andere zu amüsieren ? ... Und nun sang das Kind in schneidender Winterkälte vor den Thüren ! - Sie stieg die Treppe hinauf . Das Bretterwerk unter ihren Füßen war schneeweiß , und ein feiner Wacholderduft wehte sie an - der echte Thüringer Sonntagsduft ! Auf ihr leises Anklopfen erfolgte kein Herein , und auch ihr Eintreten wurde nicht sofort bemerkt , obgleich die wachsame Philine sofort in der Küche anschlug . In der einen tiefen Fensternische saß Frau Lenz und strickte an einer bunten Wolljacke , und in der anderen stand der Arbeitstisch ihres Mannes ; er saß tiefgebückt über seiner Arbeit . Erst bei dem lauten , freundlichen Gruß der jungen Dame sahen die beiden alten Leute auf und erhoben sich . Den erstaunten , gespannten Mienen des Ehepaares gegenüber geriet Margarete plötzlich in Verlegenheit . Ihr warm aufquellendes Gefühl hatte sie hierher getrieben , aber sie kam aus dem Hause , wo den alten Leuten ein unerbittlicher Feind lebte , der ihnen das Brot vom Munde nahm und sie hinausstieß in Sorge und Elend . Mußten sie nicht Bitterkeit und Mißtrauen gegen alles empfinden , was von dorther kam ? Der alte Maler kam ihr zu Hilfe . Er bot ihr herzlich die Hand und führte sie nach dem Sofa ... Da saß sie nun in derselben Ecke , wo man vor zehn Jahren das abgehetzte , fiebergeschüttelte Kind zärtlich gehegt und gepflegt hatte . Jener Abend trat ihr in allen Einzelheiten vor die Seele , und sie begriff nicht , wie der Papa nach solchen Beweisen von Hilfsbereitschaft und Güte für sein Kind in seinem Hochmut gegenüber den Bewohnern des Packhauses bis an sein Ende hatte verharren mögen . Und wie schlimm stand es jetzt erst um die alten Leute ! Noch war der Mangel nicht sichtbar . Die Stube war wohlig durchwärmt . Ein großer warmer Teppich bedeckte den Fußboden ; weder Möbel noch Gardinen sahen verkommen und abgenutzt aus - man sah , es war all die Jahre her Geld und Sorgfalt aufgewendet worden , das Behäbige des Heims zu erhalten . Inmitten des Zimmers stand der hergerichtete Mittagstisch . Das frisch aufgelegte Tischtuch glänzte wie Atlas , die Servietten steckten in feinen Ringen , und neben den gemalten Porzellantellern lagen Silberlöffel . » Ich habe Sie in Ihrer Arbeit gestört , « sagte Margarete entschuldigend , während sie den nächsten Stuhl einnahm und Herr und Frau Lenz sich auf das Sofa setzten . » Es war keine Arbeit , nur ein Zeitvertreib , « erwiderte der alte Maler . » Ein festes Arbeitspensum habe ich nicht mehr , und da male ich an einer Landschaft , die ich vor Jahren angefangen habe . Freilich geht es langsam . Ich bin auf dem einen Auge völlig erblindet , und das andere ist auch ziemlich schwach ; so bin ich immer nur auf die wenigen hellen Mittagsstunden angewiesen . « » Man hat Ihnen Ihr festes Arbeitspensum genommen ? « fragte Margarete , unumwunden auf ihr Ziel losgehend . » Ja , mein Mann ist entlassen , « bestätigte Frau Lenz bitter . » Entlassen wie ein Tagelöhner , weil er als gewissenhafter Künstler die Arbeit nicht so massenhaft lieferte , wie die jungen gedankenlosen Schmierer . « » Hannchen ! « unterbrach er sie mahnend . » Ja , lieber Ernst , wenn ich nicht spreche , wer soll es sonst ? « erwiderte sie herb , und doch auch mit einem wehmütigen Lächeln in den vergrämten Zügen . » Soll ich in meinen alten Tagen aufhören , das zu sein , was ich zeitlebens gewesen bin , der Anwalt meines allzu bescheidenen , guten Mannes ? « Er schüttelte den grauen Kopf . » Ungerecht dürfen wir aber auch nicht sein , liebe Frau , « sagte er mild . » Für mein festes Einkommen habe ich allerdings in den letzten zwei Jahren nicht mehr die entsprechende Arbeit geliefert , meiner Augen wegen . Ich habe das auch gesagt und um Bezahlung per Stück gebeten , aber der junge Herr will davon nichts hören . Nun , ihm steht ja das Verfügungsrecht zu , wenn er auch noch nicht mündig erklärt ist , und die Testamentseröffnung noch bevorsteht ... Auf dieses Testament hoffen noch manche von den alten Arbeitern draußen in Dambach , denen es ähnlich ergeht wie mir . « Margarete wußte von Tante Sophie , daß ein Testament ihres Vaters vorhanden war , welches in den nächsten Tagen eröffnet werden sollte ; aber es war nur eine flüchtige Erwähnung gewesen , die Tante mochte nichts Näheres wissen . Das sagte die junge Dame auf den eigentümlich gespannten Blick des alten Mannes hin . Sie hatte auf diese Thatsache wenig Gewicht gelegt , noch weniger aber war ihr der Gedanke gekommen , daß die letztwillige Verfügung des Verstorbenen möglicherweise Reinholds Eigenmächtigkeiten rückgängig machen könne . » Mein Gott , « rief sie lebhaft , » wenn Sie meinen , daß das Testament vieles ändern kann - « » Es wird und muß vieles ändern , « fiel Frau Lenz mit sonderbar harter Betonung und Bestimmtheit ein . Margarete verstummte für einen Moment , betroffen in den noch immer schönen , blauen Augen der alten Frau forschend - eine Art von wilder Genugthuung funkelte in ihnen auf . » Nun ja , « setzte sie dann nachdrücklich , mit schwerem Vorwurf hinzu , » wozu dann die Grausamkeit , das Kind ums Brot auf der Straße singen zu lassen ? « Frau Lenz fuhr empor und trat auf ihre Füße . Sie war lahm und konnte sich nur schwer fortbewegen ; aber in diesem Moment schien sie von Schmerz und Schwäche nichts zu fühlen . » Grausam ? Wir ? Gegen unser Kind , unseren Abgott , unser alles ? « rief sie wie außer sich . Der alte Maler ergriff begütigend ihre Hand . » Ruhig Blut , liebes Herz ! « mahnte er mild lächelnd . » Grausam sind wir zwei