beruhigendsten Berichte nach Dahlow schicken . Dass Lena auf einen wartete , der noch immer nicht wiederkommen wollte , dass sie aus diesem Grunde für niemand sonst etwas übrig hatte , das freilich ahnte der wachthabende Leutnant nicht . Zehn Tage etwa mochte Bornstein von Berlin abwesend sein , als an einem Nachmittag zu Ende März die Thür zu dem türkischen Boudoir für jeden Besucher , auch für Kurt , verschlossen blieb . Vergeblich ersuchte der Leutnant das blondgekrauste Ladenmädchen , ihn zu melden . Er bot seine ganze , noch immer recht knabenhafte Autorität auf , vergebens . Selbst gegen ein ansehnliches Trinkgeld blieb der blonde Cerberus unerbittlich . So dreist das Mädchen gegen jeden war , vor ihrer jungen Prinzipalin hatte sie einen heillosen Respekt ; nicht um die Welt hätte sie einem Gebot von ihr getrotzt . Als Kurt sah , dass ihm der Eintritt verweigert blieb , fing er an , sie auszufragen . Aber auch damit hatte er wenig Glück . Wer denn bei Fräulein Lena drin sei ? Das Mädchen zuckte die Achseln . » Herr Bornstein selbst etwa ? « Sie lachte frech auf . » Ein Fremder ? « » Ja ! « Mehr wisse sie nicht , er solle sie nun in Ruhe lassen . Kurt ging , weil ihm nichts anderes übrig blieb . Am liebsten hätte er gleich an Bornstein telegraphiert , dass Gefahr im Verzuge sei . Aber er hatte ja nicht den geringsten Beweis dafür , dass es wirklich so war . Der Fremde konnte ebenso gut ein Geschäftsmann sein , der mit Lena zu thun hatte , als ein neuer unbekannter Verehrer . Warum sollte sie gerade diesen bei verschlossenen Thüren empfangen , da sie es mit einem von ihnen niemals gethan hatte , nicht einmal mit Bornstein ! Er wollte gegen Abend noch einmal hinausfahren und Lena gewissenhaft aufs Korn nehmen . Zeigte sich dann irgend etwas Verdächtiges , war es immer noch Zeit , Bornstein zu benachrichtigen . Als Kurt zwei Stunden später wiederkam , war die Luft rein , und Lena gerade so kühl , ruhig und überlegen , wie sie es in letzter Zeit stets zu sein pflegte . Ungefragt erzählte sie ihm mit grösster Kaltblütigkeit von dem Besuch eines Landmannes , den sie nachmittags gehabt habe . Er sei Geschäftsmann und wolle sich hier etablieren . Da er ihren Rat in verschiedenen geschäftlichen Dingen erbeten , habe sie während seiner Anwesenheit niemand sonst empfangen können . Es thue ihr leid , dass er gerade um diese Zeit und vergebens bei ihr vorgesprochen habe . Kurt war sehr zufrieden , dass er in seiner Herzensangst nicht gleich zum Telegraphenamt gestürzt war . Es wäre eine schöne Blamage gewesen . Weniger kaltblütig wie Lena , brachte Franz Krieger die Stunden nach dem langen Beisammensein unter vier Augen mit ihr zu . Merkwürdig war es ihm mit diesem Mädchen ergangen . Während der drei Wochen , die er nach Lottes Abweisung noch zu Haus hatte zubringen müssen , war Lena so gut wie vergessen gewesen . Die Wunde , die Lotte ihm geschlagen hatte , sass zu tief , brannte zu schmerzlich , als dass ein anderer Gedanke daneben hätte aufkommen können . Er litt unsäglich , aber er litt ruhig und gefasst , in einer Art stumpfer Betäubung . Sie liebte ihn nicht , er musste lernen es zu tragen . Erst seit er in Berlin war , hatte sein Schmerz einen durchaus andern Ausdruck angenommen . Vorbei war es mit der Ruhe , der Fassung , der Resignation . Hier , wo er geglaubt hatte , mit ihr glücklich zu sein , war eine peinigende Unruhe über ihn gekommen , ein brennendes Verlangen zu vergessen , was sie ihm angethan hatte . Was sollte er hier in dieser heisspulsierenden mächtig sich regenden Stadt mit seinem totwunden Herzen ? Sollte er als ein bleicher , abgestorbener Schatten sein neues Leben beginnen , um es willensunfähig gleich wieder mit einem Schiffbruch enden zu lassen ? Müde und gebrochen in eine Schaffensperiode treten , die den ganzen Mann forderte ? Nein , was es auch kostete , er musste seines Schmerzes Herr werden , musste sich herausreissen aus der dumpfen Betäubung , aus der er noch immer nicht erwacht war , seit er die vier steilen Treppen von Lottes Dachstübchen heruntergestiegen war . Er suchte Vergnügungen auf ; so neu und ungewohnt sie ihm waren , sie ekelten ihn an . Er trank mit fremden Kneipkumpanen - Bekannte und Freunde hatte er nicht in Berlin - zu dem schweren Herzen gesellte sich ein schwerer Kopf und machte ihn noch arbeitsunfähiger , als sein Kummer ihn ohnedies gemacht hatte . Endlich fiel ihm Lena ein . Ja , Lena war das rechte ! Wenn irgendwo , so war es möglich , bei ihr das Vergessen zu lernen . Und vergessen wollte er . Lenas kaum verhehlte Freude ihn wiederzusehen , rührte ihn beinah . Ja , sie hatte ihn wirklich gern , sie hatte es nie vor ihm verborgen . Wie im Fluge waren die Stunden mit ihr wiederum vergangen . Das erste Mal , seit Lotte jede Hoffnung , jede Lebensfreude in ihm ertötet hatte , dass er den langsamen , schleichenden Gang der Zeit nicht empfunden hatte . An Lena wollte er sich halten . In ihrer Nähe vergass er die nagende Pein um Lotte . Sie wirkte auf ihn wie starker Wein , süss und berauschend . In diesem Rausch lief er stundenlang umher , bis er den Weg zu seiner entfernten Wohnung im Südosten der Stadt wiedergefunden hatte . Er dachte nichts anderes und wollte nichts anderes denken , als an den lockenden , verheissenden Blick ihrer schwarzen Augen , an die weichen Formen ihrer zur Ueppigkeit neigenden Gestalt , an den Druck ihrer feinen , mit funkelnden Steinen geschmückten Hand , der ihm noch in der Erinnerung , wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder ging . Am Sonntag hatte sie