zu halten ; auch zum Mittagessen auszugehen war ihr unerträglich . Sie ertappte sich auf leisem Gemurmel : .. » der Intellekt ist ein Stück weiter als der Wille , - als die moralische Kraft , - das ist ' s - - - darum ist alles verzerrt ... « So suchte sie einen geistigen Schlüssel zu ihrem Erlebnis , weil sie nicht vermochte , es rein als Erfahrung zu bewältigen , - wie der Organismus der Einfachen , für den es geheißen hätte : darüber hinweg - oder daran zugrunde . Mit stachelnder Selbstverhöhnung rief sie sich die Hindernisse in Erinnerung , die sie bisher überklommen hatte , - um ihren Weg zu gehen , wie sie geglaubt . Sich allen hemmenden Anklammerungen entziehen , sich herauswinden aus allem , was einen lahm legen wollte , - das war , unbewußt vielleicht , der Antrieb ihres Tuns gewesen . Nun wurde sie selbst auf diese Art erledigt . Sie hatte sich hartnäckig und energisch aus ihrer heimatlichen Umgebung losgemacht . Das Bild des einsamen Greises , der ihr Vater war , stieg vor ihr auf und erfüllte ihr geschwächtes Gewissen mit Bangen . Und der drohende Schatten war nicht allein , - die Erinnerung an Koszinsky kam dicht hinter ihm vor ihre erschreckte Seele ... Der hatte sich an sie klammern wollen , daß sie ihm helfen möge , - aber sie - sie hatte ihn fortgeschoben , - er taugte ihr nicht auf ihrem Wege . Nun war er ein Lebendigtoter . Immer dichter drängten sich die Halluzinationen der Gewissensangst . Vergebens rief die Stimme ihrer Vernunft in das chaotische Wogen ab und zu ihr bannendes Wort : » Du hast getan , wie du mußtest und solltest ! « Vergebens , - denn das auf den Tod verwundete Geschlecht hatte die Seele zum Tummelplatz gemacht für die Fiebervisionen der Buße . Und sprach die Stimme : » Wer sonst hätte dir am Wege helfen sollen , wenn nicht du selbst ? Nur indem du dich hieltest gegen alles und alle , konntest du weiter , - in die Nähe deiner wahren Pflichten , « - so stöhnte sie sich die Antwort zu : » Aber dann habe auch die Kraft , die Folgen zu tragen - ohne Reue ! « » Feige wärest du gewesen , « sagte die verteidigende Stimme , » wärest du vor dem Erlebnis , das deiner reifen Weiblichkeit gebührte , gewaltsam geflohen . « » Feige bist du , « erhob sich die zornige Antwort , - » weil du nun , zu Tode geschwächt , zerbröckelt , gedemütigt bist , - wo du ruhiger und stärker weiter müßtest . « Bis in die Nächte hinein drängten sich die schreckhaften Bilder . Ihre Träume bekamen eine Lebendigkeit , vor der ihr graute . Sie sah sich auf einer Wanderschaft im Wiener Wald . Hochsommer war ' s , und der dichte Laubwald stand in bleierner Schwüle . Sie suchte ein entlegenes Dorf und war vom Wege abgekommen . Das charakteristische Scenarium der Wiener Waldlandschaft entrollte sich hier , zu ihrem Entsetzen . Immer neue Talmulden und Hügelketten breiteten sich vor ihr aus , so oft sie stöhnend eine Höhe überklommen hatte . Immer dichter verschlangen sich die belaubten , sich hoch oben bogenförmig ineinander verflechtenden Äste ; niedriges Gestrüpp hemmte den Weg und schlug ihr ins Gesicht . Wie eine ferne Vision stieg in diesem von Hitze dampfenden Laubwald - die Vedute der märkischen Landschaft , die sie liebte , vor ihr auf . Während sie sich , keuchend , weiter rang , vom glühend heißen Sirokko umstrichen und fühlte , wie der Schweiß auf ihrem ganzen Körper immer stärker ausbrach , - dachte sie an die weiten Seen , in deren dunklem Glanz milde das Sonnenlicht spielte , dachte an die Erquickung dieser durchfeuchteten Luft im märkischen Kiefernwalde ... Sie dachte an das Haus der alten Frau Wallentin , die sie manchmal besucht hatte , an dieses Haus im Park , mit den pinienartigen Kiefern , - wie an ein ewig verlorenes Bild . Aber sie mußte weiter , durch eine von Hitze verbrannte Hecke hindurch , die sich ihr immer enger an den Leib drängte und ihr Kleid in Stücke riß ... Schweißgebadet und zitternd erwachte sie . Bei Tage quälten sie böse Erinnerungen . Es kam ihr ins Gedächtnis , wie sie einmal , in einer Wiener Vorstadt , in einem bescheidenen Schusterladen ein Paar schöne , gute Schuhe gekauft hatte . Sie kaufte sonst nur in großen Geschäften , aber der billige Preis und die schöne Form der Schuhe lockten sie . Sie trat ein , ließ sich ihre Schuhe vom Schuster , einem alten Mann mit sanftem Gesicht , aufschnüren . Seine Augen hatten erfreut aufgeleuchtet , als die Kundin den Laden betrat . Während er ihr die neuen Schuhe probierte , wurde ihr klar , daß sie so viel , wie die Schuhe kosteten , jetzt gerade doch nicht ausgeben durfte . Sie begann , etwas vom Preis herunterzuhandeln . Es glückte ihr . Sie erhielt die Schuhe . Aber als sie ihm das Paket abnahm , sah sie , daß der alte Mann enttäuscht und niedergeschlagen aussah ... Ohne jeden bewußten Zusammenhang erinnerte sie sich eines Bahnhofsgedränges , in das sie einmal geraten war , - und wie sie dabei , zum Waggon drängend , wie die anderen , einem Buckligen , der neben ihr stand , unbewußt die Ellbogen so fest an die verwachsene Brust gebohrt , daß jener laut aufgeschrieen hatte und ihr klagend , mit weinerlicher Stimme , zurief , er sei eben erst von einer schweren Krankheit aufgestanden ... Warum quälten sie diese Bilder der Buße ? - - Schwer und beladen , ging sie über die Straße . Sie schlich gebeugt , in ihrer alten , schwarzen Jacke , dicht an den Gittern der Vorgärten entlang . Manchmal blieb sie stehen , atmete erschöpft ; sie ging , als zöge