man merkt gar nicht wo die Zeit bleibt ! - - Ist denn das ein Vorzug daß sechs Monat wie sechs Stunden vergangen sind ? Im Gegentheil ! ein Mangel ists , eine Leere ! - Nichts hat Epoche gemacht , nichts ist geleistet , nichts erstrebt worden ; keine ernste Mühe , kein hoher Genuß bezeichnet die Tage . Ein Winter ist durchgemacht , etwa wie die Pflanzen im Gewächshause , in gemüthlicher Ungestörtheit . Ist es das was den Menschen erfreuen soll ? - Wol giebt es Perioden , die einen merkwürdigen Anstrich von Monotonie haben ; aber unter ihrer stillen Hülle ist die Menschenseele in großer , rastloser Thätigkeit , und hören sie auf , so zeugen die Resultate von derselben - wie die wegschmelzende Schneedecke das grüne Saatfeld zum Vorschein bringt , das während der kalten starren Winterruhe sich festgewurzelt hat . Eine Zeit die uns nichts bringt , nichts gewährt , oder die wir so wenig zu nützen und auszufüllen verstehen , daß weder ihre Gegenwart noch ihre Erinnerung anders in unsrer Seele zählt , als eine Aneinanderreihung von Tagen - ist mir immer als eine verlorne erschienen . Und so kamen mir jene Jahre vor . Das wollte ich zuweilen nicht in mir aufkommen lassen . Ich rechnete mir vor , was ich gelernt , was ich gethan ; dann zog ich die Summe und die war : Nun ja ! aber was geht das mich , meine innerlichste Bedürftigkeit , an ? - Ich trieb Spiegelfechterei mit der Annehmlichkeit so Manches zu wissen , was Anderen viel Kopfbrechens koste , und was ich Alles so hübsch zu lesen , zu begreifen , zu erklären verstände ; und wenn ich mir Mühe gab so recht damit einher zu stolziren , verfiel ich in ein bittres trauriges Lachen , das mich fragte : Also ist es mit Dir schon zu dem letzten Stadium bettelhaften Dünkels gekommen , daß Du zu Papierfetzen greifst um Dir daraus einen Staatsrock zu schneidern ? - Oder ich überdachte das sogenannt Gute was ich geleistet , woran die Menschen so viel Vergnügen zu finden pflegen . Nun ja ! ich hatte mich der Glücklichen und Unglücklichen , der Verabsäumten und Verwahrlosten angenommen ; ich hatte in meinem Kreise Keinem das Leben schwer - Manchem es leichter gemacht ; ich hatte vielleicht einige Veranlassung mit mir zufrieden zu sein ; o mein Gott ! das machte mich erst recht traurig - denn wo lag die Befriedigung wenn nicht in jenem Bewußtsein ? - Ich verfiel in einen fürchterlichen Zwiespalt , weil sich mir die Frage aufdrängte : Ob nicht das Böse und das Unrecht einen größeren Reiz gewähren indem sie in eine Spannung versetzen , welche man bei Verfolgung des Guten nicht findet ? und ob die Stürme welche Kampf und Widerstand mit sich führen , nicht einen größeren Aufschwung des inneren Lebens erzeugen , als so ein negativer Friede ; - denn Schwung , der war es doch hauptsächlich , der Trank der Begeisterung ! nach dem ich lechzte ; und war der zu theuer erkauft durch die Region der Gewitter in welche sein Rausch uns zu schleudern pflegt ? - - - Und während dies Alles in mir tobte , wühlte , grollte , arbeitete - nahm ich Lectionen der Mathematik und andrer vortreflicher Dinge , die mir ein Greuel waren ! und gab meiner armen Benvenuta Lectionen der englischen Sprache , die ihr wiederum ein Greuel waren . Die Schulmeisterei riß dermaßen in meinem Hause ein , durch mein Beispiel angespornt war Jeder so eifrig zu lehren und zu lernen , daß mir Astralis als die Einzige von uns welche noch nicht den Wissenschaften oblag , beneidenswerth erschien ; und daß ich dem Himmel dankte mich nur auf drei Jahr und nicht auf drei Jahr und drei Tage den Studien angelobt zu haben . Denn in diesen drei Tagen hätte ich ohne Zweifel närrisch werden müssen und meine Umgebung mit mir , meinte ich . Letzteres war aber mit nichten der Fall . Herr Becker und meine Gesellschafterin Fräulein Mathilde hatten sich durch Philologie und Musik die Seele nicht absorbiren lassen , sondern sich mit einander verlobt - was mir , obgleich Beide blutarm waren , unendlich vernünftig und erfreulich vorkam . Ich fragte ihn lächelnd , ob er nicht fürchte daß sein Apostelamt der Gräcisirung in den Schatten treten würde neben den Pflichten des Hausvaters . Er entgegnete ebenfalls lächelnd : ihn wolle jezt bedünken als sei die Familie eine eben so trefliche Schranke gegen Barbarei als das Griechenthum , und er wolle es lieber auf beide Weisen versuchen - worin ich ihn mit Aufrichtigkeit und Theilnahme bestärkte . Sogar Herr Müller hatte bei mir einen Fortschritt wenn nicht in der Wissenschaft doch so zu sagen im Menschenthum gemacht , indem er sich ganz unsäglich für die polnische Revolution , ihre Anhänger , ihre Auswanderer , interessirte . Der Grund war nämlich - Copernicus ! Er fand es nicht zu viel wenn ganz Europa diesen Mann in seinem Volk geehrt hätte , und aufgestanden wäre zu dessen Wiederherstellung . Mit dem unsterblichen und unvergleichlichen Verdienst dieses Mannes könne Keiner in die Schranken treten , denn er habe durch sein System , worin die Erde sich um die Sonne drehe , doch zuerst Ordnung in die Welt gebracht und diese gleichsam erst auf die Füße gestellt . Er seines Theils könne nicht begreifen , daß die Menschen bei einem so grundfalschen Princip wie die Bewegung der Sonne um die Erde , nicht ihrerseits in die größten Verkehrtheiten verfallen , und etwa auf allen Vieren umhergewandelt oder auf den Köpfen umhergehüpft seien . Freilich wisse man auch nicht was in den germanischen , hercynischen und sonstigen Wäldern passirt sei ! und daher sei es ein Greuel des Undanks nicht vor einem Volk auf den Knien zu liegen , das einen Copernicus geboren . Das System ging dem alten wunderlichen Mann über Alles , und von allen menschlichen Empfindungen war