sonore Stimme scholl um so kräftiger hinaus in den Hof , als der Gesang droben für einen Augenblick schwieg - » ach so , man hat die Fenster geöffnet und horcht auf die Verlockung des Satans und legt dabei die Hände in den Schoß ! ... Ihr thörichten Jungfrauen , bei euch wird es heißen : Wahrlich , ich sage euch , ich kenne euch nicht ... Es ist besser hören das Schelten des Weisen , denn hören den Gesang des Narren . « Während des letzten Bibelspruchs schlug er klirrend ein Fenster um das andere zu und rüttelte an ihnen , auf daß auch nicht der kleinste Spalt für die eindringenden Töne der Weltlust verblieb . Er sah uns vorübergehen ; aber seine Augen glitten stolz und abweisend an uns hin - er grüßte nicht . Mein Vater schüttelte ironisch lächelnd den Kopf . » Das ist auch so ein diktatorisches Päpstlein , « sagte er zu dem Fremden , » einer jener Beschränkten , die sich zum Skandal breit machen dürfen mit ihrem leeren Kopf , weil die Reaktion den Gedanken verfemt ... Mit welch staunendem Hohne wohl die nächsten Jahrhunderte auf diese entstellenden und zärtlich gehätschelten Sonnenflecke unserer Zeit zurückblicken werden ! « Wie dauerten mich die armen jungen Geschöpfe in der Hinterstube ! Ihnen waren auch die Flügel grausam verschnitten worden ; in ihrer Seele hatten sie freilich keine Spur » des wilden Elementes « mehr ; dafür waren sie aber auch Gefangene ohne allen Willen . Sie duckten mäuschenstill die Köpfe , und ließen es geschehen , daß man ihnen auch noch die frische Luft entzog , weil sie verbotene Klänge zu ihnen getragen hatte ... Und der unheimliche Morgensänger war es , der ihnen die Flügel stutzen und sie bewachen mußte ... O Herr Claudius , ich machte Ihnen ganz gewiß mehr Mühe ! Ich konnte laufen wie ein Hase , und wenn ich hier nirgends ein rettendes Dach fand , unter das ich den Kopf stecken konnte , da ging es eines schönen Tages wieder dahin zurück , wo ich hergekommen ... Es mußte ja nicht gerade der Dierkhof sein , wo Ilse mich scheltend empfing - ich schlüpfte in die kleine Lehmhütte mit den flaschengrünen Fensterlein , da aß ich mit Heinz Buchweizengrütze und flog lachend mit meinen unbeschnittenen Flügeln über die Heide hin ... Wir hatten das Haus in der Mauerstraße verlassen , und nun ging ich ja doch durch die häßliche , stauberfüllte Stadt , die ich nie wiedersehen wollte . Sie erschien mir nicht mehr so schrecklich , als da die sengende Mittagshitze über ihr brütete . Es hatte sich aber auch manches verändert - meine Augen begegneten nicht einem einzigen spöttischen Blicke . Frauen gingen an uns vorüber , die mir wohlwollend und so freundlich forschend unter den Hut sahen , als mache es ihnen Freude , zu wissen , was für ein Gesicht auf dem kleinen trippelnden Menschenkinde im nagelneuen Galakleide säße ... Was mir aber plötzlich einen ganz besonderen Halt , ja eine Art inneren Schwunges gab , infolgedessen ich meinen Kopf um einige Linien höher zu recken suchte , das war die Art und Weise , wie mein Vater gegrüßt wurde . Der eilig dahinrennende Mann mit der nachlässigen Haltung und dem wirrflatternden Haare war eine nichts weniger als imposante Erscheinung , und doch neigten sich Offiziere und elegant gekleidete Herren tief und respektvoll vor ihm , und vornehme Damen , die in prächtigen Equipagen vorüberrollten , grüßten ihn , lebhaft mit der Hand winkend , als sei er ihr bevorzugter Freund ... Dieser große Respekt galt einzig und allein dem berühmten Manne , der so ungeheuer viel Wissen in seinem Kopfe hatte - alle beugten sich vor ihm , nur » der Krämer « in der Mauerstraße nicht - der wußte ja alles besser ... Grollend dachte ich an die Szene vor dem Münzenschranke , und was mich am meisten ärgerte , das war der Eindruck , den ich selbst dabei empfangen ... Hatte der Mann doch wirklich dagestanden , als sei er mit einer überlegenen Macht ausgerüstet , als ruhe jedes seiner Worte auf so solidem Grunde wie sein altes Krämerhaus , und - abscheulich - selbst der glänzende Offizier bei all seiner Eleganz und Schönheit war doch neben dem Manne im simplen schwarzen Rocke für einen Augenblick völlig in den Schatten getreten ... Welch eine Entpuppung ! Das war » der alte , stille Herr « , der mir am Hünengrab so völlig unwichtig vorgekommen , den ich gar nicht beachtet hatte ... Wir mußten lange wandern , ehe wir das herzogliche Schloß erreichten . Ein Lakai eilte voraus , um uns zu melden , und während der Münzenverkäufer in einem Vorzimmer wartend zurückblieb , führte mich mein Vater durch Zimmer und Säle . Er fuhr sich noch einmal mit den Fingern durch das Haar , dann schob er mich leise über die Schwelle der Thür , die der heraustretende Lakai weit zurückschlug . Da war ja der große Moment gekommen , gegen den sich das ungeschulte Kind der Heide im wohlbegründeten Instinkt erfolglos gesträubt hatte - ich debütierte über die Maßen kläglich . Charlotte hatte mir gezeigt , wie ich mich verneigen müsse - du lieber Gott , da machte ja Spitz seine kleinen Künste besser , die ihm Heinz eingelernt hatte ! Meine » quecksilbernen Sohlen « blieben bleischwer an dem Fleck hängen , wohin mich mein Vater geschoben . Ich sah unter tiefgesenkten Lidern hervor nur ein Stück spiegelnden Parketts zu meinen Füßen und hörte das leise Rieseln eines seidenen Gewandes und sagte mir unter aufquellenden und wieder verschluckten Thränen des Grimmes gegen mich selbst , daß ich plump und einfältig dastehe , wie ein grobzugehauenes Götzenbild ... Da schlugen die lieblichen Laute einer sanften , glockenreinen Frauenstimme an mein Ohr - die Prinzessin begrüßte meinen Vater - und fast zugleich berührte ein zarter Finger mein Kinn und hob mein gesenktes Gesicht empor . Nun sah ich auf ,