in einem herbkräftigen , frischen Lufthauche , emsig flogen die Schwalben , deren zahllose Nester an den Dächern und Fenstersimsen der Gebäude hingen , aus und ein , und ihr kleiner blauer Rücken funkelte förmlich in dem neuen warmen Sonnenlichte . Das war ein Tag , der ins Freie lockte . Vielleicht wurde heute draußen im Garten gegessen , und dann - war der Weg über die Dächer frei . Diese Hoffnung Felicitas ' erfüllte sich jedoch nicht . Gleich nach Tische kam Rosa an das Bogenfenster und brachte ihr die Weisung , mit Aennchen in den Garten zu gehen , der Herr Professor habe es dem Kinde versprochen . Später werde die Herrschaft nachfolgen und das Abendbrot draußen einnehmen . Da schritt nun Felicitas , die kleine Anna an der Hand , » auf Befehl « durch den einsamen Garten . Statt der Dachziegel oder des Bretterfußbodens der luftigen Galerie hatte sie den Kies der sonnenbeschienenen Gartenwege unter den Füßen ... Während der Regenzeit hatten Tausende von Rosen ihre Kelche geöffnet . Auf dem eleganten Rasenrunde des Vordergartens standen hohe Stockrosen , der dunkle Samt ihrer Blüten schwebte hoch und unnahbar über den demütigen Gräsern , wie ein Königspurpur über dem Volke , aber im Gras- und Gemüsegarten , da war das niedrige Zentifoliengesträuch minder vornehm , die prachtvollen , strotzenden Kelche mit dem glühroten süßen Munde wiegten sich zutraulich neben dem dickköpfigen Kohlrabi , und ihr berauschender Duft floß mit dem kräftigen , aber gemeinen Geruch der Dill- und Schnittlauchbeete ineinander . Felicitas strich mit gesenktem Haupte an der Blütenpracht vorüber , und das gutmütige Kind schwankte schwerfällig nebenher ; der kleine Mund schwieg , kein Geplauder störte das Nachsinnen des jungen Mädchens . Sie dachte mit einer Art von wildem , brennendem Schmerz an die Rosenzeit vergangener Jahre - da hatten die Rosen doch anders geleuchtet und geduftet , als Tante Cordulas klare , liebestrahlende Augen noch nicht erloschen waren , als sie noch in stillen Sonntagnachmittagsstunden , neben der bebewegungslos aufhorchenden Schülerin im Vorbau sitzend , mit ihrer ausdrucksvollen Stimme begeistert aus den Klassikern vorlas , während von der Galerie die betäubenden Duftwogen hereinquollen und weit draußen das grüne Thüringer Land sich hinstreckte ... Da war auch allmählich das süße Heimatgefühl in der Seele des jungen Mädchens gewachsen , sie hatte sich zu Hause gewußt in den friedlichen , trauten Räumen , beschützt und geleitet von einer treumütterlichen Liebe ; sie war , wenn auch nur auf einige Stunden , frei gewesen , ungefesselt in ihren Bewegungen , in den Anschauungen und Betrachtungen , die sich auf ihre Lippen drängten - darum wohl auch hatten die Rosen anders geleuchtet und geduftet , und die Welt war sonniger gewesen ... Sie hob den Kopf und sah über den Zaun in den Nachbargarten . Dort schimmerte das weiße Häubchen der Hofrätin Frank . Die alte Dame saß mit ihrem Sohne am Kaffeetische , er las ihr vor , während sie , behaglich in einen Fauteuil zurückgelehnt , die blitzenden Stricknadeln durch ihre Finger gleiten ließ . Das sah auch heimisch und friedlich aus . Felicitas sagte sich selbst , daß sie auch unter jenen Menschen in einem gewissen Grade frei sein werde , daß sie im Verkehr mit ihnen , die so human und hochgebildet , geistig fortschreiten müsse , auf keinen Fall war sie in den neuen Verhältnissen der Automat , der » auf Befehl « gehen und die Hände rühren mußte , während Augen und Lippen nie das Vorhandensein eines lebhaften , selbständigen Geistes verraten durften . Trotz dieser Gedanken wurde es nicht heller in ihr . Es hatte schon vor Tante Cordulas Tode ein Etwas in ihrer Seele gelegen , über das sie selbst nicht klar werden konnte - eine dunkle Qual , die bei näherer Besichtigung zurückwich wie ein Phantom - nur eines stand fest : diese Stimmung hing mit der Anwesenheit ihres einstigen Peinigers zusammen . Wohl war sie vor seiner Ankunft der Ueberzeugung gewesen , seine persönliche Erscheinung werde ihren Groll , ihre Erbitterung noch verschärfen , aber daß diese Empfindungen so mächtig und in fast rätselhafter Weise verdunkelnd auf ihr ganzes übriges Seelenleben zurückwirken würden , das hatte sie nicht geahnt . Dann und wann drang die erhobene Stimme des Vorlesers über den Zaun herüber - es lag viel Wohllaut in den Klängen , aber sie besaßen doch nicht das Markige , die Modulation , welche das einst so eintönige Organ des Professors mit den Jahren in so auffallender Weise angenommen hatte ... Felicitas schüttelte unwillig den Kopf und warf ihn zurück - woher kam ihr nur der Vergleich ? ... Sie zwang ihre Gedanken sofort in eine andere Bahn , auf ein Thema , das allerdings nahe lag , und welches seit der Testamentseröffnung sehr oft Gegenstand ihres Nachdenkens war . Das Gericht hatte den Rechtsanwalt Frank zum Kurator für die mutmaßlich existierenden Hirschsprungschen Erben ernannt . Seit zwei Tagen bereits durchlief ein Aufruf die Zeitungen ; Felicitas harrte mit einer fast leidenschaftlichen Spannung auf den Erfolg - ihr brachte er möglicherweise bittere Schmerzen . Meldete sich die Familie Hirschsprung in Kiel auf diesen Aufruf , der eine reiche Erbschaft verhieß , so bestätigte sich die Vermutung , daß die Spielersfrau eine Ausgestoßene gewesen war ... Was aber mußten das für Menschen sein , in deren Augen ein Familienglied selbst durch ein so tragisches , erschütterndes Ende nicht hatte entsühnt werden können ! Felicitas knüpfte deshalb nicht einen einzigen hoffenden Gedanken an das mögliche Auftreten naher Anverwandten ; sie wollte ihnen gegenüber auch nie das Dunkel der Verborgenheit verlassen , dennoch schlug ihr Herz heftig bei der Vorstellung , daß ein Tag kommen könne , wo die grausamen Großeltern ahnungslos dem schweigenden Enkelkinde begegnen würden . Die Hofrätin Frank hatte Felicitas am Zaune bemerkt . Sie stand auf und kam in Begleitung ihres Sohnes herüber . Beide begrüßten das junge Mädchen sehr herzlich , und der Rechtsanwalt sprach seine Freude darüber aus , demnächst als Hausgenosse mit ihr verkehren zu