war leer : er ging weiter , öffnete eine zweite Tür und stand betroffen still . An einem Sessel kniete , ganz zusammengeschrumpft und gekauert , Cornely Nieberding und richtete sich erst auf , als sich Bojesen verlegen räusperte . Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und rief angstvoll : » Was ist ? Ist er tot ? « Als Bojesen sie erschreckt anstarrte , trat sie auf ihn zu , bot ihm schüchtern die Hand und flehte : » Helfen Sie mir ! Seit zwei Tagen ist Eduard nicht nach Hause gekommen , hat keine Nachricht hinterlassen , keine Zeile geschrieben . Ich habe meine Leute auf die Polizei und zu allen Bekannten geschickt , helfen Sie mir ! « Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht , das unaufhörlichen Zuckungen unterworfen war und durch Schlaflosigkeit und Sorgen gealtert erschien . Als sie sich so schweigend betrachtet sah , ließ sie den Kopf sinken und ihre Ohren wurden glühend rot , während Stirn und Wangen bleich blieben . Bojesen suchte nach Worten . » Er ist ja mein Stiefbruder , « sagte Cornely mit einer krankhaften Versunkenheit und lächelte so schuldbewußt , daß es Bojesen wie ein Stich traf . » Er wird zurückkehren , Fräulein , « tröstete er mit gesellschaftlicher Liebenswürdigkeit . » Vielleicht beschäftigt ihn ein kleines Abenteuer . « Doch sogleich empfand er das Ungehörige seiner Worte , denn Cornely schaute ihn erschreckt und fremd an . Um den Fehler wieder gut zu machen und da ihr Schmerz etwas so Wühlendes und Gepreßtes hatte , daß er fast ungeduldig wurde , ihr beizustehen , fragte er , wodurch er ihr helfen könne . Sie dankte ihm durch einen Händedruck und teilte ihm mit ( zögernd , als ob sie durch das Versprechen des Schweigens gebunden sei ) , daß Nieberding seit einigen Wochen mit einem gewissen Baldewin Estrich in Nürnberg viel verkehre ; es sei ihr nicht bekannt , wo der Mann wohne , aber sie träfen sich stets in dem Kaffeehaus an der Frauenkirche . Wenn Bojesen sich ihr freundlich erweisen wolle , möge er nach Nürnberg fahren und dort Erkundigungen einziehen . Ohne viel Worte zu machen , entfernte sich Bojesen , war eine halbe Stunde darauf in Nürnberg und fragte in dem angegebenen Kaffeehaus nach Nieberding , - umsonst . Darauf nannte er den Namen Baldewin Estrich , den er von Cornely vernommen , und dieser Name war den Leuten bekannt ; es wurde Umschau gehalten und man schien erstaunt , den Herrn gerade heute zu vermissen , der seit Jahr und Tag um diese Stunde hier zu finden war . Als Bojesen durch die winklig-schiefen Gassen wieder zum Bahnhof eilte , - denn die Wohnung jenes Estrich hatte er nicht zu erfragen vermocht , - stutzte er plötzlich beim Anblick einer rasch vorübereilenden Frau , blieb dann wie angewurzelt stehen und lehnte sich an einen Laternenpfahl . Er hatte Jeanettes Züge zu erkennen geglaubt . Er war sich der Täuschung bewußt und doch zitterte er an Armen und Beinen . Spät am Abend kam er wieder in Nieberdings Haus und erfuhr von Cornely , daß ihr Bruder gekommen sei . Sie dankte ihm mit scheuer Herzlichkeit , führte ihn aber nicht ins Zimmer und sagte , Eduard sei krank und unbegreiflich erregt . Wieder schloß sich Bojesen tagelang mit seinen Büchern ein , brütete , grübelte , träumte ; draußen herrschten Frühjahrsstürme . Es pfiff und jauchzte und heulte und wühlte um die Mauern wie bei einem Wrack , das hilflos auf Felsenboden sitzt . Es sang und brummte und brodelte in den Lüften , und der ganze Himmel mit Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie , indes der Mond in der Nacht schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte . An einem solchen Abend ging Bojesen aus . Er fühlte sich erschüttert im Sturm und sein Herz wurde weit . Er sah Blitze leuchten im Osten und hörte den entfernten Donner eines Februargewitters . Als er in die Gegend des Marktes kam , hörte er eine Stimme hinter sich , die den Wind laut übertönte . Er glaubte diese Stimme zu kennen , verzögerte seinen Schritt und lauschte . » No sag ' selber , hab ' ich geschlafen sitter ach Täg ? Haste geschlossen gesehn meine Augen ? Bin ich gewesen in schlechter Gesellschaft , daß se mer gemacht hat e schlechtes Gewissen ? Haste schon emol son Sturmwind derlebt ? Hu - uch ! wirbel wirbel bl bll bll - ! « Bojesen war so entsetzt , daß er keinen Schritt mehr machen konnte . » Holla ! aach e Mann , den ich kenn ! « rief Gedalja und lachte unbändig . » Komm mit , Mann , komm mitle ! Ich , - ich kenn die Welt , ich kenn ' se in- un auswendig kenn ' ich se , oben un unten kenn ' ich se , hinten un vorn kenn ' ich se . « Bojesen wich zurück und packte die Frau , die den Greis begleitete , fest beim Arm . Es war Frau Hellmut . » Ist er betrunken ? « flüsterte er ihr zu . Sie schüttelte den Kopf . » Mein Sema hat ihn gebracht , so wie er ist . « » Und warum führen Sie ihn denn herum ? « » Er ist uns fortgerannt . He , halt ! halt ! « Und sie rannte dem alten Mann , in die Hände schlagend , nach , während er in der Mitte der Straße umhertanzte . Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich . Bojesen empfand einen kühlen Schauder . Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind . Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite , die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf . » Ich kenne ihn , « sagte Bojesen . » Es erschreckt mich sehr , das alles . « »