er ihn wieder und sagte , es sei gut . Hierdurch stieg noch die Empörung Hansens , und er sagte schnell , alle ehrlichen Leute müßten zu der Partei halten . Wie der Richter diese kecken Worte hörte , verfinsterte sich sein Gesicht sehr , und er neigte bedenklich den Kopf . Auf dem Flur draußen , nachdem sie entlassen waren , machte Karl Hansen Vorwürfe über seine Heftigkeit und unbedachtsame Rede ; aber er antwortete , er habe nicht anders gekonnt und ihm sei gewesen , als sitze plötzlich ein andrer Mensch in ihm , der sich auf den Richter losstürzen wolle , und er habe den noch zurückgehalten , und nur einmal als Kind habe er ein ähnliches Gefühl gehabt , wie er mit den Kindern des Grafen habe spielen sollen ; und selbst noch jetzt , wo er vor der Tür stehe und alles abgetan sei , geschehe ihm innerlich , als treibe ihn der andre , zurückzukehren und den Richter totzuschlagen . Das erschrecke ihn selber , denn er sei doch sonst ein sehr ruhiger Mensch . Nun nahm die Angelegenheit der beiden ihren weiteren behördlichen Gang mit Vernehmungen , Verhandlungen und Beschlüssen , und am Ende wurde ihnen » wegen unzulässiger Begünstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen « das Consilium abeundi erteilt . Für Karl hatte der Schlag eine geringe Bedeutung , denn der hatte sich in der letzten Zeit gänzlich in die Literatur begeben und war ohnehin nicht willens , seine Universitätsstudien fortzusetzen ; Hans aber arbeitete an einer Doktorarbeit und hatte den Gedanken , später durch die Empfehlung seines Lehrers eine Beschäftigung bei einem großen gelehrten Unternehmen zu finden ; und so war für ihn dem Anschein nach eine große Gefahr vorhanden , daß sein Leben scheiterte ; denn es war wohl schwer , eine Universität zu finden , wo er nunmehr zur Promotion zugelassen wurde , und wenn ihm das wirklich gelang , so hatte es gewiß große Schwierigkeiten , nachher die gewünschte Beschäftigung zu bekommen . Weiland war aus Berlin ausgewiesen und hatte zunächst seine Familie zurückgelassen und sich auf die Suche nach einer neuen Stelle in einem anderen Orte begeben ; aber mehrmals war es schon geschehen , wenn er bei seiner Arbeit war , daß Polizeibeamte in die Fabrik kamen und ihn durchsuchten . Anfänglich schrieb er mir Lustigkeit , wenn er alsdann von seinem erschreckten Herrn verabschiedet wurde und wieder weiterreisen mußte ; aber zuletzt lauteten seine Briefe ganz verzweifelt ; denn er schämte sich , daß er kein Geld nach Hause schicken konnte . Die junge Frau hatte das Glück gehabt , daß sie die beiden Zimmer vermietete , und so schlug sie sich denn ärmlich mit dem Kinde durch , indem sie in der Küche wohnte ; aber sie verbrachte ihre Tage mit manchen heimlichen Tränen , wenn der eine Mieter ihre geliebten Möbelstücke rücksichtslos behandelte , etwa mit den Stiefeln auf dem Sofa lag oder mit der Zigarre ein Loch in die Tischdecke brannte . Sie klagte auch zuweilen dem andern Mieter , dem , welcher in der früheren Schlafstube wohnte ; derselbe war Aufseher in einer Fabrik , ein ruhiger und ordentlicher Mann von etwa dreißig Jahren , der verheiratet gewesen und von seiner liederlichen Frau verlassen war . Dieses Unglück Weilands drückte Hans noch besonders nieder , und wie er auch für sich so nirgends einen rechten Weg sah , den er gehen konnte , so erschien ihm sein ganzes Leben in trüber Zwecklosigkeit . Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem Lehrer , daß er ihn aufsuchen möge ; denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten nähergetreten war , hatte er doch nicht gewagt , jetzt zu ihm zu gehen , weil er sich schämte , wie denn Unglück argwöhnisch macht und die Menschen zu einem unsinnigen Stolz verhärten kann . Hansens Lehrer war ein alter Mann mit schneeweißen Haaren und blitzenden blauen Augen , den die Jahre nicht versteinert hatten wie die einen , daß er bei seinen vormaligen Meinungen stehen geblieben wäre , noch hatten sie ihn schwach gemacht wie die andern , daß er sich zu Gesinnungslosigkeit entwickelt hätte , sondern als eine nicht auf das Handeln angelegte Natur hatte er sich zu einer milden Skepsis entwickelt , die in verständigem Zuschauen ihr Genüge fand , und die Wärme seines Herzens hob er für die einzelnen Menschen auf , die ihm irgendwie nahetraten , wie unser Hans . So begrüßte er den mit dem Troste , er wolle dafür sorgen , daß er an einer schweizerischen Universität promoviere , und alsdann werde er auch eine Stelle für ihn finden , wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit tätig sein könne und aber doch Zeit habe , eigenes zu leisten , wenn er es vermöge . Dann fuhr er fort : » Ich meine , daß für jeden jungen Menschen , wenn er anders Kraft in sich hat , eine Zeit kommen muß , wo ihm alle bestehenden Einrichtungen unsinnig erscheinen ; denn die haben ihren Grund ja nicht in den sittlichen Idealen , sondern in der menschlichen Gebrechlichkeit . Ein junger Mann aber kennt nur die sittlichen Ideale , weil er die in sich trägt ; von der menschlichen Gebrechlichkeit aber weiß er nichts , die lernt er erst durch das Leben kennen , an sich wie an andern . So erneuert sich , um nur ein Beispiel zu nehmen , für jede Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform , und wie der junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen möchte , so soll auch in allen andern Verhältnissen an den Platz des Rechtes die Sittlichkeit treten . Bei tüchtigen Personen kommt mit der Zeit die Erfahrung , die ihnen die relative Vernünftigkeit alles Bestehenden zeigt und sie bewegt , daß sie von ihrer Schwärmerei ablassen und vielmehr das Bestehende durch Liebe und Geistigkeit verklären , weil sie anders keinen Ausweg für ihren guten Willen haben ; untüchtige Personen aber lernen nicht durch die