eilte fort und kam niemals wieder . Ulrich aber sagte zu Hieronymus : » Mir klang die Stimme bekannt , und solche braune flehende Augen hab ' ich auch schon gesehen ; meinst Du nicht , es könne der Bruder des Judenmädchens gewesen sein , das uns warnte und zu Elisabeth ' s Schutz sandte , oder dieses selbst ? « Hieronymus hatte nicht daran gedacht , er hatte den Knaben jetzt zum ersten Male gesehen ; die Vergleiche , die er nun anstellte , schienen allerdings Ulrich ' s Vermuthen zu bestätigen , aber er wollte nicht daran glauben , auch dem Kameraden es ausreden , was ihm als Schmach erschien : wenn dies Judenpack , wie er sich ausdrückte , solchen Antheil an einem freien Maurer nehme , in seine Wohnung sich schleiche und sie doppelt verunehre durch Gaben , die nun Anfangs doch angenommen und verbraucht worden - das dünkte ihm ein unauslöschlicher Schimpf ! Und um nicht wirklich die Gewißheit zu erlangen , vermied er danach zu forschen - und seitdem sahen die Baubrüder wirklich weder von dem Judenmädchen noch dem fremden Knaben etwas wieder . Während Ulrich noch in Gefahr schwebte und bewußtlos war , diente es Hieronymus zu einiger Beruhigung , daß noch eine größere Anzahl der Baubrüder bei jenem nächtlichen Vorfall betheiligt gewesen . Wenn auch der Rath , da Herr Scheurl selbst keine Untersuchung wünschte , die Sache dahin gestellt sein ließ , so waren doch die Gesetze der Baubrüder strenger als die des Rathes und ließen sich nicht beugen und umgehen wie jene . In Gegenwart aller freien Steinmetzen , des Propstes , Hüttenmeisters , Werkmeisters und Pallirers wurden sämmtliche Baubrüder über den Vorfall abgehört , denn es war ihnen streng verboten , Händel und Raufereien anzufangen und ihre Schwerter , die sie an der Seite trugen , anders zu brauchen als im Fall der äußersten Nothwehr oder zum Schutze Hülfsbedürftiger , unschuldig Bedrängter , zur Ehre Gottes . Da nun aus allen Aussagen nichts anderes hervorging , als daß sie auf den Hülferuf einer von einem vermummten Ritter und seinen Genossen wehrlos überfallenen Dame herbeigeeilt waren , und man erfuhr , daß dies die Gattin des hochangesehenen Herrn Christoph Scheurl gewesen und dieser sich den Baubrüdern nicht nur dadurch dankbar erwies , daß er den Verwundeten seinen Bader sandte , sondern auch daß er eine große Summe Geldes an die Lorenzbauhütte selbst sandte , aus Dankbarkeit gegen die Baubrüder , die ihm beigestanden , damit sie davon eine Zeche feierten und gleicherweise auch Fürbitte in ihrer Kirche thäten für die Genesung seiner Gemahlin - - so ward das Betragen der Baubrüder als unschuldig und rechtlich befunden , und jeder Verdacht beseitigt , der von einigen war auf Ulrich geworfen worden : weil er schon zum zweiten Male Händel mit einem Ritter um einer Dame Willen gehabt . Denn gleich den Tempelherren mußten sich die Baubrüder von allen zärtlichen Regungen und Beziehungen frei erhalten , und wenn sie auch noch in stärkere Strafen verfielen , wenn sie mit bösen oder berüchtigten Frauen umgingen , als mit ehrbaren , so durften sie sich doch auch nur diesen nähern , wenn es die Nothwendigkeit gebot . Weil Ulrich hierbei unschuldig befunden , und was man wider ihn vorgebracht , sich als böser Leumund erwies , so fußten sowohl Hieronymus als sein Gönner , der Propst darauf , wenn es galt , andere böse Gerüchte niederzuwerfen , die über ihn umliefen . So wollte Einer wissen , daß er ein paar Abende vor seiner Verwundung im Abenddunkel ein Judenmädchen mit zu sich in das Haus genommen ; ein Anderer , daß er nicht nur nicht wisse , was aus seinen Eltern geworden , sondern auch nicht , wer sie gewesen , ja daß seiner Mutter als Zauberin der Proceß gemacht worden . Aber die Zeugnisse des Maurerhofes zu Straßburg und der Benediktiner wurden dem doch entgegen gehalten , der Propst und der Hüttenmeister bedrohten Diejenigen mit Strafen , die solchen entgegen einfältigen Gerüchten Glauben schenken wollten - und so waren diese zum Schweigen gebracht , lange bevor Ulrich wieder in der Bauhütte erschienen , und da auch Hieronymus ihn nicht damit aufregen wollte , so erfuhr er gar nichts von der Gefahr , die über ihm geschwebt zugleich , als der Todesengel seine Fittiche um ihn schwang . Erst als das Frühjahr kam , vermochte er wieder sein Schmerzenslager zu verlassen , aber dann dauerte es noch lange , ehe er wieder in der Hütte arbeiten und den Meißel kräftig schwingen konnte wie vordem . Die Wunde , die er an der Brust empfangen , schmerzte ihn dann immer auf ' s Neue , und er mußte sich erst allmälig wieder an die Arbeit gewöhnen . Inzwischen war doch die Zeit für ihn daheim nicht ganz verloren gewesen . Der Propst hatte ihm alle neuen Bücher geschickt , die aus Anton Koberger ' s Druckerei hervorgegangen und auch sonst noch erschienen waren , darunter die Schedel ' sche Chronik von Nürnberg , Conrad Celtes ' Beschreibung derselben Stadt , Regiomontan ' s Kalender , Tucher ' s Reise in das gelobte Land und die ganze heilige Schrift . Ulrich studirte eifrig alle diese Bücher und so nebenbei übte er sich , sobald es ging , im Zeichnen , machte Risse zu großen Münstern nach dem System des Sechs- und Achtortes , wie zu kleinen Weihbrodgehäusen , zu Säulen , Portalen und Ornamenten - wagte sich an die größten Aufgaben der Kunst und zeichnete dabei das Kleinste mit demselben Fleiße . Etwa ein paar Wochen mochte er wieder regelmäßig gleich den andern Steinmetzgesellen in die Bauhütte zur Arbeit gehen , als er an einem schönen Herbsttage mit andern Baubrüdern außen am Kirchthurm auf schwindelnder Höhe selbst zu arbeiten hatte . Da rief ihn ein Handlanger im Auftrag des Werkmeisters von der Arbeit fort , hinunter in ' s Schiff der Kirche zu kommen , wo man ihn bedürfe . Unten fand er den Werkmeister und