noch immer , aber mit einem klagenden Ausdruck im Gesicht . Ihr Maul war geöffnet , und die Hauer im Oberkiefer starrten unheilvoll aus dem schwarzen Schlund . Der Schwanenhals des Methodisten schraubte sich so verwegen und pittoresk über alle andern Köpfe , daß Lenore nicht umhin konnte , seinen Eigentümer zu bemerken . Sie runzelte die Stirn und sah Daniel fragend an . Sie schaute im Kreis herum und gewahrte überall Leute aus der Stadt , die sie teils mit Namen , teils von häufigen Begegnungen kannte . Ein Ladenfräulein aus der Ludwigstraße ; einen pockennarbigen Kommis aus einer Kolonialwarenhandlung ; die würdige Vorsteherin eines Kindergartens ; einen Beamten von der Sparkasse ; den Hutmacher von der Ecke am Marktplatz samt seiner verwachsenen Tochter ; den Feldwebel , der stets salutierte , wenn er ihren Weg kreuzte . Alle diese Leute waren im Sonntagsstaat und sahen sorglos und gutmütig aus . Aber sobald ihre Blicke sich gegen sie richteten , war etwas Böses in ihren Mienen . Die flackernden Flammen übermalten die Gesichter unheimlich , leichte Trunkenheit machte die trägen und schmutzigen Gedanken leserlich , und voll Sorge blickte Lenore zu Daniel auf , als müsse sie sich an seine größere Erfahrung und Überlegenheit wenden . Es tat ihm leid um sie und leid um sich . Er wußte , was ihrer und seiner harrte . Sah er in die Höllenbreughelsche Versammlung , in der trotz Kneip- und Festtagslaune dunkle Gelüste jeder Art , verkrüppelte Leidenschaften , geheimnisvoller Neid und geheimnisvolle Rachgier etwas wie Blutgeruch verbreiteten , so konnte er sich keiner Täuschung hingeben über das , was ihnen bevorstand . Lenore zu schonen und zu schützen , eher von ihr zu lassen , als schuldig daran werden , daß das Kinderlächeln auf ihren Lippen erstarb , dies glaubte er im stillen sich und ihr versprechen zu können . Die Arbeiterfamilie war aufgebrochen , und da es nicht mehr regnete , entfernten sich auch die meisten andern Gäste bald . In einem Raum über dem Saal wurde getanzt . Die Lampen klirrten , und man hörte nur das Brummen einer Baßgeige . Daniel schrieb mit dem Bleistift Noten auf den Tisch ; Lenore beugte sich herzu , sah ihn fragend an und verfiel dann wieder , so wie er , in träumerisches Sinnen . Keines trug nach den Worten des andern Verlangen ; sie unterhielten sich stumm und wurden durch eine unwiderstehliche Gewalt innerlich zueinander hingezogen . Sie merkten nicht , daß es Abend wurde , daß der Saal sich indessen ganz geleert hatte , daß die Schankburschen die Gläser wegräumten , und daß schließlich auch die Tanzmusik verstummt war . Wie in einer öden Höhle saßen sie Seite an Seite im halbfinstern Winkel , und als sie aus dem tiefen Schweigen emportauchten , blickten sie einander in die Augen , erst verwundert , dann in aufwallender Bestürzung . » Was ist denn ? was machen wir denn ! « rief Lenore halblaut , » es ist spät , wir müssen heim . « Der Himmel war umzogen , ein lauer Wind strich über die Ebene , auf der Landstraße standen breite Wasserlachen . Hie und da blitzte ein Licht aus der Dunkelheit , in fernen Dörfern schallte Hundegebell . Als die Chaussee in den Wald bog , reichte Daniel Lenore den Arm . Sie nahm ihn , ließ ihn aber bald wieder los . Daniel stockte im Schreiten und sagte fast zornig : » Sind wir denn verhext , alle beide ? Sprich doch , Lenore . « » Was soll ich denn sprechen ? « erwiderte Lenore leise , » ich weiß nicht , was ich sprechen soll . Mir ist so bang ; die Nacht ist so finster . « » Dir ist bang ? dir , Lenore ? Du kennst eben nicht die Nacht . Um dich und in dir war ' s noch nie Nacht , und jetzt verstehst du vielleicht , wie ' s einem Nachtmenschen zumut ist . « Sie antwortete nicht . » Gib mir die Hand , « bat er , » ich will dich führen . « Sie gab ihm die Hand . Bald sahen sie die Lichter der Stadt . Er geleitete sie ans Haus , aber statt Abschied zu nehmen , schauten sie einander wieder mit verwirrten , suchenden , hilflosen Augen an , beide bleich und stumm . Lenore eilte in den Flur , drehte sich bei der Stiege um und winkte lächelnd wie aus einem Nebel zurück . Mit geschnürter Kehle starrte er auf die Stelle , wo die schlanke Gestalt verschwunden war . 4 Ohne der Zeit zu achten , ohne Müdigkeit , ohne bestimmte Gedanken , abgelöst von Pflicht und Gegenwart , wanderte er dann planlos durch die Gassen . Eine Spelunke auf der Insel Schütt sah ihn spät noch als Gast . Zusammengekauert , die Hand vor die Augen gepreßt , nicht sehend , hörend , fühlend , saß er da . Verschütteter Schnaps glitzerte auf dem Tisch wie Grind , Kartenspieler fluchten , der Wirt war betrunken . Feuerlärm auf der Straße trieb ihn hinaus . Es brannte in der Vorstadt Schoppershof . Der Himmel war gerötet , Rieselregen fiel . Es schien Daniel , als ob die Atmosphäre von einer herzzermalmenden Unglücksahnung durchzittert sei . Über dem Laufertor wirbelte eine Funkengarbe in die Höhe . Da stieg in grandiosem Bogen die Melodie empor , auf welche er so lange und in vielen verzweifelten Nächten geharrt , und offenbarte sich wie mitgeboren zu den Worten der Harzreise : Mit der dämmernden Fackel durchleuchtest du ihm die Furten bei Nacht , über grundlose Wege , auf öden Gefilden . In schluchzenden Terzen , immer noch einmal zurückstrebend , senkten sich die Stimmen , und oben blieb eine einsam , in der Umkehrung fromm entrückt . Er summte die Melodie mit bebenden Lippen laut vor sich hin , als ihm im Rosental der Sokrates des neunzehnten Jahrhunderts mit seiner Bande begegnete . Diese