er schon am Tage nach jeder Beschäftigung , sie mochte noch so reinlich sein , von ihr gesehn hatte , sie tat es auch jetzt . Den Hahn des Wasserkränchens am Fenster aufdrehend , netzte sie ihre Finger und trocknete sie dann sorgfältig ab . Es war Hermann , als ob eine leichte Röte ihre Augenwimpern säume , da sie zufällig das volle Antlitz nach der Seite wandte , wo er sich befand . Sie prüfte Fenster und Läden , ob sie verschlossen seien , hing die Schlüsseln in das Wandschränkchen und entfernte sich . Hermann war , wie in zwei Hälften geteilt . Die sichtliche Erscheinung hatte das Bild , womit er beschäftigt gewesen war , zerstört ; sie war anders , als jenes . Er wußte unter beiden nicht zu wählen . Zehntes Kapitel In jedem Hause , besonders in bürgerlichen , wo ein enges Zusammensein manche Reibung erzeugt , sammelt sich von Zeit zu Zeit allerhand Gärstoff , der denn zu Ausbrüchen des Verdrusses zwischen den Ehegatten oder den Eltern und Kindern notwendigerweise führen muß . Dann wird wieder Friede geschlossen , den alle Teile für einen ewigen halten , obgleich die Verhältnisse bleiben , wie sie sind . Am besten ist es , wenn jener Gärstoff , durch eine Berührung von außen entzündet , sich nach außen entladen kann . Auch unter dem Dache des Rektors hatten verschiedne Meinungen über Häusliches , Kindererziehung und dergleichen ein gewisses Mißbehagen hervorgebracht , welches freilich dem Fremden nicht gleich sichtbar ward . Dazu kam die Angelegenheit mit der Todeserklärung des verschollnen Sohns und das Verhältnis Wilhelminens zum Konrektor , welches Mann und Frau nicht mit denselben Augen ansah . Letztre , wie alle Frauen , Anhängerin der Natur , wollte die Verbindung , ersterer , sein System über jede menschliche Beziehung setzend , gönnte dem mittelalterlichen Jünglinge nichts , am wenigsten ein Frauenzimmer , woran er selbst einen fast väterlichen Anteil nahm . Nun waren durch den feuerspeienden Berg und den Zwist der beiden Familienhäupter alle verborgnen Fermente entbunden und aufgezehrt worden . Es bedurfte der Unterhandlungen , welche die Rektorin in Hermanns Hand hatte legen wollen , nicht einmal , um die Versöhnung herbeizuführen . Am frühen Morgen war nach vorausgesandtem herzlichen Schreiben der Edukationsrat zum Rektor gekommen , und hatte aufrichtig um Verzeihung gebeten , die ihm denn auch mit einem lateinischen Verse gewährt worden war . Der Rektor fühlte sich hierauf hergestellt , und hielt wohlgemut seine griechische Stunde ab , so daß unser Freund vor den Schülern nicht zuschanden zu werden brauchte . Eine große Heiterkeit verbreitete sich über das Haus , man erwies einander kleine Aufmerksamkeiten , verhielt sich über die streitigen Punkte schonender und nur die Kinder wurden , wie zuweilen die Völker , die Opfer dieses Friedensschlusses ; man nahm sie nämlich von beiden Seiten unter die geschärfteste Aufsicht , um die Gelegenheit zu neuem Hader zu vermeiden . Hermann waren von der Rektorin , die gern in allen Stücken Fristen festsetzte , drei Tage des Verweilens zugestanden worden . Er war viel außer dem Hause , hatte Bekanntschaft mit dem Konrektor gemacht , welcher wieder von seinem Verdachte zurückgekommen war , ließ sich alte Sagen erzählen , und suchte sich auf alle Weise zu zerstreun . Die Eröffnungen seiner Wirtin hatten ihn in eine gespannte , peinlich-süße Lage versetzt . Der unvermutete Anblick einer weiblichen Neigung hat , wir dürfen uns des Ausdrucks bedienen , etwas Erschreckendes . Die Natur , welche verlangt , daß des Manns Gefühl , ausgesprochen , erst jene Blüte hervorrufen soll , kehrt sich in einem solchen Falle um , aber , anstatt den Greuel zu enthüllen , deckt sie das verborgne Schöne auf . Was Wunder , wenn dann die Sinne des Anschauenden in Wonne und Graus durcheinanderschwanken ! Hermann fragte sich hundertmal des Tages über sein Herz aus ; es wollte ihm keine Antwort geben . Was vorher so nahegelegen hatte , schien nun durch Entdeckungen , die es noch näher bringen sollten , weit , weithin entrückt zu sein . Er fühlte ein Bedürfnis , beständig um Cornelien zu sein , und wenn er sie sah , so wich er ihr doch lieber aus . Seine Unruhe ward durch die ihrige noch vermehrt , sie war , wenn sie mit ihm zusammen sein mußte , augenscheinlich verlegen , ja traurig . Die Rektorin schien sich um beide nicht zu bekümmern . Ein geringfügiger Umstand entschied endlich seine Empfindung . Auf einer Kommode sah er Schreibbücher liegen , auf denen Corneliens Name stand . Er öffnete eins ; in scharfen und doch unsichern Zügen waren allerhand Sprüche und Vorschriften kopiert , am häufigsten der Satz : » Wer zu rasch nach dem Ziele läuft , bricht unterwegs den Fuß . « Draußen hörte er ein Geräusch und sah , durchs Fenster blickend , die Knaben des Rektors mit Cornelien im Garten Haschen spielen . Eine Kälte , die ihm wohltat , breitete sich durch seine Brust . » Sie ist noch ein Kind « , sagte er für sich . » Mein Verhältnis zu ihr wäre gemacht , unnatürlich , erzwungen . Das beste wird sein , zu schweigen und zu reisen . « Er war ein paar Straßen auf und ab gegangen , um seinen Vorsatz recht reif zu denken , als ihm zunächst dem Tore der Hirt begegnete . » Bester Herr « , rief dieser , » wie gut , daß ich Sie treffe ! Wenn es Ihnen nichts verschlägt , so kommen Sie auf ein Stündchen hinaus . Ich glaube . Sie könnten da durch Zureden etwas Gutes stiften . « » Was ist , Alter ? « fragte Hermann . » Lieber Gott , der Fremde mit dem großen Hute , den Sie bei mir gesehen haben , und der seinen Namen durchaus nicht nennen will , macht mir viel Not . Seine wenigen Groschen sind aufgezehrt , nun wollte ich ihm gern noch weiter borgen , aber er