wieder wird etwas anderes daraus . Man kommt damit niemals zu Ende , wenn man sich Zeit dazu nehmen will . So kann man sich denn auch einbilden , alle möglichen Verhältnisse und Gestaltungen der Welt sind hier mit ihrem ganzen Verständnis niedergelegt und eingewirkt worden . Es ist , wenn man krankhaft gestimmt ist , kein unebenes Spielwerk . Man kann auch über dem Einmaleins ebenso schwärmen und alle Rätsel und alle Auflösungen derselben in diesen Zahlenverhältnissen sehen . Ja , aber dann wieder die echte Philosophie ! wie ich sie mir in meiner Unwissenheit vorstelle , so daß ich kein nachbetender Schüler werde , oder die Gestalten lege , die von selbst im Teppich in tausendfachen Verhältnissen sein müssen , wenn ihm geregelte Figuren eingewebt sind ; - sondern wahrhaft denken lernen - das Dunkel in mir hell , die aufdämmernden Lichter zu Gedanken machen , aus dem Denken und Bedenken zum Ge- und Bedachten kommen : - das muß freilich ganz etwas anderes sein ! « » Sie sind ein lieber , kluger Mann « , sagte Leonhard , » und geschickt . Ich habe Sie neulich belauscht , als Sie dort in Ihrem Zimmer so lustig und wohlgemut die Geige spielten . Auch das Talent hat mich überrascht , denn ich hatte früher noch nie etwas davon vermerkt . « » So ? « sagte der Alte lachend ; » ich treibe es auch nur für mich selber , zu meiner eignen Vergnüglichkeit . Zuhörer habe ich noch niemals gewünscht . Ja , Freundchen , diese liebe schöne Violine von Amati , und ein Buch , aus dem Spanischen in das Französische schon vor vielen Jahren übersetzt , machen meine Freude aus . Sie kennen die Geschichte wohl , sie heißt Don Quichotte , und mag im Spanischen wohl noch lieblicher sein . Ach , Mann ! in dem herrlichen Buche finde ich für mich alles mögliche erklärt und abgehandelt ; aller Aufschluß des Lebens liegt vor mir da , hell und klar und auf die lieblichste Weise in Schmerz und Ernst verkörpert und vernatürlicht . Ich fange mit Lachen und Freude an , wenn ich in dem Buch lese , und bin , wenn ich ein Weilchen innehalte , in die geistigen fernen Regionen , in Moral und Weltgeschichte versetzt und sehe und verstehe alles vollkommen , und mir ist in der Freude so wohl , so selig , möcht ich sagen , daß ich diesem Manne , dem Herrn Cervantes , die hellsten Lichtblicke meines Lebens zu verdanken habe . « » Sie verstehen zu lesen , Freund « , sagte Leonhard freudig überrascht , » ich kenne und liebe Ihren Autor , und wenn ich ihn wieder lese , und vielleicht mit mehr Applikation , so werde ich dabei an Sie denken und Ihnen danken . « » Sehen Sie « , rief der Alte , » Denken , Danken ist mehr ein Gleichlaut und kein Reim und hängt doch auch zusammen . - Ach , Herr Leonhard , was sind wir arme , gedrückte , schwache Menschen doch für Wesen ! Und wie hat uns Gottes Güte so wunderbarlich erschaffen ! Wenn ich so meine Geliebte , wie ich sie immer nur nenne , meine Geige in den Arm nehme , und das liebe Ding lacht und weint und plaudert so anmutig unter meinem Bogenstrich - so bin ich im Himmel und weiß nicht mehr , ob ich die Violine spiele oder ob sie mich spielt . Es jauchzen und winseln im schäkernden Lächeln Gefühle und Worte aus mir heraus , die ich auf keine andere Weise sprechen , Gedanken , die ich nur so finden kann , und die doch ohne alle Vernunft höher als die Gedanken stehen . Glauben Sie mir , das ist die seltsamste Freude , was Unaussprechliches , sich so selbst zu finden , sich selbst so in Tönen und in Begeisterung , die von sich doch nichts wissen , kennenzulernen . « » Bester Herr Joseph « , rief Leonhard , » Sie glauben nicht , wie sehr Sie aus meinem Herzen sprechen . Ich kann Sie versichern , unsere Geister sind sich nahe verwandt . Ich verstehe Sie ganz . « » Kann wohl sein « , sagte Joseph , und gab dem jüngeren Freunde die Hand . » Fühlen Sie einmal « , fuhr er fort , » die erhöhte starke Hornhaut an diesen meinen Fingerkuppen ; das kommt von meinem stetigen Violinspielen . Hart wie Horn die fein gehobenen Nervenpünktchen , in welchen die andern Menschen ihr leisestes Anfühlen zu haben glauben ; und mit diesen Verhärtungen fühle ich auf den Saiten um ein Atom das Höhere und Niedere , ohne zu irren . Hier hinein vibriert der Klang und wird von hier und mit dem toten Bogen zu dem seelenvollen Ausdruck erhoben , zu der Weiche und Innigkeit , wie kein menschliches Organ es vermag . Ist es eigentlich nicht wunderbar ? « » Aber von welchem Meister « , fragte Leonhard , » waren nur die ganz wunderbaren Passagen , die ich Sie neulich mit der ungeheuersten Anstrengung spielen hörte ? Eben vorgestern , als ich Sie belauschte , und Sie mir nachher verdrüßlich schienen ? « Joseph schwieg still , wandte sich ab und ging im Zimmer auf und nieder . Er schien verlegen , und Leonhard bemerkte , daß sein Antlitz röter war , als gewöhnlich . Dann stellte er sich vor Leonhard hin , sah diesen bedenklich an , und sagte : » Sosehr ich Ihnen auch vertraue , kann ich Ihnen doch , was diese musikalische Phantasie betrifft , keine Antwort geben . « » Aber ich bitte « , sagte Leonhard , » die Sache wird mir um so wichtiger , da Sie zögern und wie in Verlegenheit erscheinen . Ich bin überzeugt , ich werde Sie verstehen , so wie mir alles , was Sie mir jetzt gesagt haben , nicht fremd und unverständlich ist