wissend , daß in der Ehe eins aus dem Andern folgt - ich bat ihn tausendmal um Vergebung , und wünschte nun selbst den Hochzeitstag mit einer fieberhaften Ungeduld herbei , in der Hoffnung , mein Schicksal müsse sich lieblicher in der Entschiedenheit , als in der Erwartung stellen . Ich ward seine Frau . Der Stab war über mich gebrochen ! - so kam ich mir vor , so komme ich mir noch jetzt vor , wenn ich an den Moment denke , von welchem doch schon manches Jahr mich trennet . « Faustine senkte ihr Haupt wie gebrochen , und legte das Gesicht in beide Hände ; ihr Busen flog krampfhaft , sie bebte vom Scheitel zur Sohle , und als sie nach einer Pause die Hände sinken ließ , war ihr sonst so blumenzartes , holdseliges Antlitz starr , marmorbleich , tragisch . » Ja , « sagte sie mit herzzerschneidender Wehmuth , » von der Faustine , die damals unterging , mag jetzt wol keine Spur übrig sein , denn sie fiel der Schmach anheim ! Ja ja ! auf meine unschuldige , reine Stirn wurde der Stempel der Schmach gedrückt , und ich - ich habe es gelitten und es überlebt ! « Sie ging im Salon auf und ab , mit heftigen , ungleichen Schritten . Sie rang die Hände . Sie dachte nicht an Marios Gegenwart , nicht an seine Liebe - nur an ihre Vergangenheit ; und mehr zu sich selbst , als zu ihm , sprach sie mit tiefer Bitterkeit : » Giebt es denn auf der ganzen weiten Gotteswelt eine Schmach , welche der gleich kommt : einem Manne zu gehören , ohne ihn zu lieben ? O ich glaube , ein ganzes Leben von Verworfenheit wird mit diesem Begriff bezeichnet . Doch nein ! nein ! ich irre mich ! ich war ja seine Frau , am Altar ihm angetraut - dann hat es nichts zu sagen - für die Menschen . « Sie lachte in sich hinein . » Ruhig , Faustine , aus Barmherzigkeit mit Dir , sei ruhig ! « bat Mario erschüttert . » Schweigen Sie , Graf Mengen ! Sie haben mein Leben wissen wollen - da dürfen Sie mich nicht stören , wenn wir bei einem so wichtigen Punkt angelangt sind . Kennen Sie nicht die Sage von jenem Nixenbrunnen , dessen Wasser , hat man den schweren Steindeckel einmal abgewälzt , immer höher , immer höher steigt , den Rand überquillt und das Land rings umher in eine brausende Wogenflut verwandelt ? O , diese unermeßliche Flut von ungekanntem , von mißkanntem Weh in der Brust eines Weibes erschüttert sogar eine Männerbrust , wenn es sich einmal nicht als Klage , nur als Schrei , äußert ! dann muß es gewiß etwas welterschütterndes sein ! Aber ach ! als Abnormität wird es betrachtet ! Krankhaft an Leib oder Seele , verschroben , überspannt nennt man eine Frau , nachdem man sie ohne Barmherzigkeit in die Arme des Ersten Besten , der sie nach ihr ausstreckt , geliefert hat , und sie nun mit unüberwindlichem Entsetzen wahrnimmt , was von ihr gefordert wird , was sie gewähren soll . Von einer Million Ehen wird eine aus Liebe geschlossen . Die Beweggründe der übrigen kommen in keinen Betracht ; weil sie immer auf hausbackene Nützlichkeit zielen , sind die einen grade so gemein oder grade so würdig als die andern . Aber neunmal hundert neun und neunzig tausend neun hundert Frauen verlangen es eben nicht anders ; achtundneunzig verlangten es wol anders , einst , vor langen Zeiten , auf die sie sich selbst nicht mehr recht besinnen können , so untergewirbelt sind sie ; nun haben sie sich gefügt , aus Kälte , aus Verständigkeit . Und eine , nur eine , aber doch eine , eine Einzige unter der Million , die verlangt es anders und , feiner oder schwächer organisirt , kann sie nicht zahm sich fügen , und fühlt doppelt die Demüthigung , weil sie zu schwach ist sie abzuwehren . O diese Eine ! sie kommt nicht in Betracht vor euren Gesetzen , es kann kein eignes Recht für sie geschaffen werden , Gott und Menschen ziehen die Hand von ihr ab - denn im Namen Gottes ist ihr Segen verheißen worden , wo sie Unheil gefunden , und die Menschen hohnlächeln ob der Phantasterei , welche da einen Tempel erbauen möchte , wo ein ekler Sumpf liegt . O diese Eine ! - es giebt Schmerzen , vor denen die Welt das Knie beugt , strahlende Schmerzen , geputzte Schmerzen , rosenrothe Schmerzen , Triumphbogenschmerzen ! aber mit diesem Schmerz kokettirt man nicht , den vergräbt man scheu im Busen , wie man das Krebsgeschwür am Busen mit unsäglicher Beschämung verbirgt . Doch das Gift des Geschwürs durchschleicht allmälig das Geäder des Körpers und dringt in Mark und Blut , und dieser Schmerz wird zu einem Gift , zu einer Quintessenz von Haß , Bitterkeit , Verzweiflung , Empörung , Verachtung und Groll , wovon die Seele krank werden und verderben muß , und Keiner , Keiner hat einen Blick des Erbarmens dafür . O diese Eine ! - das ist nicht eine von den Schlechtesten gewesen ! nicht um den Glanz und den Genuß der Welt zu haben , ist sie in dies Jammerlabyrinth gerathen ! nur kindisch , nur unerfahren , nur jugendlich selbstvertrauend sprang sie , ein sorgloser Schwimmer , von dem stillen Felsen ins rauschende Meer , um einem Andern die liebende , die hülfreiche Hand zu bieten ! aber der ist zu Hause in dem wilden Element , der zieht die Arme in den Strudel hinein , in die Tiefe hinab , sie sinkt - und Keiner rettet sie ! ... Sind denn nicht Männer da ? ... ja doch ! ... da stehen sie , faunisch , neugierig , lüstern vor dem trostlosen Geheimniß dieser Ehe , und rathen und räthseln ,