nicht niedrig denkt ... Und nun der Drache - « Rudolf machte eine kurze Pause um sich zu sammeln . Jetzt wollte er das vorbringen , was ihm am tiefsten im Herzen brannte , und von dem er wußte , daß es einer Auffassung entstammt , die für neun Zehntel aller Gegenwartsmenschen ganz ferne lag . Ihm erschien als der feindliche Drache was jene als Götzen verehrten . Martha befiel eine leise Angst . Sie sah kommen , was ihr Sohn sagen wollte und sie zitterte , daß dies für manchen Anwesenden verletzend ausfallen könnte . In den Parkettreihen sah man zahlreiche Uniformen - und war das Ungeheuer , gegen das der Vortragende jetzt den Georgs-Speer zucken wollte , der Krieg - - » Ach Kolnos , « flüsterte sie ihrem Nachbar zu , » mir ist bange . « » Ich verstehe Sie , « gab er zurück . » Aber nur unverzagt , Martha Tilling - dort oben steht ein Kämpfer ... Er tut und sagt , was er muß . « » Freunde , Gegner und Gleichgültige hier im Saale , Glückliche und Bedrängte , Männer und Frauen , Reiche und Arme , Soldaten und Bürger , Aristokraten und Arbeiter - der Drache den ich meine , das ist nicht nur mein , das ist auch Ihr , ist unser aller heimtückischer Feind . Und seine Name ist - Gewalt . Aber nicht als ein zu Bekämpfendes , Verheerendes , Ungeheuerliches - mit einem Worte nicht als Drache wird von unserer Gesellschaft die Gewalt erkannt , sondern sie gilt und schaltet als deren legitime hochangesehene Herrscherin . Sie betrachtet man als Grundlage der Ordnung , als Schutz vor Gefahren ; sie ist die Spenderin der höchsten Ehren , die Vollzieherin des Rechts . Der Glanz und Stolz der Nationen beruht auf der gewaltgesicherten Macht ; Gewalttaten werden Großtaten genannt ; zur Erlangung von Orden und Würden , zur Betätigung von Pflichttreue und Mut , zur Verteidigung und Eroberung der höchsten Güter dient als Mittel der Totschlag . Und dieses System ist so tief gewurzelt in allen unseren Einrichtungen , in der Erziehung , im Unbewußten - daß die meisten unter uns im Dienste des Drachen Gewalt leben und sterben , ohne ihn nur einmal in die bluttriefenden Augen geschaut zu haben . Die wenigen , die das Ungetüm in seiner Entsetzlichkeit erkennen , die werden von tiefem Schauer durchbebt - Schauer und Schmerz . Töten , töten , töten ... wenn man sich in den Sinn dieses Wortes versenkt , und dabei die Einbildungskraft ( die ja bei abstrahierten Begriffen so selten mittut ) spielen läßt , und sich vorstellt , wie man das Eisen in die Brust des Bruders bohren , oder unter seinem Hieb verbluten soll , und wenn man als letzten Schluß der Zivilisation das Schlachtmesser - ob man es auch hochtrabend Schwert nennt - walten sieht , da wird man von dem St. Georgsfeuer erfaßt : das Scheusal muß überwunden werden . « Wieder eine Applaussalve . Kopfschüttelnd fuhr Rudolf fort : » Wenn ich im Eifer meines Gefühls mich zu etwas heftiger Sprache mit gewalttätigen Bildern hinreißen lasse , so lohnt mich Ihr Beifall . Aber , daß ich ' s nur gleich sage : Zur Überwindung der Gewalt denke ich mir keinerlei Gewalttaten . So lange man glaubt , das Böse mit Bösem vertreiben zu können , wird der Gewaltring nicht gebrochen , der uns umklammert hält . Der Gang der Kultur ist das Zurückweichen der Gewalt vor dem Recht . Noch sind wir auf diesem Wege nicht weit vorgeschritten ; aber jedenfalls wird die menschliche Gemeinschaft in dieselbe Richtung weiter sich bewegen , bis zum Eintritt in die gewaltlose Ära , in die kriegslose Zeit - wie dies vom Versöhnungsapostel Egidy - der selber ein tapferer Soldat war - geprägte Wort lautet . Was wir tun können , ist die Beschleunigung dieser Entwicklung ; - aber jedes brutale Mittel : Aufruhr , Attentat , Verfolgung - verfehlt den Zweck , und verzögert den Gang der Kultur . Revolution predige ich nicht . Ich rufe auch nicht dem Publikum zu : Gehet hin und schaffet dieses oder jenes ab , denn ich weiß , daß wir nicht direkt aus diesem Musiksaal herausgehen können , ein kleines Häuflein Leute , selbst wenn wir eines Sinnes wären , was wir gewiß nicht sind - um heute abend noch , oder morgen früh die gleichgültige Masse draußen mitzureißen , die Gegner zu bekehren und jahrtausend alte Institutionen umzustoßen . Ich sage nur dieses , den Unzufriedenen zum Trost , den Zufriedenen zur Warnung : die Wandlung vollzieht sich schon . « Und so wie er vorhin die Zustände aufgezählt , die mit ihren Qualen und Lasten die Gegenwart bedrücken , so nannte er jetzt , eine nach der anderen , die verschiedenen Bewegungen und Organisationen , welche eine glücklichere und gerechtere Zukunft vorbereiten ; und neben den sichtbaren Organisationen auch die unsichtbaren Stimmungen im Zeitgeist , durch die ein höheres Menschentum und damit auch eine höhere soziale Ordnung sich ankündigt . » Noch etwas zum Schluß . Ich habe von Eintracht , Wohlstand , Friede , Freiheit gesprochen und gezeigt , wie viele Keime schon sprießen , aus denen der Garten des kommenden Paradieses hervorblühen wird . Und da bin ich mir des Spottes wohl bewußt , der aus gar weisen Hirnen auf mich niederträufeln wird . - - Oh , der naive Tor , wird es heißen - er sieht nicht , wie die praktische Welt auf das Gegeneinander und nicht auf sein empfohlenes Neben- und Füreinander eingerichtet ist ; er sieht nicht , wie die Interessen überall im Kampfe liegen , er hört nichts vom Lärm der Parteizwiste , des Klassenhasses , der Rassenverfolgungen ; er weiß nicht , wie die Geister von altem und neuem Aberglauben befangen sind - oh der blinde , taube Träumer ! « » Darauf will ich antworten : Alles das sehen und hören wir nur zu