Für eine Weltgefahr , einen Herd ewiger Unruhe , unfähig zu staatlicher Selbstbestimmung , wurde solch Land erklärt , dessen Unglück es war , begehrt zu werden . Und Protektorat durch Einen oder allmähliche Zerbröckelung an Viele stand ihm zur Losung . Ja , wie Tschun so auf der hohen , gewölbten Brücke stand und herabblickte auf die Flaggen , die lauter einzelne Nationen repräsentierten , war ihm plötzlich , als überschaue er die ganze Welt , diese Riesenkugel , die durch den Weltenraum kreist . Und er glaubte zu sehen , wie , von allen Seiten , die verschiedenartigsten Menschen an der Kugel emporkrochen , alle nach einem bestimmten Punkte hin . Dieser Punkt aber war sein Land , sein China . Eines der letzten Gebiete der Welt , die noch nicht zerstückelt und aufgeteilt sind . Doch das war es ja gerade , was jetzt geschehen sollte ! Die verschiedenartigen , winzigen Wesen , die auf der Kugel so eilig herankrochen , die führten ja alle große Messer bei sich , und damit wollte jeder ein Stück des chinesischen Leibes für sich abtrennen - die Gier zu stillen , die in ihren Eingeweiden brannte , und die doch unstillbar war , die von der Erde in die Luft , von der Welt schließlich zu fernen Sternen greifen würde . Weiter , immer weiter ! Doch da , und während Tschun noch also sinnend auf der Brücke stand , kam von jenseits der hohen Mauer , aus der Chinesenstadt her , ein Schwarm grauer Tauben gezogen . Mit weit ausgestreckten Flügeln glitten sie dahin durch das kühle Licht des herbstlichen Morgens . Und aus den Bambuspfeifchen , die sie unter den Schwungfedern trugen , tönten seltsam wehmütige , langgezogene Klänge zur Erde herab . Wie ein gespenstischer Trauerchor wirkte es . Als klagten dort oben die Geister eines einstmaligen , stolz in sich abgeschlossenen Chinas um alles , was seil ihren Tagen ihrem Lande geschehen . - Und heute achtete Tschun auf diese Töne , heute verstand er ihre Sprache . Ein großes Heimweh erfaßte ihn nach jenem China , dem er einst selbst den Rücken gekehrt hatte , und zu dem er in dieser Stunde so gern zurückgekehrt wäre . - Aber das war unmöglich , denn jenes China war ja inzwischen gestorben . Seine Paläste standen zwar noch , und in den Lüften zogen noch seine grauen Tauben , aber trotzdem war es für immer tot . Und so wenig Tschun je wieder der kleine Junge sein konnte , der hier vor Jahren gestanden , so wenig konnte die Stadt da vor ihm je wieder zum früheren alten Peking werden . - - Das alles war unwiederbringlich dahin . Und Tschun begriff , daß , wenn sein China überhaupt weiter leben und bestehen sollte , es jetzt erst recht heißen mußte , weiterzustreben zu jenen Zielen , für die es alte Abgeschlossenheit einst aufgegeben . Aber zu diesen Zielen , so wollte ihm scheinen , mußten sich andere Wege finden lassen als die verdächtigen , von den stets eigensüchtigen Fremden gewiesenen . Fortschreiten galt es . Aber Fortschritt war doch nicht bloß ein Importgut , das ausschließlich bei den Fremden ellenweise gekauft werden konnte ? Fortschritt - der mußte sich doch entwickeln lassen - aus eigener Kraft . Aber blieb noch Zeit dazu ? Hatten in den vielen Regierungs-Yamen des ganzen Landes , vor allem aber dort drüben unter den goldenen Dächern der Kaiserlichen Paläste , weltfremde Machthaber nicht gar zu lange geschlummert ? Lag , unter den Trümmern des alten Chinas , die Möglichkeit eines neuen nicht vielleicht auch schon begraben ? - Wer vermochte es heute schon zu sagen ? Ein Frösteln , wie kalter Zweifel , überkam Tschun in dem kühlen Morgen . Doch unwillig schüttelte er es ab und straffte die Glieder . Seine Kräfte wenigstens sollten jener Möglichkeit gehören . Und wie er , dachten sicherlich viele Junge . - Die mußten sich sammeln zum Werke . - Und Tschun nahm seinen Lauf wieder auf . Hin zum kommenden China .