und da sah er eine Schneeflocke vorübergleiten . Er war in einer traurigen Stimmung , wie sie im jungen Mannesalter bei einem prüfenden , strebenden Geiste leider nicht so selten erscheint , als man zu glauben geneigt ist . Sein Charakter war nicht von jenem leidenschaftlichen Schwunge gehoben , der ohne weiteres auf den Dingen und Erscheinungen hinfliegt , welche sich ihm bieten . Obwohl der begeisterndsten Gefühle fähig , war doch ein gewisses , rationelles Wesen in seinem Innern mächtig . Er hatte selten rasch und leidenschaftlich eine Richtung eingeschlagen ; blieb er nun zwar im Verfolgen derselben um so standhafter und hartnäckiger , je tiefer allmählich seine Überzeugung Wurzel geschlagen hatte , so fehlte ihm doch in kritischen Momenten jener schwärmerische Fanatismus , der alle Zweifel überflügelt und mit bunten Farben die blasse Wirklichkeit übertüncht . Jenes begeisternde Element Alexanders des Großen ging ihm ab , das dieser von seiner exaltierten Mutter Olympia geerbt hatten . Man erzählt von dieser , daß sie die wildeste unter den Frauen gewesen sei , welche mit aufgelöstem Haar und brennenden Fackeln und Augen in dunkler Nacht zum Opfer der Götter schritten . In der Nacht , bevor sie Alexander empfing , hatte sie geträumt , Jupiters Blitze schlüge in ihren Schoß . Dieser Blitz des Jupiter , der die zweifellosen Helden und Verbrecher schafft , der Blitz des Fanatismus , fehlte dem Valerius . Sein Wesen war fern von der schwanken Unentschlossenheit , von dem charakterlosen Umhertappen . Es war eben im Gegenteil zuviel Charakter in ihm , als daß er hätte gerade fortschreiten können , ohne wiederholt zu prüfen ; es war zuviel Humanität in ihm , als daß eine entschiedene , unerschütterliche Feindschaft in seinem Herzen hätte entstehen können . Die Humanität verträgt sich nicht mit dem romantischen Heldentume . Valerius hatte sich Polen anders gedacht , und er schalt sich , daß er sich wie ein Kind romantischen Vorstellungen hingegeben hatte . » Ist es nicht töricht , andere Zustände von einem Lande verlangen zu wollen , dessen Entwicklung so gewaltsam gestört worden ist ! Bedarf ' s denn äußerer bunter Illusionen , um die Begeisterung für einen schönen Begriff lebendig zu erhalten ? - - Leider ist es so ; unsere Augen sind die schnellsten Boten , wir tun immer nur halb so viel für ein garstiges Mädchen , als für ein schönes , wenn wir auch glauben , es mit jener so gut zu meinen , als mit dieser . « So sprach er leise vor sich hin . Er kam nicht einmal zu dem Geständnisse , daß das Unbehagliche um ihn her , der wüste Saal , das Unordentliche des Hauses das meiste beitrügen zu seinem Übelbefinden . Er vergaß es völlig , daß er die Ansprüche eines Deutschen an eine fremde Nation mache , daß es jene Gemütlichkeit , jenes Beisammensitzen , jenes Schwätzen sei , was er vermisse . Über die Nationalunterschiede glaubte er so weit hinweg zu sein , und wußte nicht , daß sie bis in die geheimsten Winkel unseres Wesens eingepreßt sind , und am lautesten sprechen , wenn man wer weiß welch hohe Motive zu hören glaubt . Wir erfreuen uns anders , wir erholen uns anders , wir hassen und lieben anders - das wirkliche Nationalleben Italiens und Spaniens würde uns lange Zeit ebenso unbequem erscheinen ; und vorzüglich zu Zeiten allgemeiner Erregtheit , wo das angewöhnte Wesen ohne Hülle hervortritt . Die Völker sind in gegenseitiger Beurteilung noch lange nicht vorsichtig genug . Valerius gestand sich ' s , daß er in einem wohnlichen Zimmer , im breiten Gespräch mit deutschen Freunden Welt und Dinge plötzlich anders ansehen würde . Cölestin war unterdes schon lange mit seinen Geschäften zu Ende gekommen , hatte das Licht wieder auf den Tisch gestellt , und schien den Aufbruch des Gastes vom Hause erwarten zu wollen . Zur deutschen Nationalität des Valerius mochte es auch gehören , daß er keinen Diener warten lassen , hinter dem Stuhle bei Tisch sehen konnte ; es quälte ihn , es benahm ihm alle Ruhe , wenn er wußte , daß ein Mensch eine Zeitlang lediglich von ihm und seinen Launen bestimmt werde . Rasch ging er nach dem alten Cölestin hin . Zu seinem Erstaunen sah Valerius in einer andern Ecke des Saales Joel auf einem Stuhle sitzen ; er hatte das Gesicht in die Hand gedrückt und schien zu schlafen . Valerius zog ihm die Hand weg und fand das blasse Gesicht seines jungen Freundes in Tränen gebadet . Wenn man solche Tränen nicht errät , muß man nicht danach fragen . Das war Valers erster Gedanke , indes glaubte er ihre Quelle zum Teil zu kennen , und er wollte den jungen Mann zu trösten versuchen . Gleich als ob er selbst dazu einer behaglicheren Stimmung bedurft hätte , fragte er Cölestin , ob es möglich sei , in dem Kamin Feuer anzumachen . Dem Alten schien die Frage so völlig überraschend zu sein , daß er sich lange besinnen mußte , ehe ein gedehntes » O ja ! « zum Vorschein kam . Es befand sich nämlich wirklich ein geschmackvoller Kamin im Saale . Er war nach Art der Pariser eingerichtet und wie jene mit einer messingnen Einfassung umgeben . Alles war indessen mit Staub bedeckt , und Cölestin antwortete , daß seit fünfzehn Jahren kein Feuer darin gewesen sei . Damals wäre der regierende Herr Graf von Paris gekommen und habe den Kamin anlegen lassen ; die selige , gnädige Gräfin wäre ein paarmal dagesessen , wenn sich Besuch auf dem Schlosse eingefunden hätte ; die neue Gewohnheit sei aber bald wieder vergessen worden . Magyac ward gerufen , um den Kamin zu reinigen , Valerius nahm Joel unter den Arm und ging schweigend mit ihm auf und ab . In kurzem brannte eine lustige Flamme und erleuchtete den wüsten Saal , ja das Licht lief bis in den nahen Wald hinüber . Die jungen Männer setzten sich an den