrer Clemens , “ nahm der Bauer endlich das Wort , als er sah , daß Niemand von den Beiden redete . „ Das ist jetzt nicht mehr nöthig ! “ unterbrach ihn seine Begleiterin leise , aber mit sichtbarer Anstrengung . „ Ich kann auch – ich werde es auch dem Pater Benedict mittheilen können , was mich herführte . Erwarten Sie mich dort unten im Gehöft , in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Ihnen . “ Der Bauer nickte und nach nochmaligem ehrfurchtsvollem Gruße gegen den Caplan trollte er ab . Er war sehr froh , sein Führerlohn so leichten Kaufes verdient zu haben , ohne den beschwerlichen Weg machen zu müssen , und fand es gar nicht auffallend , daß auch die junge Dame diesen scheute und es deshalb vorzog , sich dem Caplan anzuvertrauen , der ihre Botschaft oder ihr Anliegen ja jedenfalls dem Pfarrer überbrachte . Er sprach einstweilen in dem Gehöfte ein und wartete dort verabredetermaßen . Benedict und Lucie waren allein zurückgeblieben . Sie befanden sich hier in halber Höhe des Gebirges , das einen seiner großartigsten Punkte vor ihnen aufrollte . Dort drüben thürmten sich in schwindelnder Höhe die riesigen Gipfel der „ steilen Wand “ empor ; sie war völlig klar heute , weißleuchtend lag der Schnee auf den Spitzen , in den Schluchten und Scharten des gigantischen Felskolosses , aber noch jagte graues Sturmgewölk darüber hin und warf ein trübes , mattes Licht auf ihn und auf die ganze Umgebung . Ringsum nur Tannenwipfel , so weit das Auge reichte , an den Bergen , an den Felswänden , bis dort hinauf , wo der Schnee begann , überall nur das einförmige ewig dunkle Grün und tief unten im Thale der Bergstrom , der wie ein kochender Strahl aus den Tannen hervorbrach , zwischen ihnen verschwand und sich dann weiß schäumend auf ’ s Neue hervorwand , sein dumpfes Brausen drang fern und undeutlich herauf , der einzige Laut in der großartigen schweigenden Einsamkeit . „ Sie wollten zu Pfarrer Clemens , mein Fräulein ? “ begann Benedict endlich die Unterredung . Lucie schüttelte das Haupt . „ Nicht zu ihm , “ entgegnete sie leise ; „ ich hoffte , Sie am sichersten dort zu finden . – Ich suchte Sie allein !