fühlte , meinen Besuch auf der Oberförstern nicht nur als gefährlich darzustellen , sondern mir auch zu rathen , den Gefühlen meines Vormundes , wenn auch nicht meinetwegen , so doch seinetwegen Rechnung zu tragen und ihn nicht noch tiefer niederzubeugen . Um Johanna ' s willen bat er mich ebenfalls , nicht von der mir vorgeschriebenen Reiseroute abzuweichen ; und raubte er mir auch nicht die letzte Hoffnung , so bezeichnete er doch jeden Gedanken an eine Vereinigung mit ihr in den nächsten zehn Jahren als thöricht und unstatthaft . » Sie sind ein Mann , « sagte er mit Entschiedenheit aber freundlich , » und werden den Schicksalsschlag , welcher Sie so hart betroffen , zu tragen wissen . Die Nichte Ihres Vormundes dagegen ist eine hinfällige , zarte Natur . Bedenken Sie , wenn sie eben begonnen hätte ihre Seelenruhe einigermaßen wieder zu gewinnen , welche nachtheilige Wirkung könnte Ihr unverhofftes und plötzliches Erscheinen auf sie haben ? Und daß Sie sich nicht anmelden dürfen , wenn Sie , bei dem ausgebreiteten Polizeiwesen , nicht sehr bald zurückgebracht werden wollen , versteht sich Wohl ganz von selbst . Ich spreche als Arzt , und als Arzt rathe ich Ihnen , « schloß er , » vermeiden Sie , sich auf der Oberförsterei im Siebengebirge zu zeigen . Später , und wenn Jahre darüber hingehen sollten , werden Sie einsehen , wie recht ich hatte . Um des Oberstlieutenants willen , um seiner Nichte , ja , um Ihrer selbst willen , befolgen Sie meinen Rath ; bedenken Sie , daß nicht persönliche Vortheile mich , wie die meisten unserer Helfershelfer , bestimmten , Ihre Befreiung zu erwirken , sondern andere , tiefer liegende Gründe . Meine Bekanntschaft mit Ihnen hat am allerwenigsten dazu gedient , Reue über mein Thun in mir zu erwecken , im Gegentheil , mich in meinem Vorsatz , Ihnen Beistand zu leisten , bestärkt ; gönnen sie mir daher das wohlthuende Bewußtsein , meine Mühe nicht nutzlos verschwendet zu haben , und ziehen Sie hin in Frieden , um sich eine neue Heimath zu begründen . « Nach dieser Erklärung verließ er mich ; seine Worte schienen ein Geheimniß zu enthalten . Daß der Oberstlieutenant mit seinem starren Sinn mich nicht wiederzusehen wünschte , befremdete mich nicht ; aber daß es mir nicht vergönnt sein sollte , von Johanna Abschied zu nehmen , aus ihrem Munde zu erfahren , wer durch die schrecklichen Mittheilungen über ihre Eltern das nie zu sühnende Unrecht an ihr , an mir und meinem greisen Vormund begangen habe , das war mehr , als ich zu enträthseln , zu begreifen vermochte . Unter dem Druck solcher Gefühle suchte ich mein Lager ; die ununterbrochene geistige Spannung der letzten Tage hatte mich erschöpft , doch der Schlaf blieb mir fern ; ob wachend oder träumend , überall und zu jeder Zeit trauerte ich um meine Jugend , um mein verlorenes Paradies . – Vier Tage später , als die erste Aufregung über die unerklärliche Flucht des gefährlichen Demagogen sich bereits etwas gelegt hatte und man mich an jedem andern Punkte der Erbe eher vermuthet hätte , als in Frankfurt ' s Mauern , wanderte ich am hellen Tage frei und offen durch das Eschenheimer Thor , um auf einem Umwege in die nach Mainz führende Straße zu gelangen . Auf meinen kurz geschorenen Haaren ruhte ein verbogener , weißer Filzhut ; ein olivenfarbiger , sehr verschossener und mit mancherlei Flicken geschmückter Jagdrock umschloß meinen Oberkörper , alte gelbe Nankingbeinkleider und ein Paar schiefgetretener Stiefel bildeten den übrigen Theil meines Anzuges . Auf meinem Rücken hing ein alter Ranzen , der im Innern etwas grobe Wäsche und einen nicht mehr ganz modischen Anzug barg , während auf seiner Außenseite , in Nebentäschchen und unter den Riemen , eine Kleiderbürste , eine Stiefelbürste , ein Paar gestickte Morgenschuhe und ein Reservepaar von Stiefeln angebracht waren . In meinem linken Mundwinkel hing eine kurze Pfeife mit langen Quasten und zusammengekittetem Porzellankopf , auf welchem ein in Dolche und Pistolen förmlich eingehüllter Rinaldo sehr gemächlich in den etwas zu feuerroth gerathenen Armen seiner schielenden Rosa ruhte , die aber für die Mängel an den Augen von des Künstlers Hand durch einen so kleinen Mund entschädigt worden war , daß derselbe sich nur als ein rothes Pünktchen auszeichnete . Am rechten Handgelenk hing an einem zähen Riemen ein keulenartiger Stock , der in seiner Jugend durch das Einwachsen einer Ranke eine seltsame Schraubenform erhalten hatte , und von dem einzigen noch nicht ausgerissenen Knopfloch meines Jagdrockes baumelte an fettig glänzenden , einst grün gewesenen seidenen Schnürchen eine mit rauchbarem Taback wohlgefüllte Schweinsblase nieder . Mein Bart war , bis auf ein Streifchen unterhalb der Ohren glatt abgeschoren , ein durch Höllenstein hergestelltes Muttermaal schmückte meinen rechten Nasenflügel , und zum Ueberfluß waren meine Hände durch ätzende Mittel so braun gefärbt worden , daß ich auf den allerschwierigsten und wählerischsten Gerbermeister , der um einen Gehülfen verlegen , den Eindruck eines fleißigen und sehr arbeitsamen Gesellen hätte machen müssen . Wenn ich nun in meinem Aeußern das Urbild eines wandernden Handwerksburschen zeigte , so waren meine Taschen nicht minder vorsichtig mit allen Emblemen des edlen Gerbergewerkes versehen worden . Ein abgegriffenes Wanderbuch , auf den schönen Namen Peter Herpenhof lautend , ragte zur Hälfte aus der äußern Brustlasche meines Jagdrockes hervor , wie um den auf Legitimationen abgerichteten Gensdarmen das gestrenge Ausfragen zu ersparen . Eine kalbslederne Börse mit ungefähr fünf Thalern in Pfennigen , Silbergroschen , vereinzelten Kreuzern und Fünfgroschenstücken blähte meine linke Westentasche auf , während eine große Schnupftabacksdose , deren präparirter Inhalt meine Geruchswerkzeuge in einer beständigen aber schmerzlosen , meine Mäßigkeit sehr in Frage stellenden Entzündung erhielt , das Ebenmaß und Gleichgewicht der andern Westentasche wieder einigermaßen herstellte . Ich reiste also als Handwerksbursche , als Peter Herpenhof , als derselbe Peter Herpenhof , der im Hause meines edlen Wohlthäters , des Arztes , so lange bleiben sollte , bis ich