« » Ach , bringe Dich doch mal selbst hinein , alter Junge , « dachte Leonhart , als er fürbaß schritt . » Dieser Original-Figur ist Deine Feder selbst allein gewachsen . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Obschon Annesley durchaus noch in der Bodega oder sonstwo ein anständiges Glas Wein trinken wollte , um den Abend cavaliermäßig zu schließen , widerstand Rother , so willig er sich stets vom Egoismus seines Schützlings terrorisiren ließ , diesmal dessen Wünschen . Er müsse für die Reise morgen frisch bleiben . Annesley trippelte neben ihm her , ein gut Stück aus seiner Richtung ausbiegend , um Rother auf dessen Heimweg zu begleiten . Große Federflocken schüttelten sich auf die nächtlichen Straßen herab und breiteten einen weißen Teppich , der den Schmutz des Tages verwischte . Rother , stets aus Empfindsamkeit und unbewußter Eitelkeit eine warme Gesinnung Anderer für ihn muthmaßend , fühlte sich gerührt , daß der Wunderknabe ihn so anhänglich durchs schlechte Wetter begleitete . » Nun gehn Sie nur nach Hause , lieber Freund . Es ist sehr hübsch von Ihnen , daß Sie mich am letzten Abend , wo wir beisammen sind , nach Hause bringen . Aber Sie werden sich erkälten ... scheiden wir hier ! « » Ja , das wollt ' ich eben sagen , « sagte der treue Freund . » Ach beiläufig , ich suche noch nach etwas ewig Weiblichem - können Sie mir vielleicht noch zwanzig Mark borgen ? « Rother sah ihn an und lächelte bitter . » Nun , das ist doch nichts für einen Mann wie Sie . Sie wissen ja , Sie kriegen ' s immer übermorgen wieder . « Es war dies Annesleys Manier , trotz seines eigenen vollen Beutels - er wollte offenbar stets Rothers Freundschaft prüfen . Dieser lachte herzlich und wohlwollend : » Darum reiten Sie mit mir durch Nacht und Wind ? - Na , da ! « Er reichte ihm das Goldstück . » Also adieu ! « » Ja und die Prachtausgabe meiner Kinder des Leids widme ich Ihnen . - Glauben Sie nicht , daß mir das nützen wird ? ! Bei Ihrem großen Anhang ... « Rother antwortete nicht und hustete . » Sehn Sie , so drücke ich Ihnen meinen Dank vollauf aus - für so manches Gute , daß Sie an mir gethan haben . « Rother antwortete nicht . Er dachte an die Feindschaften und Verleumdungen , die er sich wegen des kleinen Nero zugezogen . An den Bruch mit Collegen , welche ihm seinen » hochbegabten Schützling « als ohnmächtigen Charlatan schimpfirten . An all die Stunden , wo er die morsche verrottete Seele aufgerichtet . An seine väterlich aufmunternden Gespräche mit Annesleys Tante ( bei der dieser wohnte ) über alle Leiden , welche der größenwahnsinnige Wicht derselben verursachte ; einmal hatte er in einem Wuthanfall seines Weltwehs auf sie ein thätliches Würge-Attentat versucht . Er dachte an die seelische Blutvergiftung , welche , ihm der Umgang mit diesem brünstig nach Weltlust schmachtenden Weltverächter zuzog , der seinem Persönchen ein ideales Martyrium anlog , um desto brünstiger der Befriedigung unersättlicher Eitelkeit und Ichsucht zu fröhnen . An die Selbstschwächungs-Manie , welche der begnadigte Stimmungsfritze um sich verbreitete , alles Männliche und Reale als » unpoetisch « verpönend - was auf Rothers receptive schwächlich-empfängliche Natur den gefährlichsten Einfluß gehabt hatte . An seine ganze geistige Vormundschaft diesem naseweisen undankbaren Knaben gegenüber . Schon hatte ihm Leonhart mitgetheilt , daß Annesley mit Rothers Todfeind , dem Kunstkritiker Doctor Kratzenthal , hinter dem Rücken seines Gönners gegen diesen conspirire . In einer Gesellschaft habe er sich von dem Maler Adolf von Werther sogar mit Hochgenuß erzählen lassen , Rother schwebe schon lange am Rande der Lächerlichkeit - ohne dagegen zu opponiren . Damals hatte Rother darauf nicht geachtet ; es widersprach seiner nobeln Natur , gleich das Schlimmste zu glauben . Jetzt aber , wie von einem plötzlichen Blitz erleuchtet , lag der Charakter dieses Pseudo-Weltschmerzlers ( Pessimystiker sind immer die schlausten Geschäftsleute ) ihm bis in die innersten klaffenden Spalten vor Augen . » Wissen Sie , « brach Annesley das Schweigen , während sie an einer zugigen Ecke zögernd stillhielten , » ich bin immer noch ganz paff über diesen Leonhart . Das ist ja ein ganz communer Bursche , ohne alle Vornehmheit . Hatte mir den immer gedacht als ein enfant gâté , als einen Löwen der Berliner Salons - wissen Sie , so eine Art Lord Byron . Nein , diese Enttäuschung ! Ein ganz schmutziger gewöhnlich aussehender Dutzendlitterat , so ein richtiger Scribeler und Schmierfink ! « » Hm , nein ! « Rother war , wie alle bildenden Künstler , aufs Beobachten von Physiognomieen eingeschult . » Er sieht eigentlich doch recht bedeutend aus . « » Wie , sind Sie toll ? Diese unbedeutende Erscheinung , diese mittelmäßige Figur ! - Und was für eine schlotkerige Haltung ! Wie er schon dasitzt ! Und dabei dieser Größenwahn ! Sie Lump , prahlen Sie doch nicht so ! wollte ich ihm schon zurufen , hihi . « Rother besann sich vergeblich , ob Leonhart geprahlt hätte . Es war bezeichnend , daß Schmollers offenkundige Ueberhebung wegen ihrer Pöbelhaftigkeit Niemanden beleidigte , während Leonharts stiller Hochmuth jede verkniffene Eitelkeit verletzte . » Denken Sie an meine Worte , « stieß Annesley hervor , » Der wird noch mal vor Größenwahn im Irrenhause enden ! « Dabei rollte er so dämonisch seine Augen , daß Rother sofort die bekannte Wahrnehmung einfiel , daß Geisteskranke immer die Andern ihrer eignen Laster und Fehler bezüchtigen . Indem er im kalten Licht des Wintermonds einen festen prüfenden Blick auf den unheimlichen Jüngling warf , las er jetzt , worüber seine Gutmüthigkeit sich weggetäuscht , mit psychologischer Klarheit . Dieser lauernde verschleierte Blick ,