ihm die Kräfte versagten , sank er auf den Stuhl nieder , auf dessen Lehne er sich bisher in eitler Selbstgefälligkeit gestützt hatte . Es mußte ein furchtbares Geheimniß sein , zu dessen Kenntniß der alte Graf gekommen war und das er jetzt im entscheidenden Augenblick als niederschmetternde Waffe gegen seinen eigenen Sohn gebrauchte . Eine beklemmende Pause trat ein , die Niemand zu unterbrechen wagte . Um diese Todtenstille aufhören zu lassen , die wie ein Sargdeckel über den Häuptern der Familie schwebte , fing Herta an , mit dem Theegeschirr zu klappern . Dies gab dem alten Grafen aufs Neue Fassung , und da es nun einmal zu einer Aussprache gekommen war , ergriff er abermals das Wort und wendete sich damit fast ausschließlich an seinen Sohn . » Es scheint , als verkenntest Du ganz die Pflichten des Herrn gegen seine Untergebenen , « sagte er . » Dir und leider tausend Andern , welche Dir gleichen , sind alle Unterthanen nur Werkzeuge , nur Maschinen , die man abnutzen kann nach Belieben und zu seinem Vergnügen . Du glaubst bloß Forderungen , keine Pflichten an sie zu haben . Es sollte aber die Ehre des Adels sein , die Unterthanen zu schirmen , sich in Noth und Jammer ihrer anzunehmen , sie zu bilden , zu erziehen und aus der dumpfen Atmosphäre geistiger Erniedrigung , in der sie schmachten , emporzuheben in die heitere Luft einer hellern Denkungsart , eines bessern Daseins ! Was soll denn aus uns und der Welt werden , wenn wir immer nur auf einem Punkte uns fortdrehen wollen , wie wahnsinnige Derwische ? Wir müssen zuletzt in völlige Apathie versinken und als blödsinnige Schwächlinge verkümmern ! Schreitet fort ! ruft jede Seite der Weltgeschichte uns zu ; lernt die Zeiten und deren Bedürfnisse verstehen , predigt uns jeglicher Tag ! Es taucht keine Sonne hinter Berg und Meereswoge unter , ohne fern von unserm Auge einen neuen Bildungshalm ins Leben zu rufen , und jeder neue Morgen ist der Tauftag einer neuen That , eines gewaltigen ins Leben geschleuderten Geistes ! Das , mein Sohn , laß uns bedenken , dann wird uns der Sturmschritt der Zeit nicht wie ein versengender Sirocco überfallen ! - Wir sind alle krank , krank an Gedanken , Meinungen , Vorurtheilen , die wir aus längst vergangenen Tagen in unsere Zeit herübergeschleppt haben und die wegzuwerfen als leere Hüllen aus ihnen hervorgegangener buntbeschwingter Seelen uns schwer fällt . Aber wir müssen uns selbst an die Brust fassen und munter rütteln , wenn uns der ermattende Schlaf trüber Erbschaft überfallen will ! - Was war , was ist , was soll der Adel sein ? Die Gesellschaft der Besten , der Fähigsten , der Muthigsten aller Zeiten ! Sucht er nicht darin seinen Ruhm , seine Ehre , so hat er sich überlebt und ist auf ewig verloren ! - Wir Deutschen , die wir diesem glücklichen und bevorzugten Stande angehören , sollten nicht blind und taub sein bei den furchtbaren Ereignissen in Frankreich . Sie enthalten eine große Lehre für Jeden , der in albernem Dünkel und in brutaler Macht sich über die Masse der Menschheit erheben will . Ich mag nicht behaupten , daß ich ein Anhänger jenes Camille Desmoulin , jenes Danton und Robespierre sei , daß ich billige , was der Wahnsinn eines verzückten , wuthschäumenden Pöbels ruft : Jeder sei dem Andern gleich und Alle hätten gleiche Rechte zu fordern . Aber ich glaube und sterbe auf die Wahrheit des hohen gottähnlichen Gedankens , daß es Zweck und Ziel dieses Erdenlebens und irdischer Fortenlwickelung sei , im Laufe der Jahrhunderte das gesammte Menschengeschlecht zu vervollkommnen und jedem Individuum ein solch allgemeines Bildungsmaß zu Theil werden zu lassen , daß jeder Einzelne behaupten darf : er sei gleich dem Besten der Besten ! Diese Zeit , wann sie kommt , wer weiß es ! Daß sie kommen wird und muß , sagt mir meine eigene Vernunft ! Daß sie bald komme , dahin wirke , wer Kraft und Macht dazu hat , und dies ist zur Zeit noch der Adel ! Will er stolz sein und Ursache haben zu solchem Stolze , so schmücke er seine Wappen und die Zinnen seiner Burgen mit Lorbeerkränzen gewunden von den Händen derer , die er jetzt seine Unterthanen , seine Leibeigenen nennt ! - « Schon geraume Zeit hatte Herta mit froh glänzendem Auge dem Grafen zugehört . Als dieser jetzt schwieg , warf sie sich mit Leidenschaft an Erasmus Brust , küßte ihn auf den Mund und sagte : » Ich wußte es ja , daß mein guter , klarer Oheim mich nicht mißverstehen könne ! Grade so , wenn auch mit andern Worten , spricht mein lieber Schiller , der noch vor einer Stunde ein schlechter , anfrührerischer Mensch sein sollte ! Jetzt lies Du nur meine Bücher , lies , so lange Du willst , ich weiß doch , daß Du mir sie selbst wiederbringen und mich obendrein noch beloben wirst ! « » Der Entwurf Ihres idealen Lebens , mein Vater , hat viel Bestechendes , « erwiederte Magnus . » Offen gestanden aber ist es mir noch unklar , wie Sie die gepriesene Bildung in der rohen Masse des Volkes hervorrufen wollen ? Sie verlangen doch schwerlich , daß wir selbst das Amt der Schulmeister verwalten oder als Vögte und Verwalter uns unter Knechte und Mägde mischen sollen ? Ich wenigstens muß dieses Amalgamirungssystem ein für allemal verschmähen . Es ist mir persönlich nichts entsetzlicher , als eine schwielige Hand , die sich nur mit wenigen Tropfen Wasser begnügt . « » Mir aus der Seele gesprochen ! « sagte die Gräfin und begann wieder ihr Fächerspiel . » Ich hätte meinen Sohn für fassungskräftiger gehalten , « entgegnete Erasmus . » Wie ich jedoch zu meinem Leidwesen sehe , gehört oder zählt er sich mit Absicht den Hohlköpfen zu , die Würde und Ehre des Adels nur im Junkerthume