leicht , daß du dich im Ausüben derselben allzusehr in der Form vergreifst ... Niemand schwört lieber auf dein Rechtsgefühl als ich – du bist ja der einzigen noch lebende Mainau , an den ich mich halten kann mit meinem Standesbewußtsein , mit dem Stolz auf die Ehrenhaftigkeit unseres Geschlechts ... Apropos , da fällt mir ein – kann ich nicht noch einmal Einsicht in die Papiere nehmen , durch die sich Onkel Gisbert auf dem Krankenbette seiner Umgebung verständlich gemacht hat ? ... Ich wurde in Wolkershausen lebhaft an ihn erinnert , als ich vor seinem wundervollen Oelbild stand und zu meinem Schrecken bemerkte , daß es durch Staub und Feuchtigkeit gelitten hat und restauriert werden muß ... Aus diesen Papieren spricht doch noch sein scheidender Gruß zu uns . « » Du sollst sie haben – muß es sofort sein ? « » Sie sind ja wohl dort in einem der Raritätenkasten aufbewahrt ? « meinte Baron Mainau leichthin und zeigte nach dem Rokokoschreibtisch . » Wenn du die Güte haben wolltest , aufzuschließen – « Der Hofmarschall stand schon auf seinen Füßen und stelzte bereitwillig durch den Saal . Er schloß denselben Kasten auf , in welchem das Billet der Gräfin Trachenberg lag . Mit spitzen Fingern faßte er zart das rosenfarbene Papier und zeigte es diabolisch lächelnd der Herzogin hinüber . » Schöne Erinnerungen , Hoheit , – ein rosiger Duft – nichts weiter , und ist mir doch Tausende wert ! « rief er frivol auflachend und warf es in den Kasten zurück . Dann nahm er eine mit schwarzem Band umwickelte dicke Papierrolle heraus . » Hier , mein Freund ! « – Er reichte sie Mainau hin , der das Band sofort löste . » Ah – da liegt ja die Verfügung bezüglich Gabriels obenauf , « sagte Mainau , einen schmalen Papierstreifen aus dem Innern der Rolle nehmend . » Es war ja wohl der letzte schriftliche Ausdruck seines Willens ? « » Es war sein letzter Wille , « bestätigte der Hofmarschall unbefangen , indem er zu seinem Rollstuhl zurückkehrte . Mainau nahm noch einige Papiere heraus und legte sie nebeneinander auf den Tisch . » Merkwürdig ! « rief er . » Diese letzte Verfügung ist nur wenige Stunden vor seinem Tode geschrieben , wie man mir sagt , und doch sind es die unverändert eigentümlichen , krausverschlungenen Schriftzüge ; selbst bis auf Punkt und Komma bleiben sie sich treu – der herannahende Tod hat keine Gewalt über die Festigkeit seiner Hand gehabt ... Und das ist gut – wie leicht könnte sonst dieses ohne gerichtliche Zeugen geschriebene Blatt angezweifelt werden . « Die Herzogin nahm ihm neugierig den Papierstreifen aus der Hand . » Charakteristisch , aber schwer zu entziffern ist diese Hand , « meinte sie . – » Ich bestimme den Knaben Gabriel ausdrücklich für den geistlichen Beruf – er soll im Kloster für seine tiefgefallene Mutter beten « – las sie stockend einen der Sätze ab . » Willst du dir diese interessanten letztwilligen Verfügungen eines Sterbenden nicht auch einmal ansehen , Juliane ? « wandte sich Mainau unbefangen an die junge Frau , die , ihre Hände auf die hohe Lehne gelegt , hinter einem leeren Fauteuil stand . Sie sah nicht auf zu ihm , der sie tief zu beschämen suchte . Niemand von allen , die um den Tisch saßen , ahnte , was er bezweckte – für sie allein war jedes Wort ein gutgezielter Messerstich . Warum war sie auch so vermessen gewesen , die Hand nach dem bedeckenden Schleier auszustrecken , auf den Frau Löhn bedeutsam hingewiesen ! ... Mainau hielt ihr zwei Blätter hin , und sie verglich sie , ohne dieselben zu berühren , mit pflichtschuldiger Aufmerksamkeit . Es war genau eine und dieselbe Handschrift , genau ein und derselbe Schnörkel am Schlußwort – dabei waren diese Züge zu originell , zu sonderbar eigenwillig , als daß man an eine Fälschung hätte denken können , und doch – Ein eintretender Lakai , der auf silbernem Teller Mainau eine Karte überbrachte , machte der peinlichen Situation ein Ende . » Ach ja ! « rief der Hofmarschall und schlug sich leicht vor die Stirn ; » das habe ich rein vergessen , Raoul ! ... Vor einer Stunde fuhr ein junger Mann vor und stieg aus dem Wagen , so selbstverständlich und ungezwungen , als beabsichtige er hier zu bleiben ... Er hat auch behauptet , auf deinen Befehl gekommen zu sein , und wäre mir nicht das unschätzbare Glück zu teil geworden , Ihre Hoheit begrüßen zu dürfen , dann hätte ich ihn angenommen , um zu hören , was er eigentlich will – « » In der That dableiben , Onkel – es ist Leos neuer Hofmeister , « versetzte Mainau gelassen und legte sorgfältig die Papiere aufeinander . Der Hofmarschall bog sich vor , als höre er nicht recht . » Mein lieber Raoul , ich glaube , ich habe dich falsch verstanden , « sagte er langsam , jedes Wort accentuierend . » Sagtest du wirklich : Leos neuer Hofmeister ? ... Mein Gott , sollte ich denn monatelang geschlafen haben oder fieberkrank gewesen sein , daß ich davon nichts weiß ? « Mainaus Mundwinkel zuckten sarkastisch . » Die Veränderung hat sich durchaus nicht monatelang vorbereitet , Onkel . Der junge Mann ist mir früher schon einmal vorgeschlagen worden , und jetzt , wo ich seiner bedurfte , habe ich ihn kommen lassen . Glücklicherweise war er gerade frei und so unbehindert , daß er zwei Tage früher hier eingetroffen ist , als ich bestimmt hatte . Das ist mir insofern nicht lieb , als ich dir wenigstens einen Tag vorher seine Ankunft anzuzeigen wünschte . « » Es würde wenig an meiner Willensmeinung geändert haben , nach welcher dieser hereingeschneite junge Mann nicht in Schönwerth bleiben wird . « Mainau hatte eben die gelösten Papiere in den Händen und war im Begriffe , sie