, umarmten sie einander , und der Diakonus rief lachend : » Das hätten Sie wohl nicht gedacht , in Ihrem ehemaligen Bekannten , der in jener großen Stadt seinen jungen schwäbischen Grafen so säuberlich auf dem schlüpfrigen Boden der Wissenschaft und des eleganten Lebens umherführte , eine Figur wiederzufinden , welche Sie an Ehr ' n Lopez in dem Spanischen Pfarrer von Fletcher erinnern muß ? « » Ihr Küster ist , wenn auch kein lustiger Diego , doch ein ganzer Mann « , versetzte der Jäger . » Er hat mir wie ein wahrer Zeremonienmeister der Zinspflicht das ganze Ritual ausgelegt , und sich bei dem Empfangen , Verwahren und Spruchsprechen mit solcher Würde und Klugheit benommen , daß ich ihn jedem bevollmächtigten Minister , welcher eine verwickelte Angelegenheit seines Hofes zu schlichten hat , als Muster empfehlen möchte . « » Ja « , sagte der Geistliche , » das ist heute sein Ehrentag , auf den er sich schon sechs Wochen vorher freut . Überhaupt gibt es unter den Küstern noch viele komische Figuren , welche sonst so sehr jetzt abnehmen . Das beständige Anhören hoher und erbaulicher Worte von ihrem Standpunkte der Dienstbarkeit dabei , das Läuten , das Ansagen der Geburten und Sterbfälle gibt ihrem Wesen einen wundersamen Schwung , mit welchem nun wieder ihr glücklicher Appetit , oder besser zu sagen , ihre maßlose Freßgier seltsam kontrastiert . Denn da sie zu Hause nicht viel zu beißen und zu brechen haben , so versorgen sie sich auf Kindtaufen , Hochzeiten und Leichenschmäusen für ganze Wochen , und verschlingen die außerordentlichsten Portionen , aber immer mit einem Anstriche von Salbung , und nicht selten die hellen Tränen der Mitfreude oder Mittrauer in den Augen . Der meinige hat nun zu allen diesen Standeseigenschaften noch den Privatcharakter der Feigheit ; er ist ein ausgemachter Poltron und ich habe mit ihm auf einsamen nächtlichen Wanderungen zu Kranken oder Sterbenden schon die lustigsten Szenen erlebt . Doch lassen wir den Küster und seine Narrheiten . Was die Prozedur betrifft , welcher Sie heute beiwohnten , so ist es unumgänglich notwendig , daß ich mich ihr in Person unterziehe ; mein ganzes Verhältnis zu den Leuten wäre gebrochen , wenn ich zu ekel wäre , die alte Sitte mitzumachen . Mein Vorgänger im Amte , der nicht aus hiesiger Gegend war , schämte sich der terminierenden Fahrten , und wollte schlechterdings nichts damit zu tun haben . Was war die Folge davon ? Er geriet in die übelsten Zwistigkeiten mit diesen Landgemeinen , welche selbst auf den Verfall des Kirchlichen und des Schulwesens Einfluß hatten . Zuletzt mußte er gar um seine Versetzung einkommen und ich nahm mir gleich vor , als ich die Pfarre erhielt , in allen Dingen mich nach Ortsgebrauch zu verhalten . Hiebei habe ich mich denn bisher sehr wohl befunden , und weit gefehlt , daß der Schein der Abhängigkeit , welchen mir diese Fahrten geben , meinem Ansehen schaden sollte ; es wird vielmehr dadurch erhöht und befestiget . « » Wie sollte es auch anders sein ! « rief der Jäger . » Ich muß Ihnen gestehen , daß bei dem ganzen Einhergange , ungeachtet alles Komischen , was Ihr Küster darüber auszubreiten wußte , mich ein Gefühl der Rührung nicht verließ . Ich sah in diesem Empfangen der einfachsten leiblichen Gaben einerseits , und in der Ehrfurcht , womit sie anderseits dargeboten wurden , gewissermaßen das frömmste , schlichteste Bild der Kirche , welche zu ihrem Bestande des täglichen Brotes nötig hat , und das Bild der Glaubigen , welche ihr das irdische Bedürfnis in der demütigen Überzeugung , daß sie damit sich ein Höchstes und Ewiges erhalten , darreichen , so daß weder auf der einen noch auf der andern Seite eine Knechtschaft , vielmehr bei beiden nur die Innigkeit des vollkommensten Wechselbezuges entsteht . « » Es freut mich « , rief der Diakonus , und drückte dem Jäger die Hand , » daß Sie die Sache so ansehen , über welche vielleicht ein anderer gespöttelt haben würde , daher es mir , wie ich Ihnen nun gestehen darf , im ersten Augenblicke auch gar nicht recht war , in Ihnen unvermutet einen Zeugen jener Szenen zu finden . « » Gott bewahre mich , daß ich über etwas , was ich in diesem Lande gesehen , spöttelte ! « versetzte der Jäger . » Ich freue mich jetzt , daß mich ein toller Streich zwischen diese Wälder und Felder geschleudert hat , denn sonst würde ich die Gegend wohl nicht kennengelernt haben , da sie auswärts wenig in Ruf steht , und in der Tat auch nichts Anziehendes für abgespannte und überreizte Touristen haben kann . Aber mich hat hier die Empfindung stärker , als selbst in meiner Heimat angefaßt : Das ist der Boden , den seit mehr als tausend Jahren ein unvermischter Stamm trat ! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich möchte ich sagen , entgegen . « Es ergaben sich aus dieser Äußerung Reden zwischen dem Diakonus und dem Jäger , welche beide führten , indem sie der Karre langsam folgten . Zehntes Kapitel Von dem Volke und von den höheren Ständen » Das unsterbliche Volk ! « rief der Diakonus . » Ja , dieser Ausdruck besagt das Richtige . Ich versichere Ihnen , mir wird allemal groß zumute , wenn ich der unabschwächbaren Erinnerungskraft , der nicht zu verwüstenden Gutmütigkeit und des geburtenreichen Vermögens denke , wodurch unser Volk sich von jeher erhalten und hergestellt hat . Rede ich aber von dem Volke in dieser Beziehung , so meine ich damit die besten unter den freien Bürgern und den ehrwürdigen , tätigen , wissenden , arbeitsamen Mittelstand . Diese also meine ich , und niemand anders vorderhand . Aus ihnen aber , und aus dieser ganzen Masse haucht es mich wie der Duft der aufgerißnen schwarzen Ackerscholle im Frühling