sie war als Corinna gekleidet , ein Turban von aurora- und orangefarbner Seide , ein ebensolches Gewand mit einer orangen Tunika , sehr hoch gegürtet , so daß ihr Herz wenig Platz hatte ; ihre schwarzen Augenbrauen und Wimpern glänzten , ihre Lippen auch , von einem mystischen Rot ; die Handschuh waren herabgestreift und bedeckten nur die Hand , in der sie das bekannte Lorbeerzweiglein hielt . Da das Zimmer , worin sie erwartet war , so viel tiefer liegt , so mußte sie vier Treppen herabsteigen . Unglücklicherweise nahm sie das Gewand vorne in die Höhe , statt hinten , dies gab der Feierlichkeit ihres Empfangs einen gewaltigen Stoß , denn es sah wirklich einen Moment mehr als komisch aus , wie diese ganz im orientalischen Ton überschwankende Gestalt auf die steifen Damen der tugendverschwornen Frankfurter Gesellschaft losrückte . Die Mutter warf mir einige couragierte Blicke zu , da man sie einander präsentierte . Ich hatte mich in die Ferne gestellt , um die ganze Szene zu beobachten . Ich bemerkte das Erstaunen der Staël über den wunderbaren Putz und das Ansehen Deiner Mutter , bei der sich ein mächtiger Stolz entwickelte . Sie breitete mit der linken Hand ihr Gewand aus , mit der rechten salutierte sie mit dem Fächer spielend , und indem sie das Haupt mehrmals sehr herablassend neigte , sagte sie mit erhabener Stimme , daß man es durchs ganze Zimmer hören konnte : » Je suis la mère de Goethe . « . » Ah , je suis charmèe « , sagte die Schriftstellerin , und hier folgte eine feierliche Stille . Dann folgte die Präsentation ihres geistreichen Gefolges , welches eben auch begierig war , Goethes Mutter kennenzulernen . Die Mutter beantwortete ihre Höflichkeiten mit einem französischen Neujahrswunsch , welchen sie mit feierlichen Verbeugungen zwischen den Zähnen murmelte , - kurz , ich glaube , die Audienz war vollkommen und gab einen schönen Beweis von der deutschen Grandezza . Bald winkte mich die Mutter herbei , ich mußte den Dolmetscher zwischen beiden machen ; da war denn die Rede nur von Dir , von Deiner Jugend , das Porträt auf der Tabatiere wurde betrachtet , es war gemalt in Leipzig , eh Du so krank warst , aber schon sehr mager , man erkennt jedoch Deine ganze jetzige Größe in jenen kindlichen Zügen , und besonders den Autor des Werther . Die Staël sprach über Deine Briefe und daß sie gern lesen möchte , wie Du an Deine Mutter schreibst , und die Mutter versprach es ihr auch , ich dachte , daß sie von mir gewiß Deine Briefe nicht zu lesen bekommen würde , denn ich bin ihr nicht grün ; sooft Dein Name von ihren nicht wohlgebildeten Lippen kam , überfiel mich ein innerlicher Grimm ; sie erzählte mir , daß Du sie amie in Deinen Briefen nenntest ; ach , sie hat mir ' s gewiß angesehen , daß dies mir sehr unerwartet kam ; ach , sie sagte noch mehr . - Nun riß mir aber die Geduld ; - wie kannst Du einem so unangenehmen Gesicht freundlich sein ? - Ach , da sieht man , daß Du eitel bist . - Oder sie hat auch wohl nur gelogen ! - Wär ich bei Dir , ich litt ' s nicht . So wie Feen mit feurigen Drachen , würd ich mit Blicken meinen Schatz bewachen . Nun sitz ich weit entfernt von Dir , weiß nicht , was Du alles treibst , und bin nur froh , wenn mich keine Gedanken plagen . Ich könnte Dir ein Buch schreiben über alles , was ich in den acht Tagen mit der Mutter verhandelt und erlebt habe . Sie konnte kaum erwarten , daß ich kam , um alles mit ihr zu rekapitulieren . Da gab ' s Vorwürfe ; ich war empfindlich , daß sie auf ihre Bekanntschaft mit der Staël einen so großen Wert legte ; sie nannte mich kindisch , albern und eingebildet , und was zu schätzen sei , dem müsse man die Achtung nicht versagen , und man könne über eine solche Frau nicht wie über eine Gosse springen und weiterlaufen ; es sei allemal eine ausgezeichnete Ehre vom Schicksal , sich mit einem bedeutenden und berühmten Menschen zu berühren . Ich wußte es so zu wenden , daß mir die Mutter endlich Deinen Brief zeigte , worin Du ihr Glück wünschest , mit diesem Meteor zusammenzustoßen , und da polterte denn alle ihre vorgetragene Weisheit aus Deinem Brief hervor . Ich erbarmte mich über Dich und sagte : » Eitel ist der Götterjüngling ; er führt den Beweis für seine ewige Jugend . « - Die Mutter verstand keinen Spaß ; sie meinte : ich nehme mir zu viel heraus , und ich soll mir doch nicht einbilden , daß Du ein anderes Interesse an mir habest , als man an Kindern habe , die noch mit der Puppe spielen ; mit der Staël könnest Du Weltweisheit machen ; mit mir könnest Du nur tändeln . Wenn die Mutter recht hätte ? - Wenn ' s nichts wär mit meinen neu erfundnen Gedanken , von den ich glaubte , ich habe sie alleine ? - Wie hab ich doch in diesen paar Monaten , wo ich am Rhein lebe , nur bloß an Dich gedacht ! - Jede Wolke hab ich um Rat gefragt , jeden Baum , jedes Kraut hab ich angesprochen um Weisheit ; und von jeder Zerstreuung hab ich mich abgewendet , um recht tief mit Dir zu sprechen . O böser , harter Mann , was sind das für Geschichten ? Wie oft hab ich zu meinem Schutzengel gebetet , daß er doch für mich mit Dir sprechen soll , und dann hab ich mich still verhalten und die Feder laufen lassen . Die ganze Natur zeigte mir im Spiegel , was ich Dir sagen soll ; wahrhaftig , ich habe geglaubt , alles sei von Gott so