lag , verdankte sein Entstehen und seinen Namen dem verstorbenen Herzog , der im Beginn seiner Krankheit hier in der Einsamkeit stundenlang zu weilen pflegte . Das Innere der Hütte barg damals in einem Wandschränkchen die Gerätschaften und Ingredienzien zur Herstellung einer Tasse Thee , die der Herzog sich selbst zubereitete . Als diese Marotte einer andern wich , veränderte das zierliche Tempelchen mit seinem seltsam geschweiften Dache , und außer einem Gartenarbeiter , der vielleicht seine Mittagsruhe darin hielt , besuchte es sonst höchstens noch Aenne gelegentlich ihres Umherstreifens . Heute klangen Stimmen heraus . Ein mißmutiges . „ Gut , wir werden ja sehen – Adieu ! ’ und aus der Thür flog wie ein Schmetterling eine zierliche , kleine Frauengestalt in lichtblauem Kleide und lief , den abwärts führenden Pfad hinunter , dem Teiche zu . Die Sonnenstrahlen huschten über das flachsblonde , zu einem Knoten am Hinterkopf aufgesteckte Haar , dies ausdruckslose Haar , das Aenne so genau kannte , das sie zuletzt unter dem bräutlichen Schleier schimmern sah , als Heinz Kerkow Hochzeit hielt . „ Toni Ribbeneck – Toni Kerkow ! “ flüsterten ihre Lippen . Und hinter dieser Frau trat , noch immer lachend und den Schnurrbart streichend , ein blonder Offizier heraus und schritt ihr langsam nach . Er trug den Ueberrock , hatte die Mütze schief [ 206 ] aufgesetzt wie ein Ulanenoffizier die Czapka und schwenkte eine Reitpeitsche in der Hand . Aenne starrte ihm nach wie entgeistert , die ausgestreckte Hand gegen den Stamm einer Buche gestemmt . Hatte sie denn recht gesehen ? Und plötzlich überflutete eine Purpurröte ihr Gesicht , sie raffte den Hut , der ihr entfallen , von der Erde auf und schritt in entgegengesetzter Richtung davon , hastig , als sei in der Nähe des kleinen Pavillons die Luft verpestet . Erst als sie den Schloßplatz betrat , als sie die Fenster ihres Vaterhauses erblickte , wich das Gefühl von Ekel und Beschämung , das sich ihrer bemächtigt hatte . Aber sie sah noch ganz elend aus , nun sie die Eßstube betrat , in der eben die Mutter den Kaffeetisch deckte , über dessen Geräte die Sonnenstrahlen golden spielten , die durch die jungen Blätter der Kastanien blitzten . Tante Emilie stand am offenen Fenster und fütterte die Hühner ; sie hatte das Vergnügen so lange entbehren müssen . „ Da ist sie schon wieder im Park umhergerannt , “ knurrte Frau Rat und schnitt den Napfkuchen an , der für Aenne gebacken war . „ Kriege ich einen Kuß – oder nicht ? “ „ Zwei , Mütterchen ! Siehst du , ich hatte so große Sehnsucht nach dem alten Garten . “ „ Der ist der alte geblieben , “ sagte die Rätin , „ aber sonst ist vieles anders geworden . „ Wie geht ’ s denn Kerkow ? “ fragte sie leise und sah dabei Tante Emilie an , die eben die letzten Brocken dem Hühnervolk zuwarf . „ Kerkow ? “ Frau Rat zuckte die Achseln , ordnete noch ein wenig die Tassen und fügte dann hinzu . „ Ist ein hochmütiger Simpel geworden nach außen und – – “ „ Und ? “ fragte Aenne . „ Und daheim ist er Kindermädchen . “ „ Hat er mehrere Kinder ? “ „ Zum Glück nur eins , das Krüppelchen , das sein Elend der eignen Mutter zu verdanken hat . “ Aenne atmete auf . Gottlob , das arme kleine Geschöpf hatte wenigstens einen Vater , der es liebte ! Und sie setzte sich schweigend an den alten Familientisch . “ „ Armer Heinz ! “ klang es in ihrer Seele , „ armer Heinz ! “ Frau von Kerkow war in sommerlicher Gesellschaftstoilette , der Wagen stand vor der Thür , sie wartete nur noch auf Frau von Gruber . Das große Konzert des Sängerfestes in der benachbarten preußischen Kreisstadt Brendenburg sollte heute abend stattfinden . Natürlich hatte Heinz ihre Aufforderung , sie zu begleiten , einfach abgelehnt , ohne irgend welchen Grund anzugeben , die Familie Arnstein hatte Trauer bekommen – und so war die junge Frau genötigt gewesen , sich nach einer andern Beschützerin umzusehen , denn es schickte sich natürlich nicht , daß sie allein mit Lieutenant Grellert drei Meilen über Land fuhr und mit ihm bei nachtschlafender Zeit zurückkehrte ! Es war ja nun einmal so in dieser albernen , verklatschten Welt ! Toni von Kerkow hatte also die Tante Gruber mit allen Ueberredungskünsten bestürmt , die sie für diesen ihren brennendsten Wunsch nur erdenken konnte . Die alte Dame hegte begründete Bedenken ihrer Gesundheit halber , aber sie wichen endlich dem Schmeicheln der jungen Frau . Toni von Kerkow richtete eigenhändig die Toilette des lieben Tantchens her , drängte ihr einen Spitzensonnenschirm auf , den sie im vorigen Sommer getragen , und sagte zu Ende der Besprechung noch , indem sie die letzten Stiche an dem Faconhütchen der Tante machte . „ Nun , und sieh ’ ’ mal , wenn es dir ja zu anstrengend werden sollte , so fährst du früher wieder heim , Grellert und ich werden schon irgend eine Gelegenheit zur Rückfahrt finden , schlimmstenfalls mit einem Mietswagen . Es ist ja nur , daß diese braven Spießbürgerinnen , diese Klatschtanten – die Frau Oberamtmann , die Medizinalrätin und die Superintendentin – mich nicht solo mit Grellert abfahren sehen , sie machten sicher einen großartigen Skandal daraus zurecht das Nachhausekommen sieht ja keine von ihnen . Frau von Gruber hatte ob dieser etwas zweifelhaften Auseinandersetzung eine spitze Nase bekommen und sich scharf geräuspert , aber die junge Frau war lächelnd und mit einer Kußhand aus dem Zimmer geeilt , und die pensionierte Hofdame hatte ihre Sittenpredigt nicht mehr zu den Ohren der leichtlebigen Nichte bringen können . – Es war ein heißer Frühsommernachmittag , gegen fünf Uhr . Toni von Kerkow hatte am Fenster gestanden und alle die herrschaftlichen Wagen gezählt , die bereits die Chaussee hinabfuhren