wollte sie fliehen – da wandte er sich . „ Lieschen ! “ stammelte er , „ Lieschen , Du – ? “ Sie antwortete nicht ; sie sah ihn nur schmerzlich an . „ Was willst Du , Lieschen ? “ sagte er , „ suchst Du Nelly ? Sie – ich weiß nicht , ob – – “ „ Nein , “ antwortete sie , „ ich komme zu Dir . “ „ Zu mir ? “ fragte er leise . „ Ja , ich – mich trieb die Angst , Army . Deine Mutter war bei uns und sagte , Du wolltest – O , geh ’ nicht fort , Army , geh ’ nicht fort ! Ich überleb ’ es nicht . “ Das Letzte klang wie ein Aufschrei ; sie schlug die Hände vor das erglühende Gesicht . „ Du bittest mich , Lieschen , und Du hast mich doch heute früh gehen lassen ? “ fragte er bitter . „ O , es that mir so weh , als Du fortgingst , Army , so weh , aber noch viel mehr , noch tausend Mal mehr schmerzt es , daß Du mich nicht lieb hast , daß Du mich nur willst um – – “ „ Das hat Dir Dein Vater gesagt , Lieschen ! “ „ Ja ! Und ist es nicht wahr , Army ? Und wenn ich noch gezweifelt hätte – als Deine Mutter vorhin in unser Haus trat , um Hülfe zu suchen bei dem Vater , damit Du nicht fort brauchtest in die weite Welt , da mußte es mir klar werden , mußte ich glauben , wogegen sich mein Herz sträubt mit aller Gewalt . “ „ Sie hat bei Deinem Vater gebettelt für mich ? “ fragte er laut und heftig und trat näher zu ihr . „ Das ist stark . “ „ Sie hat Dich so lieb , Army , und sie wußte ja nicht , daß Du mich – daß der Vater – “ sie sah angstvoll flehend zu ihm auf . „ Geh ’ nicht fort , Army , geh ’ nicht fort – – “ Da stand sie vor ihm , so reizend und einfach in dem kornblumenblauen Wollkleide , die Wimper tief gesenkt in mädchenhafter Verwirrung , die Brust stürmisch wogend vor Angst um ihn , vor Aufregung über den Schritt , den sie gethan ; die eine der langen Flechten hatte sich von dem eiligen Laufe gelöst und hing ihr über die Schulter ; sie merkte es nicht ; sie streckte die zitternden Hände , eng in einander gefaltet , ihm bittend entgegen , und er wagte nicht , diese zu ergreifen . Das war sie ja , in holdester Gestalt verkörpert : die große , Alles überwindende Liebe eines Frauenherzens , an der er noch eben gezweifelt ! „ Sei nicht stolz , Army , “ rang es sich endlich von ihren Lippen , „ um Deiner Mutter und – – um meinetwillen . Ich wäre ja elend ein ganzes Leben lang mit dem Bewußtsein , Dich nicht gerettet zu haben . Wir wollen Cameraden sein , gute Cameraden , wie einst , Army – – “ Eine lange Pause trat ein ; er hatte das Gesicht abgewandt und sah zu Boden , die Arme fest über einander geschlagen . Sie blickte fragend zu ihm hinüber , nach und nach aber überzog ein dunkles glühendes Roth ihr Gesicht , die verschlungenen Hände lösten sich , und ein paar große Tropfen quollen unter den Wimpern hervor . Ein brennendes Schamgefühl stieg siedend heiß , erstickend in ihrer Brust auf ; sie wandte sich und ging zur Thür . Da hörte sie Schritte draußen , eilige , wohlbekannte Schritte . Angstvoll irrten ihre großen Augen im Zimmer umher und hafteten an den seinen ; fassungslos blieb sie stehen . „ Die Muhme , “ flüsterte sie , „ sie kommt , mich zu suchen . “ Aber in demselben Moment stand Army neben ihr und zog sie schützend an sich ; verwirrt und angstvoll senkte sich ihr Kopf aus seine Schulter ; sie meinte , man müsse den lauten vollen Schlag ihres Herzens hören können ; jetzt wurde die Thür geöffnet ; unwillkürlich schmiegte sie sich fester an ihn , jeden Augenblick erwartend , eine wohlbekannte Stimme zürnend und vorwurfsvoll reden zu hören . Aber es blieb still ; die alte Frauengestalt dort auf der Schwelle stand regungslos , und die Augen ruhten schmerzlich staunend auf dem Bilde vor ihr ; dort in dem hohen halbdunklen Gemach gerade unter dem großen Kronleuchter aus Hirschgeweihen , dort stand ein junges Paar ; er hatte den Arm um die schlanke Gestalt gelegt ; er hielt sie an sich gepreßt und sah finster zu der alten Frau hinüber , als sei er böse auf die Störerin ; so standen die Beiden , ein Bild des süßesten Glückes . „ Also doch ! also doch ! Gegen die Liebe und den Tod , da ist kein Kraut gewachsen . “ Sie hatte es geahnt , als Lieschen so eilig das Haus verließ ; sie war ihr nachgeeilt , aber wer kann noch mit fünfundsechszig Jahren laufen wie ein junges leichtfüßiges Ding , und sie kam zu spät ! zu spät ! Das arme Kind war mit offenen Armen in sein Unglück gerannt . „ Lieschen ! “ rief sie vorwurfsvoll . Und da blickte sie auf und machte sich los aus seinen Armen . „ Ach , schilt nicht , “ bat sie leise , „ ich konnte nicht anders , Muhme , “ und streckte ihr die Hände entgegen . Sie versuchte dabei zu lächeln , aber es ging nicht – die Thränen drängten sich ihr mit aller Gewalt in die Augen ; fast leidenschaftlich schlang sie die Arme um den Hals der alten Frau , und unter Schluchzen rangen sich wieder die Worte von ihren Lippen : „ Ich konnte ja nicht anders