und Mangel versinken lassen ; und dasselbe Vertrauen habe er auch zu seinem Herrn Schwager , darum rede er so offen , frischweg von der Leber . Er und seine Frau wären freilich nur arme , geringe Leute und ihre Freundschaft keine gräfliche , sie gehöre aber zu einem ehrsamen , achtbaren Handwerk , das seinen Mann redlich und nothdürftig nähre . Daß ihn und seine Marie das Unglück betroffen , sei nicht ihre Schuld , sein Weib sei brav ; aber der Herr Schwager könnten sich ' s ja leicht selber denken , denn er habe solchen Wohnortswechsel ja auch durchgemacht . Seine Frau verstehe in Glatz die Wirthschaft nicht so knapp und vortheilhaft zu führen ; Annen werde es anfangs wol auch sauer geworden sein an fremden Orten . Kronberg lächelte ; in seinem ganzen Leben hatte er noch nicht mit Annen von der Wirthschaft gesprochen . Louis trank ein Glas nach dem andern , wurde immer verworrener und steigerte sich in ' s Absurde . Allmälig siegte , trotz der feinen und gewandten Weise , auch in Kronberg die rohere Natur , er ward ärgerlich ; ihn verdroß Annens Heimlichkeit , ihn verdrossen die auf nichts basirten Ansprüche des Schwagers , der nichts gelernt hatte , und nichts gethan , als heirathen und Kinder in die Welt setzen , die er nicht ernähren konnte , und der nun herkam , um sein , Kronbergs , von seinen Ahnen und ihm selbst wohlerworbenes Gut mit ihm zu theilen , und zwar blos , weil er der Bruder einer Frau war - wieder hob die innere Schlange ihr Haupt - einer Frau , die ihren Mann nicht einmal liebte ! Der eine Gedanke war in Kronberg zur fixen Idee geworden , vielleicht gerade , weil er ihn nicht eingestand . Sehr gemessen und ernst erklärte er Louis , daß er von dem ihm von Annen gewährten Zuschuß nichts gewußt , daß Niemand seinen Geldbeutel zu taxiren habe und er auf keinen Fall zugeben werde , daß Anna zu seinen Gunsten ihres Erbrechts sich begebe , weil es gegen sie selbst , dann aber auch gegen ihren jüngeren Bruder Franz unrecht sein würde . Ob er ihr ferner überhaupt noch gestatten werde - er erschrak über das Wort , was ging denn ihn ihr Nadelgeld an ? - oder rathen könne , fügte er sanfter hinzu , die mit so wenig Dank anerkannte Zahlung der Pension fortzusetzen , könne er für den Augenblick nicht bestimmen . Nun brach der Ingrimm des vom ungewohnten Wein Erhitzten mit doppelter Gewalt los ; er sprach von einem goldenen Bauer , in den freilich nicht immer Glück zu finden sei , äußerte , daß , wenn seine Schwester , die recht wohl wisse , welchem ihrer Brüder ihre Hülfe nöthig , nicht einmal den freien Gebrauch ihres Reichthums haben sollte , dann freilich sei die reiche vornehme Dame nicht besser daran , als seine eigne Frau ; sie wären Beide arm , das sei wahr , er aber lege das Geld in eine Schieblade , über welche sie und er gingen . Er sähe freilich nun wol ein , bei den Adeligen sei Alles das anders ; er habe oft seinen seligen Vater innerlich angeklagt , daß er die Mutter zu knapp gehalten , und sie habe ihn oft gejammert , aber nun , wenn er ' s recht überlege , ginge es ja bei den Vornehmen nicht um ein Haar besser zu , die es obendrein nicht einmal brauchten , die das Geld haufenweise zum Fenster hinauswürfen , es verspielten oder zu allerlei liederlichen Streichen anwendeten , und das oft auf noch schlimmere Art , als der Soldat , der doch immer in den Augen der fein Gebildeten für den Aergsten gelten müsse , während jene mit Comödiantinnen und Tänzerinnen Alles vergeudeten . Das traf einen wunden Fleck in Kronbergs Brust . Der ganz absichtslose Ausdruck - denn Louis hatte ja keine Ahnung vom Dasein der Capacelli - fachte eine furchtbare Flamme des Zorns in ihm an . Nach wenigen schonungslosen , durch Eiseskälte und Schärfe des Tons gleich vernichtenden Worten verließ der Graf das Zimmer und begab sich wieder zur Gesellschaft . Dies Alles erfuhr oder vielmehr errieth Anna aus den rhapsodischen Ausbrüchen der Empörung , in welcher sie ihren Bruder fand . Ohne auf ihre Bitten oder mildernden Erörterungen zu hören , ergriff Louis seinen Tschako und rannte hinaus , sie hatte eben noch Besinnung , Duguet ihm nachzuschicken . Duguet , der immer wortlos die Stimmung und den Zustand seiner Gebieterin zu errathen verstand , folgte dem jungen Manne , führte ihn höflich in ein anständiges Gasthaus , besorgte sein Ränzel hin , bediente ihn und stand am frühesten Morgen mit einem Magazinschneider vor ihm , der einen äußerst anständigen Civilanzug ihm präsentirte . Wer irgend Wien kennt , muß begreifen , daß Anna ihrem Gatten die möglichste Rücksicht auf Louis , des Unteroffiziers , äußere Erscheinung schuldig war . Sie durfte Kronberg nicht den spottenden Fragen und Blicken der Ein- und Ausgehenden preisgeben , und gestern hatte doch auch ihr ein wenig vor der staubbedeckten Montur ihres Bruders , vor dessen sonneverbranntem Angesicht und harten Händen gegraut . Ohnehin mußten die in der kleinen Grenzstadt nicht feiner gewordenen Manieren desselben Kronberg störend sein , das war nicht zu ändern . Sie bewilligte alles , was Duguet für ihn verlangte ; als sich aber die Thür hinter ihm schloß , schossen ihr ein Paar sehr bittere Thränen in die Augen . Man gibt der menschlichen Charakterbildung allgemein klimatische und nationale Färbung zu ; Niemand wundert sich , einen Italiener heftig , einen Spanier rachsüchtig , einen Holländer ruhig oder gar phlegmatisch zu finden , das alles ist als traditionell längst in die allgemeine Volksansicht übergegangen ; aber an den nicht kleineren Unterschied , den die äußere Stellung , die früheste Umgebung , der Umgang unserer ganzen menschlichen Entwicklung aufdringt , an die Modificirung der Ansichten und Begriffe , die sie