der schickte ihn fort . » Ich muß mit Gemütsruhe essen , « sagte er . » Und ich will Ihre herzklopfende Ungeduld nicht auf die Probe stellen . Sie würden heimlich die Minuten zählen und mich für ein gefühlloses Scheusal halten . Gehen Sie nur voran und erwarten Sie mich auf dem Schlachtfelde ! « Dann stand Sylvester an der Saaltüre bei den Jüngern der Klio . Keiner zeigte Fröhlichkeit oder jugendlichen Leichtsinn . Einige zerrten an ihren Handschuhen , andere richteten ihre Scheitel ; alle blickten sorgenvoll in die Welt . Merkle trat unter sie und gab ihnen die letzten Verhaltungsmaßregeln . » Also ein devotes Komplimang , wenn Damen eintreten . Anweisen der Plätze durch die Komiteemitglieder . Sieht man Bekannte , so eilt man auf sie zu , begrüßt sie herzlich und ist ihnen hehilflich . Und heiter , meine Herren ! Fröhliche Mienen ! Damit sofort eine gehobene Stimmung Platz greift . Mit dem Engagieren erst beginnen , wenn die Gäste möglichst vollzählig erschienen sind ! Man nähert sich hierbei der jungen Dame bis auf zwei Schritte , macht ein Komplimang , tritt noch einen halben Schritt vor und sagt : ' Gnädiges Fräulein , darf ich ergebenst um die Tanzkarte bitten ? ' Dann zeichnet man seinen Namen mit deutlicher Schrift ein : die Dame tut das Gleiche . Es ist Sache der Herren , sich genau den Namen , auch den Platz der Dame zu merken . Verwechslungen können zu sehr unangenehmen Ereignissen führen . Und jetzt noch einmal , fröhliche Mienen ! Man kommt . « Der Diener öffnete die Saaltüre . Ein beleibter Herr , eine stattliche Dame , zwei Engel in rosafarbenen Kleidern . Der lange Jakob Hufnagel stürzte auf sie los , als wollte er einen feindlichen Angriff gegen sie ausführen . Die stattliche Dame wich ihm aus , und Merkle eilte herbei , um diese erste Verwirrung zu schlichten . Es gelang ihm , die Familie zu beruhigen und dem beleibten Herrn zu erklären , daß sich der Präses Hufnagel lediglich die Ehre geben wolle , den Herrschaften Plätze anzuweisen . Von jetzt an war die Saaltüre in steter Bewegung . Duftige Gestalten schwebten herein , geschmückte Mädchen drängten sich aneinander und flüsterten sich Geheimnisse zu , kernige Bürger schritten neben ihren Gattinnen einher , und über die Köpfe der Eintretenden weg fiel der Blick auf leuchtende Gestalten , die sich in der Garderobe aus ihren Mänteln schälten . Unaufhörlich flutete es in den Saal , vorüber an den Söhnen der Klio , welche angesichts der Herrlichkeiten immer beklommener wurden . Sylvester ließ seine Blicke suchend über die Gäste gleiten . » Jetzt ! « dachte er , so oft die Türe geöffnet wurde . » Nein . Wieder nicht . « Seine Hoffnung sank . Vermutlich würden sie nicht kommen . Vermutlich hatte Madame Sporner erfahren , daß Leute erscheinen würden , welche sie schon einmal hatte zurechtweisen müssen . Und da hatte Madame Sporner gewiß erklärt , es sei unpassend , diese Unterhaltung zu besuchen . Die tiefe Baßstimme Hufnagels weckte ihn aus seinen düsteren Gedanken . » Mang , glaubst du nicht , es wäre allmählich Zeit , mit dem Engagieren zu beginnen ? « Sylvester blickte den Freund verständnislos an . Was bedeutete diese Sache für ihn ? Was bedeutete der ganze Ball für ihn ? Er antwortete irgend etwas und sah nach der Türe , die sich soeben wieder auftat . Da ! Die majestätische Gestalt der Frau Sophie Sporner erschien . Ihr Seidengewand rauschte so lebhaft , wie sich das ein echter und gediegener Stoff erlauben darf . Dann kam eine junge Dame in Weiß , deren Augen ein wenig forschend im Saale herumwanderten und lustig blitzten , als sie auf Sylvester fielen . Und dann kam im Bratenrocke der gutmütige Papa . Es war nicht mehr anzuzweifeln , die Firma war anwesend . Sylvester überlegte . Sollte er hineilen und die Eltern begrüßen ? Merkle hatte dies vorgeschrieben ; aber seine Lehre war für geübte Truppen berechnet , nicht für Jünglinge , denen Ehrfurcht die Kehlen zuschnürt . Sylvester sagte sich , daß er auf Schratt warten müsse . In drei Minuten war es acht Uhr , und er hatte versprochen , pünktlich zu sein . Wieder sagte die Baßstimme neben Mang : » Jetzt sollten wir zum Engagement schreiten ! « Zum Glück für Sylvester war der zweite Vorstand des Vereines , Herr Theodor Schmelzte , ein Jurist und erklärte , daß der Wortlaut des Programmes maßgebend sei . Hiernach beginne der Ball Punkt acht Uhr , das Engagieren bilde aber einen Bestandteil des Balles , und ergo treffe auch hierfür die Zeitbestimmung zu . Ob das richtig war oder nicht , jedenfalls dauerte die Interpretation so lange , daß in der Zwischenzeit der ungeduldig erwartete Schratt auftauchte . Sylvester begrüßte ihn stürmisch . » Ich habe schon geglaubt , Sie kommen zu spät . Das Engagieren kann nicht mehr verschoben werden ! « » So ? Na , einen Platz werde ich noch kriegen . Ist die angesehene Bürgersfamilie bereits anwesend ? « » Ja . « » Die wollen wir aufsuchen . « Schratt ging auf die Familie Sporner zu mit einem Mute , der Sylvester Bewunderung einflößte . Er fand freundlichen Willkommen . Und Frau Sporner sagte mit sichtlichem Vergnügen : » Der Herr Assessor ! An Sie hätte ich wirklich nicht gedacht . « » Das klingt beinahe wie ein Vorwurf und tut mir in der Seele weh . Aber erlauben Sie , daß ich Ihnen einen jungen Freund vorstelle ? Herr Studiosus Mang . « » Ja , der Herr Mang ! Wie geht ' s Ihnen denn ? Und warum sieht man Ihnen denn gar nimmer ? « Papa Sporner hatte ein schlechtes Gedächtnis , und er verstand es nie , seine Gefühle zu meistern , zu temperieren und zu dirigieren . Er schüttelte Sylvester so herzlich die Hand , als hätte man ihm