dem Kastellan jährlich zwei Säcke Kartoffeln , damit er nur das Geläut nicht einstellte . Als aber die Hartwich auf das Gut kommt , was tut sie ? Sie läßt das Glöckchen aus dem Turm reißen , baut den ganzen Turm um und macht eine Sternwarte , wie sie es nennt , daraus , wo sie ganze Nächte sitzt und die Sterne zählt . “ „ Nun , wenn sie so viel in den Himmel sieht , denkt sie gewiß an den lieben Gott und an Alles , was dort oben ist “ , versetzte Johannes lächelnd , „ und wer gerne betet , braucht auch nicht durch Glockenklang daran erinnert zu werden . “ „ Nein , nein , dem ist aber nicht so “ , behauptete der Bursche hartnäckig . „ Sie will nicht daran erinnert sein , sonst hätte sie das helle heitere Glöckchen so lieb gehabt wie wir und hätte es hängen lassen , wo es seit hundert Jahren so Manchem Trost ins Herz geläutet hat , — sie hätte sich ja solch eine Sternkammer an den alten Turm anbauen lassen können , das wäre Alles gegangen , wenn sie recht gewollt hätte , und daß sie ’ s nicht wollte , das hat sie uns schon gleich verhaßt gemacht . “ Johannes und Hilsborn sahen sich ernst an . „ Bücher hat sie die schwere Menge , ganze Kisten voll , brachte sie mit , nur kein Gesang- oder Gebetbuch , sagt die Kundigund ’ , die immer die Bücher abstäuben muß . Das Fräulein nennt zwar die Stube , in der sie stehen , die Bibliothek , aber die Kunigund ’ hat noch keine Bibel darin entdecken können , wie sie auch gesucht hat . “ Die Herren unterdrückten das Lachen , um den empörten Erzähler nicht zu stören und dieser fuhr fort : „ Den Namen Gottes spricht sie gar nicht aus und wenn es Jemand vor ihr tut , so redet sie von was Anderem , merken Sie wohl ? — Nun kommt aber die Hauptsache : Da hat sie ein Zimmer , das Keiner außer ihr und dem Oheim betreten darf und wenn sie darin ist , schließt sie sich immer ein , auch mit dem Oheim . Was sie da machen , das weiß kein Mensch , aber die Kunigund ’ erzählt Wunderdinge davon , denn sie hat manchmal gehorcht und auch einen Blick hinein ­ geworfen , wenn das Fräulein hinein oder heraus ging . Da hat sie denn alle möglichen merkwürdigen Gerät ­ schaften gesehen , wie man sie zu gar keinem ehrlichen Handwerk braucht und schwarze Tafeln mit Augen und Ohren und dergleichen bemalt , Blasebälge und brennende Flämmchen und weiß Gott was Alles ! Dann hat sie ganz schreckliche Sachen gehört , Töne , wie wenn sie nicht von dieser Welt wären , manchmal sanft und schön wie die Orgel in der Kirche , dann wieder ein Rauschen und Brausen , wie wenn ein furchtbarer Sturm drin ginge , während sich draußen kein Lüftchen regte , oder gar Posaunenstöße wie von den Trompeten von Jericho , daß sie vor Angst da ­ von lief . “ „ Das waren Schallversuche “ , 22 sagte Johannes sehr belustigt zu Hilsborn . „ Dann behauptet die Kunigund ’ , daß es oft so hell geworden sei in dem Zimmer , daß die Strahlen durch das Schlüsselloch gefallen seien und sie geblen ­ det hätten wie Sonnenschein , wenn doch draußen schon längst die Sonne untergegangen war . Die Kunigund ’ schwört darauf , es sei kein rechtes Licht gewesen , es habe ganz bläulich geschienen und sie habe schnell die Augen zugedrückt , um nicht blind zu wer ­ den . Nun frage ich Sie , was war das für eine Helle ? Was hat sie immer mit Feuerchen und Flämmchen zu tun ? Auch sagt die Kunigund ’ , sie sei stets auf bis zum Morgen und schlafe nur wenige Stunden . Das ist jedenfalls ein gotteslästerliches Leben , denn wenn der liebe Gott nicht wollte , daß man bei Nacht schlafe und bei Tag wache , so hätte er die Nacht nicht dunkel und den Tag nicht hell gemacht , und wenn es etwas Rechtes wäre , was sie treibt , brauchte es über ­ haupt das Tageslicht nicht zu scheuen . Die Kunigund ’ behauptet auch , sie mißhandle zum bloßen Vergnügen die unvernünftige Kreatur , denn sie hat es ganz genau gesehen , daß der Oheim und sie Kaninchen und derlei Getier mit in das geheime Zimmer nehmen , die nie wieder herauskommen , was machen sie mit dem armen Viehzeug , essen können sie doch die Kaninchen nicht ? 23 Und die Kunigund ’ behauptet auch steif und fest , sie habe in dem Bücherzimmer ein Paar Totenschädel , die führen nur so unter den alten Büchern herum ! Nun frag ’ ich Einen : Welcher Christenmensch wird denn einem Toten seinen Kopf wegnehmen und ihn um die Ruhe im Grabe bringen ? Heißt das nicht aus teufelmäßigem Übermut Leichen schänden ? “ „ Das ist allerdings ein ganzer Berg von Anklagen , der sich zwischen die Hartwich und ihre Um ­ gebung türmt “ , flüsterte Johannes dem Freunde zu . „ Und ich sehe aus dem Allem , daß der Fluch der Ungewöhnlichkeit das seltene Wesen auch in diese Ver ­ hältnisse verfolgte und daß sie hier ausgestoßen und vereinsamt ist , wie sie es als Kind war . Es ist an der Zeit , daß ein kräftiger Arm sie in die heiteren Kreise des warmen normalen Lebens hereinzieht , von denen sie ihre Sonderbarkeit ausgeschlossen hat . “ „ Sehen Sie dort den grünen Balkon ? “ sagte der Bursche , als sie dem Hause ganz nahe waren . „ Da hat sie eine Art Zither hängen , die spielt ganz von selber . Ich habe es erst der Kunigund ’ nicht glauben wollen , aber dann stellte ich mich